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Peter Maffay besuchte die Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt

Das Prinzip Hoffnung

Auf dem Weg zum „Calw rockt“-Auftritt schaute der Deutschrocker sich ein Kurz-Konzert der Anstaltsband an und beantwortete Fragen über Musik, Tattoos und jenen kleinen grünen Drachen, der sein Leben bestimmt.

07.07.2012
  • katharina mayer

Rottenburg. Dicht an dicht saßen die Häftlinge in der Anstaltskapelle, als der Musiker ankam. Kontaktscheu ist er nicht. „Hallo Freunde, das ist ein sicherlich außergewöhnlicher Augenblick für mich“, wandte Maffay sich dann an das Publikum. Und trotzdem sei es nicht der erste Gefängnisbesuch. „Ich will nicht sagen, es ist Routine. Aber wir machen das gerne, solche Kontakte sind wichtig und gut.“

Das Singen überließ der 62-Jährige gestern der Anstaltsband, quetschte sich selbst neben die Gefangenen in der ersten Reihe und hatte sichtlich Spaß an den Coverversionen seiner Lieder. Der letzte Song allerdings stammte nicht aus seinem Repertoire, sondern von Pink Floyd.

Danach war eine Fragestunde angesagt, bei der Maffay seinem Ruf als unkompliziertem Sympathieträger mehr als gerecht wurde. Ob er selbst schon mal gesessen sei, wollte ein Gefangener wissen.

„Bis jetzt noch nicht und um ehrlich zu sein hab ich es auch nicht vor“, sagte Maffay. „Ich habe aber kapiert, dass so etwas natürlich auch sehr schnell gehen kann und es steht mir nicht zu, irgendwelche Urteile abzugeben.“ Er selbst habe Freunde, die lange inhaftiert gewesen seien und diese Zeit zum Lernen genutzt hätten. Das sei das Beste, was man im Gefängnis tun könne. Ein passendes Beispiel hatte Maffay auch parat: Ein guter Freund, der einige Jahre in Haft verbrachte, jetzt Landschaftsgärtner ist und mit Maffay auf einem Öko-Bauernhof zusammenlebt. „Das verbindet uns, ihr macht ja auch Öko“, so Maffay.

Manche Fragen gehen unter die Haut

Eine programmatische Antwort, Maffay ist kein Distanzmensch. Er bemühte sich um Parallelen zwischen dem Leben draußen und drinnen und beantwortete die Fragen der Häftlinge auch, wenn sie buchstäblich unter die Haut gingen: Ob seine Tattoos denn eine Bedeutung hätten, wollte einer wissen. Hier im Knast seien ja viele tätowiert. Einen Strip wollte Maffay zwar nicht hinlegen, die Tinte unter der Haut ist trotzdem keine Deko: „Ich gehöre zu den Leuten, die mit einem Tattoo etwas verbinden wollen.“

Begonnen habe alles in Kanada, wo er zwei Jahre gelebt hat. „Die Indianer dort haben so unglaublich schöne Symbole.“ Und Maffay wollte eines, das zu ihm passt. Ein Rabe ist es dann geworden, weil der Tätowierer meinte, Maffay sei „ein Grenzgänger“. Dann gab es einen kleinen Ausflug in die Symbol-Welt verschiedener Kulturen, am jeweiligen Tattoo erklärt. Einen Drachen hat Maffay natürlich auch, als „Beschützer von schönen Werten“.

Das Tattoo im asiatischen Stil bestimmt Maffays Leben aber weit weniger als ein kleiner grüner, etwas rundlicher Drache: Tabaluga. „Eine süße Geschichte, nicht nur für Kinder, sondern auch für erwachsene Kinder“, sagt Maffay. Was aus der Idee entstand, einen schönen und gewaltfreien Erzählstoff für Kinder in musikalische Formen zu bringen, entwickelte sich zum allumfassenden Konzept. Auf die erste Tabaluga-Platte folgte eine zweite, mittlerweile sind es fünf. Das Märchen wurde zum Trickfilm, zum Musical und zum Bühnenstück. Kommenden Herbst startet Maffay wieder eine Tour ganz im Zeichen des liebenswürdigen Drachens.

Mit der Peter Maffay Stiftung und der Tabaluga Kinderstiftung, denen das possierliche Tierchen als Logo dient, engagiert der Musiker sich für traumatisierte Kinder. „Tabaluga ist ein kleiner, gewaltiger Kerl und bestimmt unser Leben“, lacht Maffay. Für dieses Engagement interessierten sich auch die Rottenburger Gefangenen: Was das denn für Kinder seien, mit denen Maffay da arbeite?

Und der erzählte. Von kleinen Menschen, die „aus sehr schweren Verhältnissen kommen“, oft Gewalt und Missbrauch erlebt haben. „Es gibt unheimlich viele Traumata“, sagt Maffay. Für ihn, der kürzlich erst mit dem Tutzinger Toleranzpreis für sein Lebenswerk geehrt wurde, geht es um Verständnis. Hautfarbe, Religion seien letztlich egal, sagt der in Rumänien geborene Musiker. „Die Haltung ist wichtig, wie wir da stehen und fühlen.“

Wie auch das Prinzip Hoffnung, das er anhand der Wende erklärt und jener sieben Brücken, die die Ostband Karat und ihn „wie Brückenköpfe“ verband. „Hoffnung ist ein ganz wichtiger Motor, wenn man eingesperrt ist so wie ihr hier. Man muss daran glauben, ansonsten gibt man auf und geht kaputt.“

Besuch als Gespräch unter Menschen

Autogramme wollten nach der Fragestunde alle und den Deutschrock-Veteranen mal ganz aus der Nähe sehen auch.

Musik im Gefängnis, sagte ein Gefangener, überwinde Mauern und erreiche Herzen. Dass das in Rottenburg so gut funktioniere, liege vor allem am Engagement des Freizeitbeamten Gerhard Brüssel. „Ohne den gäbe es das so nicht.“ Der Ansatz, Kultur hinter die Gefängnismauern zu bringen, sei „genau der richtige Weg“, sagt Peter Maffay auf dem Weg zum Tourbus. Für ihn war es „ein Gespräch unter Menschen“. Er sei Teil dieser Gesellschaft, genauso wie die Gefangenen. „Man kann nicht aneinander vorbeigehen.“

Das Prinzip Hoffnung
Stippvisite im Gefängnis: Peter Maffay fährt mit seinem VW-Bus in die Schleuse der Rottenburger JVA.Bild: Sommer

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07.07.2012, 12:00 Uhr

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