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Das Pfarrhaus ist entgiftet
Froh, dass sie dem künftigen Pfarrer ein gesundes Haus übergeben können: Klaus Martin Wetzel und Karen Seekamp-Schnieder vom Mähringer Kirchengemeinderat. Bild: Pfeil
Schadstoffe gemessen und Quellen beseitigt

Das Pfarrhaus ist entgiftet

Kann eine Idylle auf dem Land so giftig sein? Man glaubt es kaum: Das Mähringer Pfarrhaus war derart von Schadstoffen belastet, dass es anderthalb Jahre lang gründlich untersucht und saniert werden musste. Jetzt wartet das garantiert entgiftete Haus auf einen neuen Pfarrer.

21.08.2012
  • Ulrike Pfeil

Mähringen. Das Mähringer Pfarrhaus ist ein Traum zum Wohnen: Im Landhausstil gebaut, mit großem Bauern- und Wiesengarten, schöner Aussicht, mehr als 300 Quadratmetern Wohnfläche. Doch für das Pfarrerpaar Jens und Gabriele Schnabel und ihre Familie wurde es ein Alptraum. Vor sechs Jahren zogen die Schnabels in Mähringen auf, das Haus schien ideal für eine Familie mit vier Kindern.

Bald aber zeigten sich vor allem bei den Kindern hartnäckige Atemwegserkrankungen. Als dann ein Besucher einen allergischen Anfall bekam, fiel der Verdacht auf das Haus. Das Pfarrer-Ehepaar ließ zunächst selbst Umweltuntersuchungen anstellen. Dabei wurde nicht nur eine große Zahl von Schadstoffen festgestellt, sondern bei manchen auch eine überhöhte Konzentration, weshalb die Schnabels vor anderthalb Jahren auszogen. Zum Glück fand sich ein anderes geeignetes Haus ganz in der Nähe.

Die Kirchengemeinde Mähringen-Immenhausen als Eigentümerin ging nun die Sanierung des 128 Jahre alten Pfarrhauses an: Im Vier-Wochen-Takt wurden von einem unabhängigen Institut Schadstoffmessungen von Staub, Feststoffen und der Luft unternommen, Materialproben genommen, Quellen ausfindig gemacht. „Pfarrhausmessung“ wurde ein ständiger Tagesordnungspunkt in den Sitzungen des Kirchengemeinderats, sagt dessen Mähriger Vorsitzender Klaus Martin Wetzel.

Und was man in mehr als zehn Gutachten und Proben alles fand: Pentachlorphenol (PCP) in Holz- um Flammschutzmitteln; Chlorkohlenwasserstoffe, die aus Pflegemitteln für die Holzböden stammten; Lösungsmittel im Kleber von alten Linoleumböden und hinter Tapeten aus den 1960er Jahren, nur zum Beispiel. Nichts blieb ununtersucht.

Dann ging es an die Beseitigung: Die Holzböden wurden abgeschliffen, jeder einzelne gedrechselte Geländerstab im hölzernen Treppenhaus sogar von Hand, und mit unschädlichem Öl neu behandelt. Die schon etwas ältere Einbauküche wurde komplett herausgerissen, weil sie zum Teil aus Pressspanplatten mit Formaldehyd bestand. Die Linoleumböden wurden durch neue ersetzt, neue Holzfenster eingebaut. Der Fliesenboden im Eingangsbereich zum Pfarrbüro im Erdgeschoss wurde mit verdünnter Salzsäure abgeätzt, weil sich Spuren von Pflegemittel in den Fugen festgesetzt hatten. Die Raufasertapeten wurden abgewaschen und frisch gestrichen.

Weil man nun schon dabei war, wurde unter der Regie des Kusterdinger Architekten Wolfgang Liese-Grässer auch die zweite Etage gegen das Dach und die Außenwand wärmeisoliert und gegen das Treppenhaus ein gläserner Windfang eingezogen. Zuvor war dieser Stock im Winter kaum warmzukriegen, weil es „durch die Ritzen pfiff“, wie Kirchengemeinderätin Karen Seekamp-Schnieder sagt.

Die Schadstoffe mussten nicht nur entfernt, sie mussten auch entsorgt, das Haus vom schädlichen Feinstaub gereinigt werden, den das Rausreißen und Abschleifen hinterließ. Mit Vollschutzanzügen „wie Marsmenschen“ turnten die Handwerker teilweise durchs Haus und saugten und wischten, bis kein Schadstoffpartikel mehr übrig war. Hinterher wurde vom Tübinger Umwelt-Institut Dr. Jäger wieder gemessen und nachgemessen, um ganz sicher zu sein.

