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Das Schwarzwaldhotel war Freudenstadts erste Nobelabsteige, umgeben von einem wunderlichen Lustpark
Eine der wenigen frühen Beweis-Fotografien, die das Schwarzwaldhotel auf der Anhöhe über der Bahnanlage zeigen. Ganz rechts auf dem Hotelgrundstück eines dieser Park-Einrichtungen, ein üppig gestalteter, stilvoller Pavillon, der der Erbauung in kultivierter Natur diente.Archivbild Meintel
Legendäre Luxusherberge internationaler Prägung

Das Schwarzwaldhotel war Freudenstadts erste Nobelabsteige, umgeben von einem wunderlichen Lustpark

Freudenstadts erstes internationales Hotel - und damit ein Trendsetter des später einsetzenden Hotelbaubooms – war das Schwarzwaldhotel an Freudenstadts 1879 neu eröffneter Bahnlinie. Das Hotel wurde vom Posthalter Ernst Luz gegründet und 1886 an seinen ältesten Sohn Ernst Luz jun. weiter gereicht, der dann mit dem Hotel Waldlust zu Größe und Ruhm aufstieg. Alte Kunstdrucke zeigen das Schwarzwaldhotel umgeben von einem geradezu phantastisch „möblierten“ Lustpark – mit Felsengrotten, stilisierten Orangerien, Säulenbauten und Springfontänen. Unser Autor, ein Kenner der Eisenbahngeschichte, nähert sich Freudenstadts legendärstem Hotel aus der Bahn-Perspektive.

14.11.2015
  • Rudolf Meintel

Nachdem 1845 die erste Eisenbahn in Württemberg fuhr, mussten die Freudenstädter noch mehr als drei Jahrzehnte warten, bis der eiserne Strang von Stuttgart in den Schwarzwald reichte (Beschluss der Abgeordnetenkammer vom 22. März 1873, Einrichtung der Baudienststellen 1875).

Die Freudenstädter Bevölkerung wollte mit der Streckeneröffnung auch die Befreiung von ihrer abgeschiedenen Lage, ja, ihrem Hinterwäldlerdasein am 1. September 1879 groß feiern. Also zeigten sie ihre Wirtschaftskraft den staunenden Hauptstädtern aus Stuttgart im Rahmen einer großen Gewerbeschau in der neu erbauten Turnhalle.

Wochenlang brachten dann Sonderzüge Interessierte aus dem Großraum Stuttgart in diesen hinteren Winkel Württembergs, und alle waren von diesem Flecken Land begeistert. Auch der König kam auf Besuch.

Die eigentlich innovative Leistung war es, dass der 1877 neu eingesetzte Schultheiß Alfred Hartranft die gute Schwarzwaldluft und die malerische Landschaft als touristisches Geschäftsmodell erkannte und dieses Imageprofil auch umsetzte.

Hartranft warb mit der ozonreichen Luft für seine „Perle des Schwarzwalds“. Ihm zur Seite stand als Fachmann in Tourismusfragen der Posthalter Luz, erfahren in Reisedingen durch seinen Kutschenbetrieb. Schon 1874 war ein Verschönerungsverein gegründet worden.

Die Luftkur war etwas Neues, denn bisher warben die Kurorte mit einem besonderen Wasser, das die Heilung Suchenden entweder zur äußeren Anwendung nutzten oder tranken. In anderen Gegenden hieß der Terminus für Erholung an ausgewählten Plätzen „Sommerfrische“. Allerdings bot zu jener Zeit die Gastronomie der jungen Kurstadt wenig Wahlmöglichkeiten. Die „Post“ war nur für die wenigen Reisenden eingerichtet, die per Postkutsche ankamen. In der Stadt gab es kaum Erholungsstätten, Misthäufen bestimmten in einigen Gassen das Bild. Und das Vieh weidete mitten im Zentrum auf dem in Teilen „naturnah“ präparierten Marktplatz. Der Weg zum Bahnhof war mit zwei Kilometern Distanz recht lang beschaffen, dafür wurde ein Transfer benötigt.

Restauration ab 1879

Hingegen existierten in Bahnhofsnähe noch allerhand geeignete Wiesen, wo man ein Hotel bauen konnte. Posthalter Ernst Luz sen. mit Sohn Ernst nahm sich der Chance an und erbaute vis-à-vis vom (Haupt-)Bahnhof eine entsprechende Restauration. So war schon bei der Bahnstreckeneröffnung 1879 das „Schwarzwaldhotel“ bezugsfertig.

Dieses lag auf einem Hügel nördlich des ersten Bahnhofgebäudes, heute heißt der Standort Wilhelmsbau. Die ankommenden Reisenden brauchten nur 100 Metern zu Fuß gehen und waren schon am Unterkunft-Ziel.

Dem Titelblatt des Gäubahneröffnungsmarsches von 1879 kann man die damalige Situation rudimentär entnehmen: In der Motivschau sieht man einen Zug unter Dampf über den Grüntaler Viadukt fahren. Im Vordergrund das Bahnhofsareal mit Empfangsgebäude und Güterhalle oben. Rechterhand sind vier Gleise angedeutet. Links der beiden Häuser die aufgeschüttete Fläche des Bahnhofsvorplatzes und der künftigen Ladegleise. In der Bahnhofsstraße standen zwei Dienstgebäude. Und über allem thronte das Schwarzwaldhotel mit Nebengebäuden sowie etwas weiter links davon der heutige Gasthof König Karl. Am unteren Bildrand übrigens noch zwei Gebäude des Bahnbetriebswerks, eins davon die Lokremise.

