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Das Phänomen Leipzig
Auch der in Stuttgart geborene und langjährige VfB-Torjäger Timo Werner ist ein wichtiger Teil der Leipziger Mannschaft. Foto: dpa
Bundesliga

Das Phänomen Leipzig

Tabellenführer RB hat in der sächsischen Stadt das Fußballfieber neu entfacht – mit dem Geld des Klubeigners und einer klaren Spielphilosophie.

22.11.2016
  • MATHIAS HAUSDING

Leipzig. Bernd Brüning ist seit 40 Jahren Straßenbahnfahrer in Leipzig. Noch länger ist er Fußball-Fan, ging zu Lok ins Stadion, als die zu DDR-Zeiten Spitze waren, im Europapokal spielten. Irgendwann schon vor der Wende ist ihm aber die Lust vergangen. Zu viel Gewalt vor und nach dem Spiel, das wollte er sich nicht mehr antun. Und nach 1989 ging in der Messestadt fußballmäßig ohnehin ziemlich schnell das Licht aus. Selbst für Ost-Verhältnisse war es ein beispielloser Absturz.

Nach diesem Wochenende steht die Stadt jedoch zumindest vorübergehend wieder ganz oben. Tabellenführer in der Bundesliga. „Gut für Leipzig“ sei das, was gerade passiert, findet Bernd Brüning. So ähnlich sagen es alle, die man rund um den Hauptbahnhof zur Lage befragt. „Wir waren so hungrig auf guten Fußball“, heißt es. Der Stachel muss wirklich tief gesessen haben. In Leipzig wurde der DFB gegründet, der erste Deutsche Meister des Jahres 1903 kommt von hier, 1956 besuchten 100 000 Menschen im hiesigen Zentralstadion ein Stadtderby – bis heute Zuschauerrekord in Deutschland. Aber seit 1989 – ein mageres Bundesligajahr mit dem VfB Leipzig. Im Jahre 2004 wurde der überschuldete Traditionsverein aufgelöst. Für den mehrmaligen DDR-Meister Chemie Leipzig war schon 1990 Schluss, der FC Sachsen Leipzig stellte nach mehreren Insolvenzen 2011 den Spielbetrieb ein.

„Die Pappnasen haben es vergeigt, etwas aufzubauen“, sagt Tram-Chauffeur Brüning über die damaligen Verantwortlichen. „Jetzt sind endlich Profis am Werk.“ Dass die aus Österreich kommen und die Sache rein unternehmerisch betrachten, stört ihn nicht. Im Gegenteil. „Streit gibt es da nicht, sondern eine von oben vorgegebene klare Linie.“

Dort oben steht Dietrich Mateschitz, Erfinder und Chef von „Red Bull“. Im vergangenen Jahr soll der 72-Jährige laut diverser Wirtschaftsmagazine mit dem Verkauf von Energy-Drinks 500 Millionen Euro verdient haben. Sport-Sponsoring ist sein wichtigstes Marketinginstrument. Vor zehn Jahren startete Mateschitz Versuche, im deutschen Spitzenfußball Fuß zu fassen. Er klopfte bei Vereinen an, holte sich aber einen Korb, weil er nicht nur Finanzier, sondern auch Entscheider sein wollte.

Gegründet erst vor sieben Jahren

Also gründete er 2009 RB Leipzig. Offiziell: „Rasenballsport“. Sagt aber kaum jemand. Der DFB hat die Verwendung der Brausemarke im Vereinsnamen verboten. Mit der von einem Oberligisten aus der Region übernommenen Spiellizenz startete die Mannschaft in der 5. Liga. Im Eiltempo stieg man viermal auf. Seit dem Sommer ist RB Bundesligist, holte noch einmal für 50 Millionen Euro neue Spieler. Also alles nur gekauft? Erst am Mittwoch beklagte sich Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, zum wiederholten Mal: „Da ist nichts, aber auch gar nichts historisch gewachsen. Da wird Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen.“

In Leipzig lachen sie darüber. Taxifahrerin Birgit Lau prustet sofort los, wenn sie erzählt, dass Gästefans wieder aussteigen, wenn sie in der Droschke eines Kollegen RB-Aufkleber sehen. Sie selbst hat mit Fußball nichts am Hut, freut sich aber über den Enthusiasmus in der Stadt. Fast alle RB-Spiele sind lange vor Anpfiff ausverkauft. „Ob bei meinen Nachbarn im Haus oder unter den Kunden, es gibt gerade nur das eine Thema.“ Und dann sagt sie den Satz, der in Verteidigungsreden für RB fast immer kommt: „Geld allein schießt noch keine Tore.“ Ein Argument, das mehr und mehr überzeugt. Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, sagte vor einigen Wochen: „Leipzig hat viel Geld und einen Plan. Diese Mischung macht den Klub sehr gefährlich für die nächsten Jahre.“

Einen Eindruck von diesem Plan bekommt man am besten auf dem neu errichteten Trainingsgelände im Leipziger Zentrum. Nichts wird dort dem Zufall überlassen. Leistungsdiagnostik, Videoanalyse, Jugendarbeit, Spielphilosophie, Rasen-Qualität – im modernen Fußball sind viele Bausteine wichtig. Bei RB wacht darüber die wichtigste Figur im Klub, Ralf Rangnick, geboren in Backnang, langjähriger Bundesligatrainer und seit 2012 Sportdirektor in Leipzig. Er gilt als erfolgsbesessener Arbeiter und Taktikfuchs. Seine Hauptforderung Jeder Spieler und jeder Trainer, egal ob im Nachwuchs- oder Profibereich, muss die RB-Spielidee verinnerlicht haben. Sie heißt Balljagd und geht so: Alle Feldspieler setzen den Gegner über 90 Minuten unter Druck, stören ihn bei allem, was er tut. Gerät er durch diesen Stress in Unordnung und verliert den Ball, sucht RB sofort den Torabschluss. Wenn RB neue Spieler kauft, müssen sie zur Spielidee passen. Und jung sollten sie sein, weil Leipzig immer ein paar Kilometer mehr läuft als der Gegner.

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22.11.2016, 06:00 Uhr

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