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Abschied voller Emotionen

Das Reithaus machte Platz für die Mensa

Im Jahre 1836 baute die Universität zwischen der heutigen Wilhelm- und Nauklerstraße ein stattliches Reithaus, in dem Generationen von Studierenden und Universitäts angehörigen reiten lernten.

26.11.2011
  • Von Frank Rumpel

Von 1949 an nutzte die neu gegründete Tübinger Reitgesellschaft das Gebäude, musste aber im November 1961 mit ihren Pferden auf den Berg nach Waldhausen umziehen. Das wurde nötig, weil das Reithaus der neuen Mensa weichen musste.

Einen Reiterschluck auf den alten und einen auf den neuen Stall genehmigte sich der Tübinger Verleger und langjährige Vorstand der Tübinger Reitgesellschaft Hans Georg Siebeck laut dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT kurz vor dem Abritt nach Waldhausen. Dort sollten die Pferde samt Reitgesellschaft ihr neues Domizil beziehen. Über 30 Reiter zogen an jenem 28. November 1961 mit ihren Pferden von der Wilhelmstraße „durch die Nauklerstraße, die Täglesklinge und über den Sand“.

Ein „herrliches Bild“ habe der Reitertross abgegeben, schwärmte der TAGBLATT-Reporter. Freilich stand in Waldhausen zunächst nur der Stall. Die Reithalle – im TAGBLATT als „architektonische Meisterleistung“ gefeiert – war noch im Bau und konnte erst im September 1962 eingeweiht werden.

In den Artikeln von damals wird immer wieder vom grandiosen Albblick geschwärmt, den der neue Standort biete. Dabei, sagt der heute 88-jährige Adolf Waiblinger, „wollte kein Mensch da hoch. Das war alles wüst und leer.“ Denn Waldhausen lag seinerzeit noch im Grünen. Der Platz, auf dem der Stall und die Reithalle des Vereins entstanden, war ein aufgegebenes Exerziergelände der französischen Armee.

Insbesondere für Kinder, die das Reiten lernten, bedeutete der neue Standort eine weite Anfahrt. Das TAGBLATT aber gab sich sacht prophetisch: Wenn das Wachstum der Stadt in den nächsten Jahren weiter anhalte, „wird das die Entfernung ohnedies allmählich kürzer erscheinen lassen.“

Das Reithaus machte Platz für die Mensa
Das alte Reithaus in der Wilhelmstraße, von der Nauklerstraße aus gesehen. Bild: Privat

Zum alten Reithaus musste Waiblinger als Jugendlicher nur über die Straße gehen. In der Wilhelmstraße aufgewachsen verbrachte er seine Kindheit und Jugend dort. Sein Vater war Rittmeister und Mitglied der Stadtgarde: „Ich saß mit meinen Freunden auf der Tribüne, und wir bildeten uns ein, viel besser reiten zu können als die Erwachsenen“, erzählt der 88-jährige ehemalige Weinhändler. Selbst aufs Pferd steigen durfte er erst als 14-Jähriger. Das hat er dann über sieben Jahrzehnte lang gemacht, sein letzter Ritt ist erst drei Jahre her.

Das 1836 erbaute Reithaus war ein lang gezogener, aus dicken Sandsteinquadern errichteter Bau, mit einer Reitfläche von 18 mal 44 Metern. Der Boden war nicht mit Sand, sondern mit Gerberlohe ausgelegt. Das waren Rinden und Blätter, die man zum Gerben verwendete. Die Holztribüne, auf der Waiblinger mit seinen Kumpels ganze Nachmittage verbracht hatte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg herausgerissen.

Unterm Dach war das Strohlager. Dadurch, sagt Waiblinger, „war es in der Reithalle im Sommer schön kühl und im Winter nicht so kalt.“ Die Ställe waren in einem separaten Backsteingebäude. Darüber wohnte der Reitlehrer. Zusätzliche Ställe gab es zur Nauklerstraße hin. Vor der Halle zur Wilhelmstraße war eine kleine Reitbahn. Mit zunehmenden Verkehr allerdings, sagt Waiblinger, „konnte man die mit empfindlichen Pferden gar nicht mehr nutzen“.

Das Reithaus machte Platz für die Mensa
Klaus Henig (rechts) 1954 im alten Reithaus als Voltigierer. Bild: Privat

Eingerichtet worden war die Halle noch zu einer Zeit, als die Universität Reitstunden für Studierende und Professoren anbot. Eine Dienstleistung mit Tradition, gehörte doch das Reiten bereits im 1559 gegründeten Collegium Illustre zur Ausbildung künftiger Staatsdiener.

Bis 1890 beschäftigte die Uni einen eigenen Reitlehrer. Der letzte war Rittmeister von Haffner, den die Tübinger Schriftstellerin und Reiterin Isolde Kurz in ihren Jugenderinnerungen einen „gemütlich-derben, alten Schnauzbart“ nannte. Der geriet jedoch gelegentlich über „unlenkbare Zuchthengste“ in Verzweiflung: „Diese Hunde von Hengsten“, schrie er einmal blau vor Wut, als wieder einmal alles durcheinander ging.

