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Roman

Das Sakrament der literarischen Taufe

„Der Kreis“ ist der fünfte Teil von Andreas Maiers autobiografischem Erzählprojekt.

25.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Für einen Schriftsteller sind Bücher Glaubenssache – und Bibliotheken Tempel. Das „Bücherzimmer“ der Mutter ist ein solcher Ort, an dem Andreas Maier als kleiner Junge das Sakrament der literarischen Taufe empfangen hat. Betrat er den Raum, „stellte sich eine ähnliche Sakralität wie sonntags in der Kirche ein“. So schildert es der Autor im neuen, nunmehr fünften Teil seines autobiografischen Erzählprojekts „Ortsumgehung“.

Handelte der vorangegangene Band vom Entdecken der Liebe, ist die aktuelle Folge „Der Kreis“ äußerlich wesentlich ereignisärmer. Lesenswert wird das stille Gedankenabenteuer allein durch die gediegene Einfachheit seiner Sprache. Maier, 1967 geboren, zelebriert die ersten Bücher, die er als Kind durchblätterte, sein erstes Konzert, das erste Theaterstück – lauter Initiationserlebnisse in die Welt der Kultur. Damals in den 70ern und 80ern, als es Literatur allein auf Papier und Musik vorwiegend auf Schallplatten gab.

Anders als man erwartet hätte, schließt das Geschehen nicht an den Vorgänger an, sondern springt noch einmal zurück in die Grundschuljahre. Dabei überdeckt sich die Perspektive staunender Kinderaugen, die gerade erst das Lesen gelernt haben, mit dem kritisch distanzierten, manchmal auch leise ironischen Rückblick des Erwachsenen. Ob Konversationslexikon, Kochbücher oder die Philosophie Teilhard de Chardins – vor den Regalen seiner „Urbibliothek“ erschließt sich dem Grundschüler, der bis dahin nur „Asterix“ kannte, fremdes Terrain. Ein Terrain, das umso faszinierender auf ihn wirkt, je weiter die Inhalte der Bücher von seiner eigenen Lebenswelt entfernt sind.

Bernhard und Handke

Die familiäre Konstellation ist typisch 70er. Ein berufstätiger Vater, meist abwesend, und die Mutter zu Hause. Über sie geschieht die intellektuelle Sozialisation des Sohns. Denn die vermeintliche Nur-Hausfrau erweist sich als die Herrin des Bücherzimmers. Sie lernt alte Sprachen, exzerpiert theoretische Werke und korrespondiert mit dem im Ort wohnenden Dichter Fritz Usinger. Woher die Mutter ihren Bildungsehrgeiz bezieht, wozu sie so ein fleißiges Selbststudium betreibt, bleibt allerdings im Dunkeln.

Dass sich Maier in seinem auf elf Teile angelegten Zyklus formal an Thomas Bernhards Autobiografie orientiert, wurde oft bemerkt. Doch er hat auch der Beobachtungsprosa Peter Handkes etwas zu verdanken. Etwa, wenn sein minutiös beschreibender Blick auf der Handschrift der Mutter verweilt, deren Lettern aussahen wie „Spuren von bereits getrockneten Regenrinnsalen an einem sandigen, verkrusteten Hang“.

So schnörkellos treffend wir auch diesmal wieder durch die Eigenheiten einer westdeutschen Provinz-Jugend geführt werden – an ein paar Stellen zieht sich der Lauf der erinnerten Zeit etwas arg in die Länge.

Apropos Provinz: Selbstredend nimmt der Bildungsroman des Inneren den Leser einmal mehr mit in die hessische Wetterau. Jene Gegend östlich des Taunus, die mehr literarische Größen hervorgebracht hat, als man denkt: nicht nur Maier selbst und den von der Mutter verehrte Usinger (immerhin Büchner-Preisträger), auch der Dramatiker René Pollesch. Wie dessen Talent sich warmläuft, erlebt Maier bei der Aufführung der Theater-AG. Ob es noch zu einem engeren Austausch zwischen den beiden kommt? Spätestens jetzt ist man doch wieder neugierig. Georg Leisten

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25.10.2016, 06:00 Uhr

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