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Fernsehauftritte sind nicht seine Welt

Das Mittwochs-Interview: Weltmeister Michael Jung über den Medienrummel und das Tau-Ziehen um Sam

Die Stimme von Michael Jung, neuer und erster deutscher Vielseitigkeits-Weltmeister, klang gestern Morgen etwas heißer. Ansonsten wie immer. Ein freundlich, sympathischer 28-jähriger Reitsportler. Und soeben aus dem Flieger gestiegen: „Ich weiß noch gar nicht was mich in der Heimat erwartet.“ Der SÜDWEST PRESSE stand er am Frankfurter Flughafen Rede und Antwort.

06.10.2010

SÜDWEST PRESSE: Hallo Herr Jung, hatten Sie unmittelbar nach dem Geländeritt, dem Vielseitigkeits-Höhepunkt am Samstag in Lexington, keine Angst, als im Kentucky Horse Park alle auf Sam zustürmten?

Michael Jung: Ich bin direkt vom Pferd abgestiegen. Dann ging alles ganz schnell. Rückblickend muss ich sagen, richtig Zeit nach meinem Pferd zu gucken, blieb mir in der Tat nicht mehr. Ich wurde direkt zur Presse geleitet, anderthalb Stunden dauerte das. Sender aus verschiedenen Ländern, ARD- und Eurosport-Kameras. Und dann noch die große Pressekonferenz, das war schon gewaltig.

Welchen Stellenwert hat Vielseitigkeitsreiten in Amerika?

Unser Sport ist in Kentucky enorm groß aufgenommen worden. Die hatten im Gelände 60 000 Zuschauer. Morgens als ich das Gelände abgegangen bin, saßen die Amerikaner – wohlgemerkt zwei Stunden vor Prüfungsbeginn – schon an den Geländehindernissen. Die Tribüne war voll, überall hatten sie schon Plätze reserviert. Diese Menschenmassen kann man sich nicht vorstellen, selbst bei der Vielseitigkeits-Dressur war das Stadion fast voll.

Verglichen mit deutschen Schlachtenbummlern würden Sie also sagen, auch Amerikaner sind reitsportverrückt?

Definitiv! Kentucky hat so viel geboten. Da war während unserer Prüfungstage richtig was los. Bis Sonntag läuft das Programm der Weltreiterspiele ja außerdem noch weiter.

Sie haben wieder deutschen Boden unter den Füßen. Wo bleibt das Pferd?

La Biosthetique Sam ist im Augenblick in der Luft. Der müsste bald eintreffen, die Vielseitigkeitspferde landen wieder in Lüttich in Belgien und er wird mit der Spedition gebracht.

Ist das wieder ein Quarantäne-Flug?

Nein, zurück geht es direkt. Ab Mitte dieser Woche steht Sam auf alle Fälle wieder auf seiner Altheimer Koppel.

Sie satteln jetzt um auf Springpferde, das Turnier in Bisingen-Hohenzollern mit der letzten Stuttgart-Qualifikation steht vor der Tür.

Ja, genau.

Wäre Ihnen nicht lieber, Wolf-Dieter Poschmann vom ZDF ruft an, um Sie für Samstag in „das aktuelle sportstudio“ nach Mainz einzuladen?

Nein, ich muss ganz ehrlich sagen, auf Pferden bin ich lieber unterwegs. Bisingen-Hohenzollern ist auch Samstag, Sonntag und immer ein sehr schönes Turnier. Ich glaub dort ist es nicht ganz so stressig wie in einem Fernsehstudio.

Wo starten Ihre Vielseitigkeitspferde dieses Jahr noch?

Mit Weidezaunprofi`s River of Joy und Leopin fahre ich im Oktober nach Boekelo in Holland zu einer Dreisterne-Langprüfung. Das ist für die Pferde eine Qualifikation, um nächstes Jahr eventuell bei der Europameisterschaft in Luhmühlen antreten zu können. Mitte November geht´s dann noch in die Schleyerhalle.

Hat sich Stuttgarts German Master-Chef Gotthilf Riexinger bei Ihnen nach dem WM-Sieg gemeldet?

Bisher nicht, ich bin aber auch noch nicht zuhause. Und meine Handynummer hat er wahrscheinlich nicht.

Was sagen Sie ihm, wenn er nicht nur Sie, sondern auch das Weltmeisterschaftspferd in Stuttgart sehen will?

Das müsste ich mir überlegen, so spontan könnte ich das gar nicht sagen. Weil La Biosthetique Sam so ein empfindsames Pferd ist, möchte ich ihm so viel Trubel und Hektik in der Schleyerhalle eigentlich nicht antun. Außerdem hat er sich jetzt eine große Pause verdient. Die Saison ist für ihn auf alle Fälle beendet, man muss aber abwarten was für Ehrungen kommen. Und ob ich ihn mitnehme oder ob ich alleine zu den Ehrungen gehe.

Sie sprachen Luhmühlen an. Dort gewannen Sie mit Sam 2009 Ihre erste Viersterneprüfung. Und 2011? Gehen wir mal davon aus, dass Sie als Weltmeister bei der EM in der Lüneburger Heide dabei sein werden – nur auf welchem Pferd?

Ich hoffe, dass das jetzt in Boekelo ein sehr gutes Ende nimmt. River of Joy und Leopin laufen in Holland ihre erste Dreisterne-Langprüfung und beide Pferde hätten dann die Qualifikation für eine Europameisterschaft geschafft. Nächstes Jahr erst muss entschieden werden, welches Pferd in Luhmühlen antritt.

Hört sich komfortabel an, drei etwaige EM-Pferde im Stall zu haben. Vorausgesetzt Sam bleibt in Altheim, bekanntermaßen droht aber der Verkauf des Vierbeiners durch Sabine Kreuter aus Bayern, die Mehrheitsbesitzerin. Was gibt?s diesbezüglich Neues?

Überhaupt nichts. Ich denke in den nächsten Wochen, Monaten wird das geklärt. Ende des Jahres endet der Vertrag. Wir haben das alles ganz bewusst grob gesagt in die Zeit nach dieser Weltmeisterschaft verschoben.

Stimmt es, dass sich Mäzenin Madeleine Winter-Schulze aus Wedemark bei Hannover eingeschaltet hat? Am Sonntag stand sie im WM-Stadion direkt neben Joachim Jung…

…was mein Vater und Madeleine Winter-Schulze im Einzelnen gesprochen haben, weiß ich überhaupt nicht. Da ging es schlichtweg nur darum, dass man sich mal näher kennengelernt. Aber ich glaube nicht, dass sie da irgendetwas über den Sam gesprochen haben.

Wie sehen Sie Ihre Chancen, das Paradepferd zukünftig noch reiten zu können?

Es sind mehrere Leute, jetzt nach dieser Weltmeisterschaft in Kentucky ganz besonders, stark daran interessiert, dass das Pferd bei mir bleibt. Dass wir ein Team bleiben und weiterhin für Deutschland reiten können.

Bild: Kuball

Das Interview führte Frank Häusler

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Erstellt:
6. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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