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Das Opernmuseum
Mythos aus den 1960er Jahren: Das rekonstruierte Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen für die „Walküre“. Foto: OFS/Forster
Inszenierungen

Das Opernmuseum

Retro oder jahrzehntelang konserviert: Salzburg zeigt eine „Walküre“ im Bühnenbild von 1967, Mannheim spielt einen 60 Jahre alten „Parsifal“.

05.04.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. In festen Schlaf/ verschlieߑ ich dich“, singt Göttervater Wotan im dritten Aufzug der „Walküre“. Ein Feuerzauber von Richard Wagner, mit dem Herbert von Karajan 1967 die Salzburger Osterfestspiele begründete. 50 Jahre später wacht sie wieder auf im Großen Festspielhaus – nicht Brünnhilde, aber diese Opern-Inszenierung.

„Re-Kreation“ heißt das Zauberwort. Und die geht so: Jens Kilian hat das damalige Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen nach Skizzen und Zeichnungen rekonstruiert. Opernarchäologie gewissermaßen. Diese „Walküre“ aus den späten 60ern, als Pop-Art und Hippie-Kultur angesagt waren – sie sieht vielmehr aus nach archaischer, mythischer, fantastischer Natur. Schon dieser Riesenbaum im ersten, im Wälsungen-Akt: ganz alt, weltfremd.

Gleichwohl soll Vera Nemirova nicht die alte Karajan-Inszenierung wiederbeleben – kann sie auch nicht. Christian Thielemann, der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle und künstlerische Leiter der Osterfestpiele, sagt auch, dass es „keinesfalls um eine Glorifizierung der damaligen Zeit gehe“, sondern „um die Befragung der Bühnenästhetik von gestern, heute und morgen“.

Für Thielemann, nicht gerade bekannt als Freund des ambitionierten Regietheaters, wird es freilich auch darum gehen, ungestört Musik machen zu können. Tolles Dekor und bloß keine Regieeinfälle. Nur die musikalische Werktreue zählt, was immer das sein mag. So hatte einst Karajan gedacht – und führte deshalb selbst Regie. Ob es sich zum Jubiläum der Osterfestspiele nun tatsächlich um eine spannende „Re-Kreation von Karajans musiktheatralischer Vision der ,Walküre'“ handelt oder einfach nur um einen interessanten Trick, quasi konzertante Oper in originell scheinoriginaler Kulisse aufzuführen, wird die Premiere am Samstag in Salzburg zeigen.

Wiederbelebter „Tristan“

Retro-Oper aber ist das Thema der Stunde, seit die Opéra de Lyon drei legendäre Inszenierungen exhumierte – oder wiederbelebte, je nach Perspektive und Geschmack. Darunter Heiner Müllers „Tristan“ der Bayreuther Festspiele im wunderbaren Bühnenbild Erich Wonders von 1993: Wer Waltraud Meier als goldglänzend weltentrücke Isolde im Liebestod auf dem Grünen Hügel erlebte, wird das nie mehr vergessen. Und jetzt eine Wiederaufnahme, mit neuem Personal?

Muss nicht auch das Musiktheater ganz aktuell auf die Zeit reagieren, mit immer neuen Inszenierungen die alten Werke in der Gegenwart befragen, um relevant zu bleiben? Natürlich muss es das. Aber warum sollten nicht auch herausragende Operninszenierungen konserviert oder bei Interesse rekonstruiert werden? Wer hat schon diesen Bayreuther „Tristan“ live gesehen? Sollte nicht mehr Publikum die Chance dazu gegeben werden, an verschiedenen Orten, immer wieder neu? Die Frage freilich ist, ob diese Inszenierung bei willfähriger technischer Reproduzierbarkeit nicht jede Aura verliert?

Das hängt von der Qualität der Aufführung ab. Inszenieren heißt nicht, Sänger einfach nach dem Regiebuch aufzustellen, die einmal fixierten Gänge und Gesten anzusagen. Der Regisseur muss die Emotionen in seinem Ensemble freilegen, von den spannungsvollen Beziehungen der Figuren erzählen. Oper ist mehr als nur die Kulisse, kein für alle Zeit gemaltes Bild: Sie funktioniert als aktuelles Bühnenereignis, mit Menschen, aus der Musik heraus.

„Eine Inszenierung entsteht für den Moment, als kreativer Prozess von Künstlern. Daher ist eine Rekonstruktion unmöglich und sinnlos“, sagte kürzlich Nikolaus Bachler, der Chef der Bayerischen Staatsoper. Stimmt. Und auch nicht. Und wie handelt Bachler? Er hat keine Retro-Opern auf dem Spielplan. Muss er auch nicht, denn sein Haus konserviert beliebte Uralt-Produktionen.

Uraltes im Repertoire

Die Debatte verläuft relativ scheinheilig. Auch in der nächsten Saison ist im Münchner Nationaltheater „Der Rosenkavalier“ wieder in einer Inszenierung „nach“ Otto Schenk zu sehen, also mit dem Rokoko-üppigen Bühnenbild von Jürgen Rose: Premiere war 1972. Ein Opernmuseumsklassiker, aber neu walzerbefeuert von Kirill Petrenko am Dirigentenpult. Otto Schenks „La Bohème“ im Bühnenbild und mit den Kostümen von Rudolf Heinrich (oder was davon übriggeblieben ist) stammt sogar aus dem Jahre 1969!

Gewissermaßen den Weltrekord hält freilich das Nationaltheater Mannheim. Dort spielen sie am Sonntag wieder den „Parsifal“ in der Inszenierung von Hans Schüler und im spätexpressionistisch kahlen Dekor von Paul Walter. Der Regisseur Schüler starb schon 1963, Premiere hatte die Aufführung von Wagners Bühnenweihfestspiel im Jahre 1957, drei Jahre nach dem „Wunder von Bern“ der Fußballer.

Konservierter, konservativer geht Oper wirklich nimmer. Ausgerechnet bei Wagner. Der Musikdramatiker schrieb einst über „Das Kunstwerk der Zukunft“.

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05.04.2017, 06:00 Uhr

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