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Mehr alte und verwirrte Patienten stellen Kliniken vor Probleme

Das Risiko des Stürzens

Die demographische und die medizinische Entwicklung bringen es mit sich: Krankenhäuser haben zunehmend alte und hochbetagte Patienten. Das stellt an die Pflege neue Anforderungen.

21.08.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Im Mai dieses Jahres wurde ein 94-jähriger Tübinger nach einem Sturz in die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik (BG) gebracht, Diagnose: Oberschenkelhalsbruch. Der Mann wurde operiert und nach dem Aufwachen aus der Narkose von der Intensiv- auf eine Normalstation verlegt. In der Nacht wurde er sehr unruhig und versuchte, das Bett zu verlassen. Der Bettnachbar rief deshalb mehrmals die Nachtschwester herbei. Am frühen Morgen, als der Mitpatient eingeschlafen war, fiel der frisch Operierte aus dem Bett. Die Nachtschwester fand ihn bei einem Routine-Gang auf dem Boden.

Der 94-Jährige, bei dem sich weitere Komplikationen einstellten, überlebte die Operation nur wenige Tage. Die Angehörigen erwägen nun eine gerichtliche Untersuchung, ob die Klinik die notwendigen Vorkehrungen getroffen hatte, ob die Nachtschwester überlastet war, ob der Sturz ursächlich für den Tod war (was die Klinik bestreitet).

Unabhängig von der juristischen Entscheidung ist der Fall bezeichnend für ein Problem, mit dem alle Krankenhäuser konfrontiert sind: Sie haben immer mehr betagte Patienten zu versorgen, von denen viele schon verwirrt sind oder durch die Behandlung in vorübergehende Verwirrungszustände geraten (das so genannte „Durchgangssyndrom“, siehe Kasten).

Zu dem konkreten Fall äußert sich die BG gegenüber der Presse nicht, sie verweist auf das Patientengeheimnis und auf die im Raum stehende Klage. Die Klinik bedauere, „dass das passiert ist“, sagt der kaufmännische Leiter Michael Schuler, und werde dafür sorgen, dass es sich nicht wiederhole. Schon vor diesem Vorfall habe die BG aber auf das Problem reagiert, dass sie „vermehrt ältere und immer kränkere Patienten“ bekomme: Zusätzlich zum Pflegepersonal stellte sie Altenpfleger ein, um den geriatrischen Anforderungen gerecht zu werden. Wenn nötig, könnten nachts Sitzwachen angeordnet werden, auch Studenten stünden dafür auf Abruf zur Verfügung. Ist eine Sturzgefahr bekannt, werde auch mal eine Matratze vor das Bett auf den Boden gelegt.

Auch ein Bettgitter schützt nicht immer

Über einen Rufdienst könne eine Nachtschwester bei Überlastung Hilfe anfordern. „Wenn Angehörige beim Patienten übernachten wollen, machen wir es möglich“, sagt Schuler. (Das geschah in dem erwähnten Fall nach dem Sturz.) Aber man bitte sie nicht darum. „Wir sind einfach ein Unfallkrankenhaus“, gibt er zu bedenken.

Patienten und Angehörige würden in jedem Fall darüber aufgeklärt, dass es nach einer Narkose zu Verwirrung kommen könne. „Das ist Standard, es steht im Aufklärungsbogen“, sagt Schuler. „Freiheitsentziehende Maßnahmen“ wie Bettgitter oder die Fixierung mit Gurten erforderten jedoch eine richterliche Zustimmung. Nach aller Erfahrung biete ein Bettgitter nicht unbedingt mehr Schutz: „Viele steigen drüber, und dann fallen sie noch tiefer.“

Auch die Pflegedirektion am Uniklinikum beschäftige sich mit dem Thema der Sicherheit von verwirrten Patienten, bestätigt Pressesprecherin Claudia Löwe. Das Tübinger Paul-Lechler-Krankenhaus, auf geriatrische Patienten spezialisiert, hat besondere Erfahrung mit altersverwirrten Patienten und zusätzlich zu den nationalen Pflegekriterien „hausspezifische Standards“ dafür entwickelt. Sturzprophylaxe sei ein „ziemliches Thema“ in der Krankenhauspflege, sagt Pflegedienstleiter Sven Braun. Und: „Man muss immer im Einzelfall abwägen, da gibt’s keine Regel.“

Das Paul-Lechler-Krankenhaus hat dafür einen abgestuften Katalog. Der beginnt beim sondierenden und aufklärenden Gespräch, reicht über nächtliches Licht im Zimmer (falls ein Patient zur Toilette muss) und geht über Antirutsch-Socken bis zum Anlegen von Hüftprotektor-Hosen. Die Abwägung bezieht die Mobilität und die Lebensqualität des Patienten als schützenswert ein. „Absolute Sicherheit gibt es nicht“, sagt Braun. Stürze kämen trotz allem immer wieder vor, „ein Restrisiko bleibt“. Wenn aber etwas passiert, schützt der Maßnahmenkatalog die Pfleger und das Krankenhaus. „Die Frage ist dann: Wurde er befolgt?“

Auch Braun hält wenig von Bettgittern. „Natürlich steigen die Patienten drüber!“ Vorrangiges Ziel sei im Paul-Lechler-Krankenhaus auch nicht, Stürze zu verhindern, sondern die Sturzfolgen: Etwa mit Betten, die so niedrig gelegt werden können, dass die Patienten mehr herausrollen als -fallen, „als läge die Matratze auf dem Boden“. In bestimmten Fällen könnten Sensormatten helfen, die im Stationszimmer Alarm auslösen, wenn der Druck auf die Matratze nachlässt. Andere „intelligente Bettensysteme“ haben in der Mitte des Gitters eine Ausstiegsöffnung. „Das gilt dann nicht als Freiheitsentzug“, sagt Braun.

Ein Problem teilen aber alle Kliniken: Der Pflegeschlüssel nimmt noch keine Rücksicht auf die besondere Wachsamkeit, die verwirrte Patienten benötigen.

Je älter der Patient, desto häufiger tritt nach einer Narkose das „postoperative Delir“ auf, auch „Durchgangssyndrom“. Das Risiko, nach dem Aufwachen an kognitiven Problemen oder sogar Halluzinationen zu leiden, nimmt ab 65 Jahren zu; ab 95 wird es bei 30 Prozent der Patienten beobachtet: Die Patienten wissen nicht, wo sie sind, was mit ihnen geschehen ist. Oft zeigen sie große Unruhe, sie ziehen sich aus, versuchen Drainagen, Verbände und Infusionsschläuche zu entfernen, aus dem Bett zu flüchten. Andere reagieren mit Apathie.
Der Tübinger Altersmediziner Prof. Gerhard Eschweiler von der Psychiatrischen Universitätsklinik empfiehlt in problematischen Fällen die Einbeziehung von Angehörigen: „Die Anwesenheit von Angehörigen macht die Patienten meistens ruhiger.“ Das Durchgangssyndrom verschwindet oft nach wenigen Tagen, es kann aber auch Wochen anhalten. Es gibt noch kein Medikament, um es zu verhindern. Fixierungen und Bettgitter verschlimmern nach der Erfahrung von Ärzten und Pflegern oft die Symptome.

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21.08.2012, 12:00 Uhr

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