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Frankfurt

Das Meer der Bücher

Kleine Großdichter und große Kleinverlage sind in Frankfurt zu erleben. Flandern und die Niederlande bieten an einem imaginären Sandstrand Urlaubslektüre an.

20.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Frankfurt. Links dreht der alte Gutenberg, in mittelalterlichem Kostüm, an der Druckerpresse. Das Mainzer Gutenberg-Museum zeigt rührend, wie's anfing. Rechts in Halle 4.1 reichen gerade ein paar schlaue Menschen den Zuhörern einen „Espresso for the mind“ in der neuen Abteilung „The Arts+“, einer Messe in der Messe für die Kultur- und Kreativindustrie. 3D-Druck, Artificial Intelligence, Virtual Reality. Das Google Cultural Institut ist dabei auf dieser Ausstellungsfläche und auch das Amsterdamer Van-Gogh-Museum, das aus einem Brief seines Helden zitiert, wonach er eine unwiderstehliche Leidenschaft für Bücher empfinde. Immerhin.

Der britische Maler und Multimediakünstler David Hockney stellt daneben sein 2500 Euro teures Riesenbuch „Sumo“ (auf Papier!) vor: Gemälde zum Durchblättern, ausnahmsweise händisch. „Content“ also heißt das Zauberwort, das Buch werde zum Luxusobjekt, hat Juergen Boos, der Buchmesse-Chef, verkündet, es gehe schon lange nicht mehr um den Verkauf von Buchlizenzen, sondern um Inhalte, um alles wirtschaftlich Verwertbare: ob als Drehbuch für den Film, als Vorlage für Internet-Games oder als digitale Plattform.

Aus Stuttgart ist das „moovel lab“ vertreten, das zum Daimler-Konzern gehört, eine Mobilitätsplattform, die sich mit Zukunftsfragen des urbanen Verkehrs beschäftigt. Auf der Buchmesse? Ein Wachsdrucker malt gerade ein buntes Schaubild, wer sich in Berlin so alles wie bewegt . . . Und ein Kinderbuch stellt Raphael Reimann vor: „Where do cars go at night?“ Schlafen Autos? Hier in Frankfurt müsste noch geklärt werden, ob sie auch lesen.

Die Menschen tun's. Und gerne lassen sie sich von Buchpreisen animieren. „The Winner Takes It All“ war gestern der Titel einer Diskussionsrunde, Gast waren auch die Engländer vom „Man Booker Prize“, dem Vorbild des Deutschen Buchpreises. Feiert sich nur die Branche selbst, wie beeinflussen Buchpreise den Markt? Da braucht's keine Theoretiker. Auf zum relativ kleinen Stand der relativ kleinen Frankfurter Verlagsanstalt in Halle 3. So zehn bis fünfzehn Bücher bringt Verleger Joachim Unseld im Jahr heraus. Bodo Kirchhoff gehört zu seinen Autoren, mit einer Auflage von 25000 startete dessen Novelle „Widerfahrnis“.

Den Buchpreis gefeiert

Aber gestern Mittag stehen die beiden Männer etwas übernächtigt in der Koje. Wahrscheinlich haben sie seit Montag durchgefeiert. Kirchhoff hat sensationell den Deutschen Buchpreis gewonnen. „Der Buchpreis hat eine unglaubliche Bedeutung, er steht ganz oben in einer Reihe mit dem Büchner-Preis, er bringt eine wahnsinnige Steigerung der Auflage“, sagt Unseld, der Kirchhoff seit den späten 70er Jahren kennt, als er noch für seinen Vater Siegfried Unseld bei Suhrkamp arbeitete. Er rechnet vor: „Man darf die Auflage jetzt mal sieben hochrechnen.“ Macht mindestens 175000. Ein Bestseller, ein Lottogewinn für einen kleineren, unabhängigen Verlag. „So, was kommt als nächstes?“, fragt Bodo Kirchhoff – er gibt laufend Interviews.

Die Buchmesse ist natürlich auch ein Autorenfest. Also Autoren sind jene Menschen, die Content produzieren. Da sitzt Philipp Winkler auf dem „Blauen Sofa“ des ZDF und kriegt auch einen Preis: den „Aspekte“-Literaturpreis. Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand sein Roman „Hool“ auch, mit dem er sich „wie eine Leuchtrakete in die Fankurve der deutschen Literatur hineingeschrieben“ hat. Jetzt soll er antworten, wie er die neue Realität des Erfolgs erlebe. Nach Gefühlen fragen sonst nur Sportreporter nach dem Spiel, und Winkler bleibt ähnlich stumm.

Biermann erklärt die Welt

So etwas kann einem Wolf Biermann nicht passieren, der Liedermacher tourt von Termin zu Termin mit seiner Autobiografie, beim Deutschlandradio fläzt er sich in den Sessel und erklärt sich und die Welt. „Es muss ja nicht jeder den Drachentöter spielen in diesem Theater“, sagt der Ex-Dissident – ja, Mensch!, der bald 80-jährige Biermann, der fröhlich und gesund dreinschaut wie ein Mittsechziger.

Biermann jedenfalls übernimmt bereitwillig und wortgewaltig die Hauptrolle, erzählt vom Osten und Westen und seinen Freunden und Feinden, teilt die Kollegen in „kleine Großdichter oder große Kleindichter“ auf. Wahrscheinlich gehört er letzterer Gruppe an. In keine Kategorie passt Bob Dylan, der frisch gekürte Nobelpreisträger, mit dem die Schwedische Akademie noch immer Kontakt aufnehmen möchte. Auf der Buchmesse ist der Rockpoet jedenfalls auch nicht, sein deutscher Verlag Hoffmann und Campe feierte aber natürlich: „Let's have a drink.“

Aber aus Flandern und den Niederlanden sind sie gleich im Sonderzug angereist, Autoren und Verleger des Ehrengastes. Die Sprache und das Meer verbindet sie: „Dies ist, was wir teilen“ lautet das Motto. Im Forum haben sie entsprechend eine fast 100 Meter lange Strandlandschaft auf Gaze-Vorhänge projiziert. Und ans Ufer werden Bücher gespült. Verschwommen im Meer sind sie zu sehen, in den Regalen hinter den Vorhängen liegen sie aus, mehr als 450 Neuerscheinungen auf Deutsch. Nicht nur Belletristik, auch Johan Cruyff, der holländische Fußballgott, ist ein Thema, ebenso wie Kunstbände über Vermeer und Rembrandt.

Vor dem gefilmten Strand haben die Pavillon-Architekten eine Promenade gebaut, aus 66 000 Klinkersteinen. Die Urlaubslektüre der Buchmesse kommt also aus den Niederlanden und Flandern. „Ich denke, Wissen ist wie Wasser, das bei Ebbe am Strand zurückbleibt“, so steht's am Horizont. Das ist wohl die schönste Umschreibung dafür, was Content sein kann.

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20.10.2016, 06:00 Uhr

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