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Die Wurzeln des Französischen Viertels

Das Stadtquartier nahm seinen Anfang als Kaserne

Was heute als Französisches Viertel bekannt ist, war früher das Areal der Hindenburgkaserne. Eine Matinee im Werkstadthaus warf gestern einen Blick auf die ältere Geschichte des Südstadt-Teils.

20.02.2012
  • Sascha Geldermann

Tübingen. Verdient das Französische Viertel seinen Namen? „Ja, da es am meisten von den französischen Soldaten geprägt wurde, die hier von 1945 bis 1991 stationiert waren“, sagte Lokalhistoriker Pierre Michael gestern als einer der drei Matinee-Redner zu rund 50 Zuhörern. Was vielen Tübingern aber kaum noch bewusst sei: Die Wurzeln des Stadtquartiers liegen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Als Vorbereitung auf den Angriffskrieg wurde 1933 zum einen die spätere Thiepval-Kaserne reaktiviert, deren Räume nach dem ersten Weltkrieg als Sozialwohnungen genutzt worden waren. Zum anderen wählte das Reichswehrministerium die Stadt Tübingen für den Bau einer neuen Kaserne aus.

„Diese Standortentscheidung kam Tübingen sehr gelegen“, sagte Michael, der sich 2009 für seine Zulassungsarbeit mit der Hindenburgkaserne beschäftigt hatte. Ab 1933 hatte die Stadt nämlich mit den Folgen des Überfüllungsgesetzes zu kämpfen, das die Zahl der Zulassungen an den Universitäten beschränkte.

Tübingen verlor 40 Prozent seiner Studenten und hoffte, durch die Kaserne neue kaufkräftige Bürger zu gewinnen. Michael verwies darauf, dass dieser Gedanke auch heute noch aktuell ist: „Als das US-Militär nun die Standortschließungen in Schweinfurt und Bamberg angekündigte hatte, protestierten dort die Oberbürgermeister.“

Der Bau der Hindenburgkaserne ging schnell über die Bühne: 1934 begann die Arealerschließung, am 28. Oktober 1935 bereits der Militärbetrieb. „Das lag an der fortgeschrittenen Standardisierung“, sagte der Hobby-Historiker Jens Rüggeberg, der ebenfalls als Redner zur Martinee kam. Vielerorts entstanden die gleichen Kasernen, sodass die Pläne bereits in den Schubladen lagen und viele der Bauteile schon produziert waren.

Am Anfang hieß der militärische Gebäudekomplex „Burgholzkaserne“, benannt nach dem nahegelegenen Waldstück. Das änderte sich 1938, als die Anweisung aus Berlin kam, allen Kasernen in Deutschland ideologische Namen zu geben. Auch die Thiepval- und die Loretto-Kaserne erhielten in diesem Zuge ihre heutigen Bezeichnungen: Beide sind nach Orten benannt, an denen Deutschland im ersten Weltkrieg Schlachten verloren hatte. „Hier stand eindeutig der Rache-Gedanke im Vordergrund“, so Rüggeberg.

Der heutige Lehrer Michael hatte 2009 seine Zulassungsarbeit über die Hindenburgkaserne geschrieben und war dabei auf Pläne für eine vierte Kaserne gestoßen. Diese wurde aber nie gebaut, da ansonsten die Truppenkonzentration zu hoch gewesen wäre.

Schließlich waren die Kasernen bevorzugte Angriffsziele – in den letzten Kriegsjahren gingen auf alle drei Bomben nieder. „Die Gebäude sind dabei gut weggekommen“, sagte Rüggeberg. Einen Volltreffer habe es aber beim nahen Güterbahnhof gegeben. Anschließend bediente sich die Bevölkerung verbotenerweise an den Waren der aufgesprengten Waggons.

Nach Kriegsende besetzten französische Truppen die Hindenburgkaserne. Der dritte Redner Winne Brugger erzählte davon, wie französische Soldaten mit den Tübinger Bürgern zusammenlebten, die damals schon neben dem Gebäudekomplex wohnten.

Brugger selbst war 1958 als Zehnjähriger in diese Gegend gezogen. Er berichtete von lauten Fahnenappellen am Sonntagmorgen, vom Spielen auf dem Militärgelände und von der Parallelgesellschaft, die in der Gegend herrschte. „Die französischen Jugendlichen hatten so gut wie nichts mit den deutschen zu tun“, so Brugger. Sie hatten ihre eigene Schule, umzäunte Spielplätze und kamen in die meisten Discos nicht rein.

An einem Tag im Jahr trafen Tübinger und Franzosen doch aufeinander: am Tag der offenen Tür in der Kaserne. „Ich bin immer voller Freude dort hingegangen, wobei ich vor allem die Panzer genau unter die Lupe genommen habe“, erinnerte sich Brugger.

Auch einige der Zuhörer erinnerten sich an diese Veranstaltung, was eine lebhafte Diskussion in Gang brachte. „Als Nordstädtler betrat ich die Kaserne immer mit einem etwas mulmigen Gefühl“, sagte ein Mann. Von negativen Erlebnissen mit den Soldaten berichtete aber niemand.

Auch Brugger konnte sich an keinen einzigen Streit mit den Franzosen erinnern. Damals habe es nördlich des Neckars geheißen, dass es in der Südstadt wegen der vielen Ausländer gefährlich sei. Bruggers Ehefrau hatte dagegen immer gesagt: „Nirgendwo ist es sicherer – alles ist voll mit jungen Franzosen, die zu schüchtern sind, um eine Frau anzusprechen.“

Das Stadtquartier nahm seinen Anfang als Kaserne
Nach dem Abzug der französischen Soldaten im Jahr 1991 verwandelten sich nicht nur ehemalige Militärgebäude in Wohnungen und Läden, sondern es entstanden auch viele neue Häuser. Auf diesem Bild vom März 1997 sind Baugruben zu sehen – von seiner heutigen Gestalt ist das Französische Viertel aber noch ein ganzes Stück entfernt. Bild: Grohe

Das Stadtquartier nahm seinen Anfang als Kaserne
Der „Tag der offenen Tür“ in der Hindenburgkaserne war eines der wenigen Ereignisse, an dem Tübinger Zivilisten und französische Soldaten in direkten Kontakt traten – wie hier im Oktober 1967. Archivbild: Göhner

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20.02.2012, 12:00 Uhr

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