Der Vikar kann hier nicht Pfarrer werden

Rund 100 000 Euro hat die Kirchengemeinde in die Sanierung gesteckt; sie rechnet mit einer Kostenerstattung durch die Landeskirche. Das gesunde Pfarrhaus ist im Innern auch heller und freundlicher geworden: etwa durch helle Linoleumböden und den frischen weißen Anstrich. Im Garten musste ein morscher, sturzgefährdeter Nussbaum weichen, wodurch nun auch das Treppenhaus mehr natürliches Licht bekommt.

Familie Schnabel wird allerdings nicht mehr in das Pfarrhaus einziehen. Wie berichtet, hat das Pfarrer-Paar zum 1. September eine neue Pfarrstelle in Sindelfingen angenommen. Von der Gemeinde Mähringen-Immenhausen wurde die Familie bereits verabschiedet. Die Gemeinde wartet auf einen neuen Pfarrer oder eine Pfarrerin. Die Stelle ist seit Mitte Juli als volle Pfarrstelle ausgeschrieben. „Von uns aus könnte der oder die Neue sofort kommen“, sagen die Vertreter des Kirchengemeinderats, der im so genannten Benennungsverfahren gegenüber einem vorgeschlagenen Bewerber ein Zustimmungsrecht hat. „Wir sind gespannt.“

Während das Pfarrbüro in der Vakanz vom Wankheimer Pfarrbüro mitversehen wird, hat die evangelische Kirchengemeinde Mähringen-Immenhausen noch einen Vikar als Seelsorger: Martin Wendte, der in beiden Orten sehr beliebt ist und in diesem Jahr auch die Konfirmanden betreute. Viele in der Gemeinde und auch der Kirchengemeinderat hätten sich den promovierten Vikar, der drei Kinder hat, gut als neuen Pfarrer vorstellen können. Doch dem stehen die strengen Berufungsregeln der Landeskirche entgegen. Wendte, der erst Ende Februar 2013 sein Vikariat beendet und noch das Pfarrerexamen ablegen muss, kann sich nicht um die Pfarrstelle am Ort seines Vikariats bewerben.

Das Pfarrhaus ist entgiftet
Blick vom Esszimmer durch die neuen, T-förmigen Fenster: Unten ruft der idyllische Bauerngarten nach einer ordnenden Hand; in der Scheibe spiegelt sich die nahe Mähringer Kirche. Bild: Pfeil

Das Pfarrhaus ist entgiftet
Von außen war dem Mähringer Pfarrhaus in der Neckar-Alb-Straße 77 nicht anzusehen, welch gesundheitsschädliche Stoffe in seinem Innern lauerten. An der Fassade wurde bei der Innensanierung nichts gemacht. Das steinerne Tor rahmt den Eingang von der Straße her, und ein alter Lattenzaun rahmt nach wie vor den großzügigen Garten. Bild: Pfeil

Die Ankündigung des Weggangs von Pfarrer Jens Schnabel hat manche evangelischen Kirchenmitglieder auf den Härten aufgeschreckt. Denn kurz zuvor hatte die Bezirkssynode Pläne verkündet, wonach längerfristig von den drei vollen Pfarrstellen auf den Härten eine halbe wegfallen soll. Die Gemeinden sollen dieses Weniger dann durch mehr Kooperation ausgleichen. Die Befürchtung, dass der Weggang eines Pfarrers vor der Zeit genutzt werden könnte, um an der Stellenschraube zu drehen, erwies sich als unbegründet: Der Kirchenbezirk hat klargestellt, dass die Reduzierung erst 2024 in Kraft treten wird. Die Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Mähringen und Immenhausen wird noch einmal voll besetzt.
Die Kirchengemeinde umfasst in den beiden Härten orten zusammen nicht ganz 1500 Mitglieder. In der Mähringer Kirche ist jeden Sonntag Gottesdienst, in der Immenhäuser Kirche außerdem jeden ersten und dritten Sonntag im Monat. Der Kirchengemeinderat hat zwei Vorsitzende: einen aus Mähringen und einen aus Immenhausen.

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21.08.2012, 12:00 Uhr

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