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Lastenrad im Aufwind

Das Mössinger Unternehmen Radkutsche ist europaweit gefragt

Von Schweden bis Italien sind Lastenräder aus Mössingen unterwegs: Der Betrieb Radkutsche kann sich vor Aufträgen und Anfragen kaum retten. Nun hat Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, das Unternehmen besucht.

22.08.2015
  • Moritz Siebert

Mössingen. Matthias Gastel (Grüne) erinnert sich an Heidelberg, wo es einen Pflegedienst gibt, der ausschließlich mit Fahrrädern unterwegs ist. Er erzählt von Saarbrücken, wo es einen „mehr oder weniger funktionierenden Taxiservice“ mit Rikschas gibt. Und von Münster: Dort hat er einen Mann gesehen, der sein Kind samt Weihnachtsbaum auf einem Lastenrad transportiert hat.

Es geht alles. „Der Radverkehr wächst“, berichtet Gastel. Und zwar nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Als bahnpolitischer Sprecher seiner Fraktion tourt der Bundestagsabgeordnete durchs Land. Sein Interesse gilt der Zukunft der Mobilität in Deutschland: Er informiert sich über die Entwicklung des Radverkehrs, auf der Straße und in den Werkstätten. Diese Woche hat er in Mössingen Halt gemacht. Im Betrieb Radkutsche lassen sich Informationen über die Entwicklungen und Innovationen auf dem Markt aus erster Hand einholen.

„Der Markt ist in Bewegung“, sagt Radkutsche-Geschäftsführer Stefan Rickmeyer. Sein Unternehmen baut Lastenräder mit und ohne Motor in Modulbauweise. Das heißt: Zwei verschiedene Grundtypen können mit unterschiedlichen Aufsätzen von der Kinderbank bis zur Transportbox bestückt werden (siehe Kasten). Die Nachfrage nach solchen Rädern steigt kontinuierlich, Kundschaft hat die Radkutsche in ganz Europa. Rickmeyer liefert vor allem nach Holland, nach Belgien und in die Schweiz. Der Markt in Deutschland sei aber am interessantesten, sagt der Tüftler, gerade weil er noch hinterherhinkt.

Meistens bestellen Unternehmen anfangs zwei bis drei Räder für Testphasen, später rüsten sie ihren Fuhrpark dann nach. Für Logistikfirmen etwa ist das Lastenrad wegen der berühmten letzten Meile interessant, dem Transport der Ware vom Verteilzentrum zum Empfänger. Auch bei Handwerkern hat das Lastenrad an Beliebtheit gewonnen. In der Schweiz sind es oft Supermärkte, die ihren Kunden Lastenräder für den Transport ihrer Einkäufe zur Verfügung stellen. Auf die Frage, wo er seinen Fuß denn noch nicht drin habe, muss Rickmeyer lange nachdenken.

In diesem Jahr hat sich die Nachfrage beim kleinen Mössinger Betrieb im Vergleich zum Vorjahr versechsfacht. Darunter sind auch Anfragen für Großaufträge: Die Österreichische Post etwa hatte nach 1200 Rädern für einen Feldversuch angefragt, berichtet Rickmeyer. Er musste ablehnen: „Das konnten wir nicht leisten.“

Der Professionalisierungsgrad sei zwar sehr hoch im Betrieb, zur Fließbandarbeit soll es sich aber nicht entwickeln. Das schade am Ende vor allem der Kreativität der Mitarbeiter, sagt Rickmeyer. Noch liegt die Produktion von Lastenrädern in der Hand von kleinen Betrieben wie dem Mössinger Unternehmen. Die großen werden aber einsteigen, dessen ist sich Rickmeyer sicher.

„Der Radverkehr kann dort an Attraktivität gewinnen, wo er gefördert wird“, sagt Matthias Gastel. Wichtig seien gute Verbindungen, Abstellmöglichkeiten und sichere Wege. Für die Radkutsche steht die Produktion immer mit verkehrsrechtlichen Aspekten in Verbindung: Was geht auf den Radwegen in welchen Ländern und was nicht. Einen Punkt, an dem die Politik nachjustieren könnte, sieht Rickmeyer etwa bei der Motorenstärke von E-Bikes: „0,25 Kilowatt ist einfach zu wenig.“

Wenn Räder mehr Last transportieren sollen, brauchen sie einen größeren Motor, erklärt er. Und fest steht für Rickmeyer: „Wenn man ein Auto ersetzen möchte, braucht man einen Motor.“ Er ist aber zuversichtlich. „Es bewegt sich was.“ Es seien eben nur sehr viele kleine Schritte.

Das Mössinger Unternehmen Radkutsche ist europaweit gefragt
Besser festhalten: Der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) startet mit einem Lastenrad, im Gepäck der kleine Elias, Sohn von Nehrens Gemeinderat Gerhard Ziersch (rechts). Links Radkutsche-Geschäftsführer Stefan Rickmeyer.Bild: Franke

Vor zehn Jahren hat der Betrieb Radkutsche mit dem Bau von Rikschas begonnen, zunächst in Tübingen. Mittlerweile produziert die Radkutsche mit zehn Mitarbeitern in Vollzeit in Mössingen. Das Unternehmen hat sich sehr schnell auf die Produktion von Lastenrädern mit und ohne Elektro-Antrieb spezialisiert. Hergestellt werden die Räder in Modulbauweise: Für zwei Grundtypen (ein dreirädriges und ein zweirädriges Modell) sind unterschiedliche Aufsätze wählbar, etwa eine Kinderbank, eine Transportbox oder eine Rikscha-Bank. Spezialanfertigungen sind ebenso möglich, etwa Imbiss-Stand, Marktstand, Kühlsystem, Zelt oder Kaffee-Aufsatz. Gefertigt werden die Räder mit Systemmaß: Die Ladefläche entspricht immer der Größe einer Euro-Palette. Bis zu 300 Kilogramm sind zuladbar.

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22.08.2015, 12:00 Uhr

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