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Von Talern und Kindergeburtstagen

Das Mittwochs-Interview: Der Nordstetter Organisator Ingo Schulze über seinen letzten Deutschlandlauf

Vergangene Woche ist der letzte Deutschlandlauf des Organisators Ingo Schulze zu Ende gegangen. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE spricht der Nordstetter über die letzte Etappe in Lörrach, wo kurz zuvor eine Frau vier Menschen getötet hatte, seinen potenziellen Nachfolger, dem er die Aufgabe nicht zutraut, und Leute, die ihn hämisch anschauen.

29.09.2010

SÜDWEST PRESSE: Herr Schulze, die finale Etappe Ihrer Deutschland-Tour führte nach Lörrach, wo drei Tage zuvor eine Frau bei einem Amoklauf ihr Haus explodieren lassen und vier Menschen getötet hatte. War davon noch was zu spüren, als Sie mitsamt Ihrem Team dort ankamen?

INGO SCHULZE: Nein, weil wir sind gar nicht ganz nach Lörrach reingekommen. Wir waren fast außerhalb von Lörrach in einem Sportpark. Einige Betreuer sind in die Innenstadt reingefahren, da war schon irgendwie was zu spüren.

Inwiefern?

Die Menschen, die auf den Parkbänken saßen, die haben sich da drüber unterhalten. Und die Betreuer waren wohl auch in der Nähe dieses Hauses, das abgebrannt wurde. Dann hat man gesagt, die Bürgermeisterin oder Oberbürgermeisterin könne leider nicht kommen zur Abschlussfeier – aber die ist ja nie dagewesen; die hat da immer ihre alte, blinde, fast gehbehinderte Stellvertreterin geschickt.

Oh!

…ja, die kam da so auf Krücken rein; ich glaube, die wusste gar nicht, wo wir überhaupt waren.

Ärgert das einen?

Nee, ich kenne das ja und bin da auch gar nicht mehr enttäuscht. Ich muss mich damit einfach abfinden, dass wir eine recht uninteressante Sportart betreiben. Es ist zwar ein großes Unternehmen, ein Lauf durch ganz Deutschland, durch ganz Europa – aber dennoch eine kleine Veranstaltung, weil wir haben ja nicht die Tausende von Leuten. Hier waren es um die 30 Läufer, bei so einem Europalauf 50.

Haben Sie deshalb auch immer Probleme, für diese Läufe Sponsoren zu finden?

Ja, ich dachte auch mal, dass ein Sponsor weniger die Teilnehmer im Blick hat, sondern dass er sieht, man ist jeden Tag woanders. Wie zum Beispiel beim Europalauf: Wenn da jetzt ein Fernsehsender wäre, der immer mal wieder einen begleitet… – aber selbst das nützt nichts: 2003 hat die ARD ja abwechselnd mit dem ZDF fast jeden Tag im „Morgenmagazin“ darüber berichtet. Und auch da gab’s nur einen Sponsor, und das war eher ein Gönner. Also als Sponsor kann man die Leute hier gar nicht bezeichnen.

Was spornte Sie dann an, solche Läufe zu organisieren? Purer Idealismus?

Na gut, ich bin seit 32 Jahren Ultra-Langstreckenläufer. 1983 und 1993 bin ich alleine durch Deutschland gelaufen, kam auch jedes Mal ins „Guinness’ Buch der Rekorde“. Und mein Traum war, so etwas mal wettkampfmäßig zu machen. Das gab’s halt nicht, und dann habe ich das eben gemacht. Aber es ist jetzt auch nicht so, dass man sagt: „Jawoll, Idealismus!“ Es bleibt schon etwas hängen. Ich kann damit jetzt nicht meinen Lebensunterhalt finanzieren – manch einer wird sagen, „die 2000, 3000 Euro, die du daran verdienst, dafür würde ich morgens nicht mal aufstehen!“ Aber ich lege nicht drauf, ich mache auch nicht das große Geld damit und freue mich, wenn ein Taler übrig bleibt.

Sie berichteten aber auch von Leuten, die Ihnen das nicht so ganz abnehmen.

Ich habe immer wieder Leute, die mich so hämisch angucken: „Na, hast wieder ’nen Taler nebenbei verdient?“ Und da sag’ ich: „Ja, das habe ich! Aber, pass auf: Ich höre ja jetzt auf, und da kannst du ja meinen Job übernehmen!“ Aber die Leute stehen dafür ja nicht gerade Schlange.

Sie sollen allerdings einen Nachfolger in Aussicht haben.

Ja, aber da will ich noch gar nichts dazu sagen, denn ich kann mir noch nicht vorstellen, dass der das wirklich macht. Denn der hat noch nie so einen Lauf veranstaltet, und ich habe ihm auch geraten, dass er mit einem Kindergeburtstag anfangen soll und dann vielleicht noch mal einen kleinen Volkslauf. Aber bevor man so etwas macht, sollte man zuerst mal einen Volkslauf veranstaltet haben.

Um wen handelt es sich?

Da will ich jetzt noch nichts sagen, denn vielleicht ist es auch nur ein Strohfeuer, dass daraus gar nichts wird. Er ist noch nicht mal einen Marathon gelaufen. Und wenn man so was macht, dann muss man auch die Leiden der Leute kennen, um auf sie einzugehen. Na ja gut, das soll er halt dann eben machen… Ich sag’ mal, wenn jetzt ein Läufer käme, der so etwas schon gemacht oder Erfahrungen mit solchen Veranstaltungen hat – der kann gerne zu mir kommen und fragen, „du, sag mal, wie ist das da und da?“ Aber der, der sich da jetzt angeboten hat, der fängt ja bei Null an!

Und das wäre zu gewagt, so einen Deutschlandlauf zu organisieren?

Der kommt jetzt schon an und fragt: „Wo hast du das her? Und wo muss ich das noch?“ Ich sag’: „Du, ich habe jetzt den Deutschlandlauf beiseite gelegt, und ich mache da gar nichts mehr!“ Jetzt irgendwann mal ’ne Frage zu beantworten, ist ja kein Problem. Aber wenn ich da jetzt laufend Fragen beantworte und in meinen Datenbanken rumwühle, da kann ich das ja selber weitermachen! Diesen Deutschlandlauf mache ich inzwischen mit links – wenn man mir sagen würde, „komm, mach ihn doch nochmal!“ Dann fange ich ein Vierteljahr vorher mit der Arbeit an. Weil ich habe alle Daten, ich kann das. Aber wenn einer bei Null anfängt… Gut, er war einige Male als Betreuer dabei – aber das geht nicht!

War bei Ihnen Wehmut dabei, als Sie nach Ihrem letzten Deutschlandlauf mit dem Team noch zusammengesessen sind?

Doch, ja. Denn man hat mir den Abschied auch ein bisschen schwergemacht. Ich hatte jetzt auch eine Läufermannschaft gehabt, bei der ich mit keinem wirkliche Probleme hatte. Normalerweise hast du ja so Leute mit Star-Allüren, die ständig am Rumfurzen sind – aber diesmal hatte ich Leute, die tagsüber vielleicht den Rüssel hängen ließen, weil sie kaputt waren. Aber abends war ich dann wieder ihr Kumpel. Und bei den Betreuern war es das Gleiche: Die haben Hand in Hand gearbeitet. Ich hatte so eine eingespielte Mannschaft, da war ich tagsüber überflüssig! Und das ist das Wunderbare; wenn du alles gut vorbereitet hast und hast deine Leute richtig eingewiesen. Im Vorfeld hatte man Arbeit, da raucht dir der Schädel! Dann kommt die Auftaktveranstaltung, dann die ersten zwei Tage – aber dann kann man sich eigentlich schön zurückziehen, denn dann läuft alles automatisch.

Sie veranstalten am Samstag mit dem Gesundheitszentrum „Medico“ einen Lauf in Empfingen. Was hat es damit auf sich?

Ich war da mal kurze Zeit Patient, weil ich was am Bein gehabt habe. Das hat mir dann ganz gut gefallen, so dass ich da regelmäßig auch hingehe, um ein bisschen Bauch- und Rückenmuskulatur zu trainieren. Und da kam man dann letztes Jahr auf mich zu, dass man das Gesundheitszentrum in Empfingen eröffnen will. Und man wolle nicht nur ein paar Biertische hinstellen und ’nen „Hau den Lukas“, sondern irgendwas machen. Das ist dann gewachsen: Anfangs hatten wir überlegt, lassen wir ein paar Kinder im Kreis laufen. Bis es jetzt auf diesen Stand gekommen ist, dass da ein reeller Wettkampf stattfinden soll. Bild: kpd

Das Interview führte Tobias Zug Kein Startgeld, dafür Spenden

Um 10 Uhr startet am Samstag, 2. Oktober, der Hauptlauf in Empfingen anlässlich der Eröffnung des Gesundheitszentrums. Dabei sind zwei Runden à 5,35 Kilometer zu laufen. Es folgen die Läufe für Hobbyläufer und Kinder. Mitmachen kann jeder. Allerdings: Die Strecke ist nicht für Inliner geeignet! Im Zieleinlauf werden keine Erfrischungsgetränke in Einwegbechern ausgegeben. Der Ausschank von Tee, Wasser und Apfelschorle erfolgt in Teleskopbechern, die jeder Teilnehmer behalten darf. Es wird kein Startgeld erhoben: „Medico“ spendet für jeden Teilnehmer einen Betrag an den Verein „Von Mensch zu Mensch“ in Empfingen. Die ersten drei Frauen und Männer des Hauptlaufes erhalten einen Pokal, Urkunde, T-Shirt und ein kleines Sachgeschenk. Alle Teilnehmer des Hauptlaufes bekommen eine Urkunde. Der Start des Laufs ist vor dem Gesundheitszentrum, Im Auchtert 18. Anmeldungen sind vor Ort möglich. Information für den sportlichen Teil bei: Ingo Schulze, Hauptstr. 52, 72160 Horb-Nordstetten, Telefon 0 74 51/46 15, Telefax: 062 47 56, Mobil: 0171 / 42 51 435, E-Mail: ultralauf@ischulze.de.

Das Mittwochs-Interview: Der Nordstetter Organisator Ingo Schulze über seinen letzten

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29.09.2010, 12:00 Uhr

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