Ihm folgte im März 1890 der Universitäts-Stallmeister Major Wilhelm Fritz, der nicht mehr beim Land angestellt war, sondern die Pferde und alles, was zum Reiten nötig war, selbst stellen musste. „Unterricht wird von demselben auch Privaten erteilt, darunter auch Damen, denen mehrere bereitz unter Leitung des Herrn Fritz dem Reitsport sich widmen“, schrieb damals die Tübinger Chronik.

Pferde wurden für die Kriege beschlagnahmt

Das Reithaus machte Platz für die Mensa
Die alte Reithalle in der Tübinger Wilhelmstraße. Das Bild entstand um 1900. Heute steht an dieser Stelle die Mensa.Bild: Hermann Bauer/Stadtarchiv Tübingen

1897 übernahmen die Söhne Wilhelm und Ernst Fritz den Betrieb und hatten bis zu 72 Pferde im Stall. In beiden Weltkriegen beschlagnahmte die Armee die Tiere. Waiblinger erinnert sich noch gut, wie die Jugendlichen sie am 23. November 1939 zum Güterbahnhof brachten. „Mit tränenden Augen haben wir den Abtransport erlebt“, erzählt er. „Damals ahnte ich noch nicht, dass nicht nur die Pferde, sondern auch viele, die mit mir auf dem Gatter saßen, nicht aus dem Krieg zurück kommen würden.“

Nach dem Krieg war das Reithaus Gefangenensammelstelle. Nach Auflösung des Lagers gründeten französische Offiziere dort die „Societé de Concours Hippique de Tübingen“. 1949 schließlich entstand auf Initiative des Zahnarztes Rolf Fritz (ein Sohn von Ernst Fritz) der Verein Tübinger Reitgesellschaft. Als Klaus Henig, der von 1993 bis 2001 erster Vorsitzender war, 1953 als Elfjähriger zum ersten Mal ins Reithaus an der Wilhelmstraße kam, war es bereits in die Jahre gekommen.

„Da war alles dreckig und verstaubt“, sagt er. „Und der Ammoniakgeruch lässt mich bis heute nicht los.“ Er half beim Ausmisten und Füttern der Pferde, lernte ab 1954 selbst reiten. Wie Waiblinger verbrachte er viele Nachmittage dort. „Da ist man nach der Schule um zwei Uhr mit dem Rädle hin und abends um Sieben erst wieder heim“, sagt der heute 69-jährige. An den jugendlichen Henig indes erinnerte sich auch später noch so mancher. „Das ist ja der alte Stalljunge“, hatte da mal einer gesagt. „Da war ich längst erster Vorsitzender und habe gerade das 50-jährige Vereinsjubiläum organisiert“, erzählt er lachend.

Das Reithaus machte Platz für die Mensa
Klaus Henig Bild: Rumpel

Die Zeit fürs alte Reithaus lief ab, als die Uni Platz für eine Mensa brauchte. Für deren Bau hatte die Max-Kade-Foundation Zuschüsse in Millionenhöhe zugesagt – und deren Gewährung zeitlich gebunden. 1959 wurde dem Verein gekündigt, bis Ende 1961 sollte er umziehen. „Die Stadt hat uns da sehr geholfen“, sagt Waiblinger. Unter mehreren Optionen fiel die Entscheidung für Waldhausen. Der Umzug war nicht leicht. „Wir hatten ja eine Weinstube, und ich war der einzige mit einem Lastwagen“, sagt Waiblinger.

Entsprechend oft machte er die Fahrt auf den Berg. Leute, die beim Neubau Hand anlegen konnten, waren rar. „Damals hatten wir fast nur Professorenkinder, aber keine Handwerker. Da fehlte es halt.“ Am Sonntag, 12. November, verabschiedete sich der Verein mit einer großen Feier vom alten Reithaus. Stadtgarde, Lustnauer Musikverein und das Musikkorps des französischen 24. Jägerregiments traten auf.

Am nächsten Tag berichtete das TAGBLATT von einer „glanzvollen Veranstaltung“. Deutlich sei zu spüren gewesen, „dass sich alle Beteiligten besondere Mühe gegeben hatten, den Abschied als ein bleibendes Erlebnis zu gestalten“. Auch der damals 19-jährige Klaus Henig erinnert sich noch gut an die Feier: „Für mich war das eine sehr emotionale Veranstaltung.“

Am folgenden Montag begann „über den Köpfen der Pferde“ der Abbruch. Um die Gelder der Stiftung abrufen zu können, mussten Fakten geschaffen werden. Von da an, sagt Henig, „ging es zügig. Schon im Februar sah man nicht mehr viel.“ Reste der alten Reithalle finden sich heute in einigen Tübinger Gartenmauern, etwa in der Garten- und in der Staufenbergstraße. So wurde auch ein Sandsteinquader mit Eisenring verbaut, an dem einst die Pferde angebunden wurden.

Das Reithaus machte Platz für die Mensa
Adolf Waiblinger Bild: Rumpel

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26.11.2011, 12:00 Uhr

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