Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Glosse

Das Netz vergisst einen nie ganz

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart schaltet den „Kommentar zur Woche“ ihres Medienleiters Eckhardt Raabe zum Jahresende ab.

22.12.2016
  • Ulrich Eisele

Ha! Jetzt haben sie es doch getan! Jetzt hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihren Medienleiter Eckhard Raabe doch kaltgestellt. Klammheimlich, „hälenga“, wie der Schwabe sagt, haben die Kirchenoberen dem profilierten Pädagogen und Theologen den Sound abgedreht. Haben seinen „Kommentar zur Woche“ nach sechs Jahren und über 300 Videokommentaren zu aktuellen Themen der Zeit aus dem Programm genommen.

Dabei hat der ausgebildete Rundfunkmann das auf der Homepage der Diözese, YouTube und deutschlandweit auf „katholisch.de“ ausgestrahlte Format zum Kult gemacht. Fast so etwas wie eine Miniaturausgabe von „Fliege“ – falls sich noch jemand daran erinnert.

Woche für Woche räsonierte der bedächtige Bad Segeberger mit Herz und Verstand über Themen, die die Welt beweg(t)en: Ob Rainer Langhans‘ Einzug ins RTL-Dschungelcamp oder die gezielte Tötung des Top-Terroristen Osama Bin Laden, Frühjahrskur oder explodierende Akkus beim Samsung S7 – stets fand Eckhard Rabe nachdenkliche Worte: Müssen wir stets verbissen nach Erfolg oder ewiger Jugend streben? Sollten wir nicht auch mit Menschen Erbarmen oder Mitleid haben, die Schuld auf sich luden? Uns selbst nicht so wichtig nehmen? Nicht ständig verdrängen, dass wir sterben müssen? Und vor allem: mehr lieben?

Ausgerechnet mit einem Kommentar über ein Liebes-Thema ist der populäre Verkünder christlicher Heilsbotschaften nun gestolpert: In seinem „Kommentar zur Woche“ vom 30. September 2016 hatte er Verständnis für die Heirat zweier ehemaliger Nonnen in Italien geäußert und sich den Segen seiner Kirche dazu gewünscht. Zwei Wochen stand der Kommentar unbeachtet im Netz, bis ihn eine militant evangelikale Gruppierung aus England attackierte. Danach veranlasste Bischof Gebhard Fürst die Löschung des Videos (auf YouTube kann man es noch unter dem Stichwort „Forbidden Love: German Diocese promotes Homosexuality“ finden).

Für Eckhard Raabe werde dieser Kommentar keine Konsequenzen haben, antwortete damals Gebhard Fürsts Pressesprecher Uwe Renz auf TAGBLATT-Nachfrage. Jetzt aber anscheinend doch: Mit seinem Kommentar über die Liebe zweier Nonnen habe Eckard Raabe „daneben gegriffen“, sagte nun Bischof Gebhard Fürst.

Er habe mit Raabe gesprochen und sie hätten miteinander vereinbart, das Format zum Jahresende einzustellen. Er wolle die Pressearbeit der Diözese ohnehin „neu aufstellen“, so Fürst, neue Mitarbeiter einstellen und die komplette Abteilung in Rottenburg im Neubau in der Oberen Gasse zusammenziehen. „Mal sehen, was dann kommt.“

Von Eckhard Raabe gibt es noch einen Jahresrückblick, eine „Zufallsauswahl“, wie er pfiffig betont, die es jedoch in sich hat: Unter dem Titel „Niemals geht man so ganz“ (einem Chanson von Trude Herr) liest er seiner Kirche noch einmal gehörig die Leviten: „Sie muss eine ehrliche Kirche sein, von ihrem hohen Ross herabsteigen, bei den Menschen sein, zuhören, anstatt zu predigen ...“

Zum Thema Zensur zitiert er listig aus seinem Kommentar zum „Fall Böhmermann“: „Seit Papst Franziskus ... sind die verletzenden Satiren über den Papst verschwunden. Diesen Respekt hat sich der Herrscher über die größte Kirche der Welt nicht mit autoritärem Verhalten verdient, sondern mit Demut“, meint Eckhard Raabe.

In den Sozialen Medien gibt es schon erste Reaktionen zum Ende der Online-Videokolumne: „Ich finde nur, dass es schade ist, dass dieses profilierte und bundesweit einzigartige Format einfach so sang- und klanglos aufhört. In Zeiten wie diesen sehe ich dringenden Bedarf nach mutigen und starken Worten und ebensolchen Menschen“, schreibt Wolfgang M., und eine weitere (anonyme) Rezipientin bedauert: „O.k., also ich bin ehrlich: Mir fehlt er – der ,Kommentar zur Woche‘ von Eckhard Raabe. Und weil er wohl nicht vom Himmel fällt, bleibt mir nur das Schwelgen in Erinnerung.“

Sie und den zurechtgestutzten Kollegen mag immerhin Trude Herrs Schlusssatz aus dem schon oben erwähnten Chanson trösten: „Irgendwas von dir geht mit, es hat seinen Platz immer bei mir.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.12.2016, 01:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball