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Das Lügengerüst des Hussein K.
Ein Ort der Trauer. In der Nähe dieses Baumes wurde Maria L. ermordet. Foto: Sean Gallup/Getty Images
Justiz

Das Lügengerüst des Hussein K.

Der Freiburger Prozess um den Mord an einer 19-Jährigen wühlt die Bürger auf. Es geht nicht nur um das Thema Sicherheit, sondern um Missbrauch des Gastrechts.

21.03.2018
  • STEFAN HUPKA

Freiburg. Gut und Böse trennt nicht viel. Manchmal sind es nur zwei Meter. Das ist der Abstand zwischen Hamid H. und Hussein K. an diesem Vormittag im späten September. Sie waren Freunde, haben einiges durchgemacht, auch Gefahren zusammen überstanden. Jetzt sitzt der eine im Landgericht Freiburg auf dem Zeugenstuhl als freier Mann, der andere kauert mit Fußfesseln auf der Anklagebank als Schwerverbrecher. Hamid H. hat erkennbar Ehrgeiz, Charme und Ziele, Hussein K. hat buchstäblich nichts davon – nur ein junges Menschenleben auf dem Gewissen und vor sich die Aussicht auf eine lebenslange Haft.

Es ist ein Schlüsselmoment dieses Strafprozesses, der die Öffentlichkeit nicht nur in Freiburg seit einem halben Jahr mitnimmt wie kein zweiter. Eine Nachwuchshoffnung und eine gescheiterte Existenz – zwei sehr verschiedene Gesichter zu dem Thema, das die Republik seit drei Jahren umtreibt: Flüchtlinge. Der Afghane Hamid H. war es, der seinen Kumpel Hussein K. Ende 2015 vom Balkan nach Freiburg gelotst hat. „Hier kann man ein anständiges Leben führen“, habe er ihm damals gesagt. „Und wenn man fleißig ist, erreicht man was.“ Er hat eine Lehrstelle.

Hussein K. dagegen hat nur eines erreicht – dass, wer ihn im Gerichtssaal erlebt, nicht anders kann, als diesen maskenhaften Mann für gefühllos, berechnend und verlogen zu halten. 24 Verhandlungstage lang hatte der Angeklagte Zeit, das Bild zu korrigieren. Es ist ihm nicht gelungen. „Er bleibt auf Dauer gefährlich“, resümiert Bernhard Kramer, der Anwalt der Familie des Opfers, in seinem Plädoyer – und begründet damit am vorletzten Verhandlungstag eine Strafforderung, die sich mit derjenigen des Anklägers deckt: Lebenslang, Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld und anschließende Sicherungsverwahrung.

„Das hieße einen Menschen aufgeben“, kommentiert Pflichtverteidiger Sebastian Glathe die Forderung. Es wäre, wenn es am morgigen Donnerstag bei der Urteilsverkündung so kommt, die Höchststrafe. Umso auffallender ist der sachliche Ton, den Kramer anschlägt. Seine Mandanten, die Eltern des Opfers, seien von Trauer und Schmerz geleitet, nicht aber von Rache oder Hass. „Sie wollen, dass der Rechtsstaat alles tut, damit nicht anderen Menschen das Gleiche passiert wie ihrer Tochter.“

Es ist die Nacht zum 16. Oktober 2016, als es passiert. Maria L. ist per Fahrrad auf dem Heimweg von einer Institutsparty. Gegen den Mann, der sie gegen 2.30 Uhr überfällt, hat sie keine Chance. Schon das taktische Teilgeständnis des Täters zu Prozessbeginn ist ein Horror. Was die Ermittler und Gutachter später berichten, gehört zum Schlimmsten, das sich ein Prozesspublikum antun muss. Wie der Täter ihr auf dem Radweg an der Dreisam auflauert, sie vom Fahrrad stößt, bis zur Bewusstlosigkeit würgt, entkleidet, beißt, mit den Fingern malträtiert und die Ohnmächtige so in den Fluss legt, dass sie ertrinken muss. „Er hat mit ihr ein grausames Spiel getrieben“, sagt Oberstaatsanwalt Eckart Berger in seinem Plädoyer.

Dabei hatte die 19-Jährige Freiburg für ihr Medizinstudium unter anderem deshalb ausgewählt, weil sie sich hier sicher wähnte. Anders als im Moloch Brüssel, wo sie als älteste von drei Töchtern deutscher EU-Juristen aufgewachsen ist. Und dachten so ähnlich nicht auch die meisten Freiburger – bis dahin? Demnach wäre dieser Mord auch ein böses Erwachen aus einem kollektiven Traum von einer heilen Welt. Das könnte erklären, warum diese Tat gerade die Freiburger Seele so nachhaltig verstört.

Aber das erklärt es nicht allein. Die Verunsicherung ist erst eine allgemeine geworden, als den Bürgern bewusst wurde, wer diese Tat begangen hat: Jemand, der sich als minderjähriger Schutz- und Hilfsbedürftiger ausgab, jedoch die Großzügigkeit der Gastgeber auf das Brutalste ausgenutzt hat.

Hussein K. hatte alles und bekam alles, wovon ein junger Flüchtling – in diesem Fall zweifellos ein Armutsflüchtling – nur träumen kann. Er lebte bei einer Arztfamilie in einer Villa. Er ging zur Schule, bekam Therapieangebote, hatte Familienanschluss und ein gutes Taschengeld.

In dieser „fantastischen Lebenssituation“, so Berger, verübte Hussein K. seine Tat. Sein feudales Leben hatte er sich zudem durch Täuschungen erschlichen, auch dank Versäumnissen und Schludrigkeiten. Hussein K. war, was der deutschen Polizei verborgen blieb, vorbestraft?

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21.03.2018, 06:00 Uhr

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