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Das Recht der Einsamen
Ferdinand von Schirach: Die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit auch. Foto: Tobias Hase
Literatur

Das Recht der Einsamen

Ferdinand von Schirach ist ein Meister der Kurzgeschichte: Nach Romanen und dem Theaterstück „Terror“ kommt heute mit „Strafe“ wieder ein Band mit Erzählungen in den Handel.

05.03.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Seyma zum Beispiel, die junge Anwältin, die in einer renommierten Kanzlei anfängt. Sie ist die Tochter eines türkischen Bergmanns, aufgewachsen im Ruhrgebiet; sie hatte sich geweigert, ein Kopftuch zu tragen, floh nach dem Abitur von zu Hause vor dem Vater, arbeitete hart für ein Prädikatsexamen – auch um sich von der Vergangenheit zu befreien. Und dann verteidigt sie einen brutalen Menschenhändler und Zuhälter und gewinnt in der Revision, weil der Richterin ein Verfahrensfehler unterlaufen ist. Freispruch. So aber, wird Seyma am Ende sagen, habe sie sich das nicht vorgestellt.

Nur ein paar Seiten, schon hat Ferdinand von Schirach nicht nur einen Fall ausgebreitet, sondern zwei Schicksale. „Strafe“ heißt das neue Buch des Bestsellerautors und Strafverteidigers mit zwölf „Stories“. Spätestens mit seinem Theaterstück „Terror“ hat der 53-Jährige eine ganze Nation zu Schöffen erklärt: Auch der Zuschauer und der Leser – sie urteilen. In Strafprozessen aber werden nicht nur Verbrechen verhandelt, sondern Menschenleben. Was ist die Wahrheit, was Gerechtigkeit? Diese Fragen stellt von Schirach immer.

„Der Schriftsteller ist nicht der Blockwart des Rechts und der Tatsachen“, sagt Alexander Kluge in dem Bändchen „Die Herzlichkeit der Vernunft“. Das weiß auch sein Gesprächspartner von Schirach, er hält keine Plädoyers, er erzählt. Es sind nüchtern aufgeschriebene Mini-Dramen mitten aus dem Leben, die dem Leser teils den Atem rauben.

Es sind Stories, die außerordentliche Justiz-Fälle beleuchten, Vertracktheiten und Absurditäten der Strafprozessordnung und der Rechtsprechung. Ein Mörder gesteht im Krankenhaus in abgehörten Selbstgesprächen die Tat, muss aber freigesprochen werden, weil das Tonband nicht als Beweismittel zugelassen ist. Ein anderer Mann kann nicht wegen Drogenbesitzes belangt werden, weil er volltrunken mit Kokain erwischt worden war und bereits wegen der Trunkenheitsfahrt verurteilt wurde.

Von Schirach bleibt dabei: Das Böse ist nicht greifbar, die Moral vor Gericht keine Instanz. Das ist sein Credo. Was treibt einen Täter an? Und ist nicht auch oft der Täter selbst ein Opfer? Eine zu Unrecht verurteilte Frau nimmt Rache. Ein Mann, dessen Nachbar ihm die Sexpuppe schändet, schlägt zurück, als habe dieser die Ehefrau vergewaltigt.

Dann aber wäre da noch die letzte Story in diesem Band, die nach New York führt. Der Ich-Erzähler, ein Jurist, besucht einen Freund seit Kindertagen, den Sohn einer Industriellen-Familie; auch er hatte Jura studiert. Richard ist schwer drogenabhängig. Zwei Jahre später treffen sie sich noch einmal in der Normandie, wo der todkranke Richard dem Freund von seiner großen Liebe erzählt, Sheryl.

Sie hatten sich auseinandergelebt, weil der Kinderwunsch unerfüllt geblieben war. Sie waren zermürbt, „und plötzlich ging es nicht mehr“. Sheryl zog sich weinend die Joggingsachen an, fuhr mit dem Rad in den Central Park, und dann fand man sie, entsetzlich zugerichtet, ausgeraubt, ermordet. Daran zerbrach Richard. „Es gib keine Schuld in diesen Dingen“, versucht der Ich-Erzähler zu trösten. „Aber wenn ich sie in den Arm genommen hätte, wenn ich gesagt hätte, wir machen das jetzt anders, oder wenn ich mit ihr einfach weggefahren wäre, würde sie noch leben“, entgegnet Richard: „Vielleicht hast Du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld . . . aber es gibt eine Strafe.“ Zwei Wochen später nimmt Richard ein paar Gramm Natrium-Pentobarbital.

Auf 13 Seiten reißt Ferdinand von Schirach mit der Präzision und der Lakonie des Strafverteidigers dem Leser eine Lebensskizze auf, ein Schicksal. Er schreibt dabei Literatur, die gerade in dieser Geschichte an die Romane eines anderen Juristen erinnert, an Louis Begley.

Am Ende dieser mit „Der Freund“ betitelten Story gewährt von Schirach fast einen persönlichen Einblick in seine Schriftstellerseele, zumindest formuliert er die Sätze in der Ich-Rolle des Erzählers. Nach dem Tod Richards habe er mit dem Schreiben begonnen: „Es war zu viel geworden.“ Er habe an die Menschen gedacht, die er verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst. Das Leben aber sei nicht leichter geworden. „Es ist ganz gleich, ob wir Apotheker oder Tischler oder Schriftsteller sind. Die Regeln sind immer ein wenig anders, aber die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit und alles andere auch.“

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05.03.2018, 06:00 Uhr

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