Auf einer weiteren Zeichnung sieht man die Nähe von Bahnhof und Hotel ganz deutlich: Von links her die Wegezufahrt, die auch heute noch existiert, und ganz rechts den Fußweg zum Bahnhof. Direkt vor dem Bahnhof endete eine hölzerne Hotel-Treppenanlage, versehen mit einer malerischen Hinweistafel. Das Bahnhofs-Gebäude blieb über mehrere Jahre eine provisorische Lösung, die bis 1901 zur Eröffnung der Murgtalbahn Bestand hatte. Das auf dem Foto weiter sichtbare kleinere Gebäude war ein Diensthäuschen für den Weichenwärter. Die abgebildete Lok hat die Achsfolge C, entstammte der Baureihe F, wozu die Loks „Alpirsbach“ und „Dornstetten“ gehörten. Die Bildansicht zeigt ferner, wie Bedienstete Gepäckstücke abtransportieren. Warenstapel harren am Bahnsteig ihres Weitertransports mit dem Zug. Eine lang gezogene Allee mit jungen Bäumen führt über unbebaute Wiesen zur Stadt, die Türme der Stadtkirche sind erkennbar.

Das Schwarzwaldhotel hatte nicht nur einen strategisch günstigen Standort, leicht erhöht über den Bahnhofsgebäuden, es bot auch eine freie Sicht über das östliche Vorland in Richtung Schwäbische Alb. Die frühen – im Sinne von stadthistorisch ersten – Kurgäste konnten die Sonne bis in den Spätnachmittag genießen. Lediglich zum Sonnenuntergang war ein Ortswechsel hinauf zum Marktplatz angezeigt.

Das Schwarzwaldhotel war Freudenstadts erstes Luxushotel für internationale Ansprüche. An der Frontseite ein verglaster Speisesaal, darüber eine Veranda. Ostwärts ein kleiner Park mit Springbrunnen, daneben ein Streichelzoo mit Ziegen. Dahinter ein großer Park mit Schaukeln, einer Grotte sowie einem Rondell mit Wandelgang und weiteren Fontänen.

Für die frommen angelsächsischen Gäste waren eine anglikanische Kirche erbaut worden und eine Kapelle.

Einer der berühmten Gäste des Schwarzwaldhotels war der Prinz von Wales, der spätere König Georg V. von England, der mit seinem Vetter Herzog Albrecht von Württemberg hier zur Auerhahnjagd weilte. Phosphorbomben setzten das Anwesen, in dem lange nach Beendigung des Hotelbetriebs zwischenzeitlich 21 Familien einquartiert waren, am 16. Februar 1945 in Brand und löschten so eine glanzvolle Hotel-Ära aus.

Das Schwarzwaldhotel war Freudenstadts erste Nobelabsteige, umgeben von einem wunderlichen Lustpark
Kunstdruck des Schwarzwaldhotels Freudenstadt. Die fototechnischen Möglichkeiten, eine Hotelanlage aus der Halbhöhen-Perspektive abzulichten (ohne Bergrücken als Standort), reichten vor über 125 Jahren noch nicht hin, um den Gesamtprospekt werblich perfektioniert umzusetzen. Daher wurde vielfach zu solchen künstlichen Wiedergabeformen gegriffen – mit allen ihren perspektivischen Freiheiten und Eigenwilligkeiten. In Ermangelung einer realen Fotoserie reibt sich hier der Betrachter die Augen: War dieser Märchenpark einst real? Auf anderen Ansichten weist der Hotelpark zahlreiche weitere Details aus.

Das Schwarzwaldhotel war Freudenstadts erste Nobelabsteige, umgeben von einem wunderlichen Lustpark
Das Schwarzwaldhotel mit Bahnhofsbauten im Vordergrund. Archiv Meintel

Realität oder künstlerische Fiktion? Traumkulisse, Phantasiewelt oder ein wirklich so in Gänze existierendes Eldorado für Schwarzwald-Reisende?
Freudenstadts erstes Hotel am Platze, das Schwarzwaldhotel, das einst den Bahnreisenden zugekehrt war und vis-à-vis des heutigen Hauptbahnhofs auf der Anhöhe stand, es mutet mit seinem Parkgelände und seiner in Zeichnungen und kolorierten Blättern versinnbildlichten märchenhaften Erlebnislandschaft Staunen machend und wunderlich an.

Das Mysterium waltet deshalb, weil kaum belegkräftige Fotografien dieser Luxusherberge der Kurstadt-Frühzeit vorliegen und greifbar sind. Die Kunstdrucke zeigen aber, aus verschiedenen Blickwinkeln, dieselben Versatzstücke der Hotel-Wunderwelt und legen damit den Schluss schon nahe, dass dieses Park-Reich an Freudenstadts Eingangspforte so existiert haben muss.

Eine Projekt-Broschüre des Hotelpatron Ernst Luz aus dem Jahre 1913 für ein „Schwarzwald-Sanatorium“ auf dem großen, rückseitig vom Hotel gelegenen „Parkwaldgrundstück“ weist dafür eine Fläche von 50 000 Quadratmetern aus. Weiter spricht die Broschüre von einem „herrlichen Park“ sowie einer waldartig angelegten(!) Umgebung „mit einem Promenadenweg von fünf Kilometern“. Das projektierte Sanatorium mit fertigen Bauplänen und detailliertem Finanzierungsmodell sollte freilich nie realisiert werden. Der einsetzende Erste Weltkrieg brachte diese Expansionspläne sehr wahrscheinlich zum Erliegen.

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14.11.2015, 12:00 Uhr

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