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"Carpe Viam" in Tübingen

Das Straßenkunst-Festival will Kunst und Protest verbinden

Tübingens erstes Straßenkunst-Festival auf dem Festplatz möchte nicht nur auf eine mitunter missachtete Kunstform aufmerksam machen. Es will seine Gäste dazu ermuntern, selbst artistisch loszulegen.

20.08.2012

Tübingen. Carpe Viam – Nutze die Straße, heißt das Festival. Denn Initiator Leonhard Fiedler glaubt, dass die Tübinger Straßenkunstszene neue Impulse gut gebrauchen könnte. „Bisher gibt es nur ein paar Musiker, sonst ist alles ausgestorben“, sagte der Student der Erziehungswissenschaften am Samstagabend auf dem ungewohnt lauschigen Festplatz. Der 26-Jährige will den Tübingern die Vielfalt und die politische Strahlkraft von Straßenkunst zeigen, auch wenn er selbst seine Gitarre lieber ohne Verstärker „in kleinen, stillen Räumen“ spielt.

Theatralische Formen für den Straßenprotest

Etwa 30 internationale Straßenkünstler/innen treten beim Festival auf, bestätigte Anja vom zehnköpfigen Organisations-Team. Ihr Nachname soll lieber nicht in der Zeitung stehen. Die 23-Jährige studiert Umweltsystemwissenschaften mit Schwerpunkt Physik an der Universität Graz in Österreich. Straßenkunst ist ihr Hobby. Sie spielt Akkordeon und trainiert Poi, eine Form der Jonglage, die ihren Ursprung bei den Maori in Neuseeland hat.

Unter den Künstler(inne)n sind beispielsweise die israelische Feuer-Artistin Jay Toor, die inzwischen unter anderem in Berlin lebt, und die 60-jährige Uta Pilling aus Leipzig, eine Malerin, Lyrikerin und Sängerin. Auch ein rumänisches Straßentheater ist eingetroffen.

Auf dem vor Hitze gleißenden Tübinger Festplatz stehen Tipi-ähnliche weiße Zelte für die Workshops, bei denen sich Festivalgäste selbst künstlerische Techniken aneignen können, die bei Vorführungen unter freiem Himmel besonders gut wirken.

In einem der Workshop-Zelte saß am Samstagvormittag Marc Amann. Er hat einmal in Tübingen Psychologie studiert und ist ein ganz spezieller Puppenspieler. Mit Kunst haben seine Puppen nichts zu tun, betonte der 39-Jährige. Ihm geht es um neue Formen des politischen Protests. Als Grundelement genüge „ein Holzstab in einem Rucksack“, sagte Amann. Mit einem Laken und einer Maske als Gesicht wird eine Puppe daraus. Für einen dreidimensionalen Kopf braucht es etwas Pappmaché. Sogar wenn Amann Straßentheater mit Kindergruppen einstudiert, komme der politische Kontext zuerst, schon durch die Arbeit mit Recycling-Materialien.

In seinem Workshop beim Tübinger Straßenkunst-Festival wollten am Samstagvormittag 20 Leute lernen, wie man Großpuppen baut, aus Holz, Maschendraht und Pappmaché. Stoff und Farbe vervollständigen das zwischen Popanz, Kunst und Gespenst schillernde Zwitterwesen.

Die schweigende Mehrheit ansprechen

Workshop-Teilnehmer Rolf stellte sich als Occupy-Aktivist vor. Der 50-jährige Techniker aus Wiesbaden engagiert sich in der Frankfurter Occupy-Bewegung. Puppen will er bauen, um sie auf der Straße einzusetzen: „Um den Protest, der in Deutschland ein bisschen langweilig ist, ein bisschen aufzupeppen“. Solche neuen Demonstrationsformen sollen auch für die schweigende Mehrheit interessant werden. „Das ist dringend notwendig“, betonte Rolf: „Man sieht ja, was seit der Finanzkrise 2008 los ist. Die Banken haben gemerkt, dass Staaten erpressbar sind.“ Eine junge Spanierin will mit Straßenkunst „den großen Problemen“ in ihrem Land etwas entgegensetzen – und „vielleicht mit Puppen etwas entwickeln“.

Puppen eignen sich sogar für Aktionen zivilen Ungehorsams, sagte Amann und schilderte, was ein Aktivist samt überdimensionaler Ganzkörper-Puppe Sicherheitskräften signalisieren kann: „Okay, du kannst mich wegtragen, aber ich sitze in einer riesigen Puppe.“ Durch die theaterähnliche Wirkung kämen Protestierer viel leichter in Kontakt mit unbeteiligten Passanten, so Amann. Wenn man ihm zuhört, glaubt man beinahe an eine Wiederbelebung des Happenings aus den sechziger Jahren. Seine Erfahrungen sind mittlerweile in ein Buch eingegangen: „Go.Stop.Act – Die Kunst des kreativen Straßenprotests“.

Das Straßenkunst-Festival will Kunst und Protest verbinden
Der in Berlin lebende Italiener Guillari ist Seifenblasenkünstler im Clowns-Kostüm. Am Samstagnachmittag gab er ein Gastspiel auf dem Tübinger Holzmarkt (unser Bild). Am Samstagabend war er beim Straßenkunst-Festival auf dem Festplatz nicht nur für Kinder ein Publikumsmagnet.Bild:Sommer

Das Straßenkunst-Festival Carpe Viam gastiert noch bis einschließlich Dienstag, 21. August, auf dem Tübinger Festplatz. Spontan-Auftritte in der Tübinger Fußgängerzone soll es ebenfalls geben. Das Abendprogramm am heutigen Montag eröffnen um 19 Uhr die schwedischen Retro-Rocker Dream Engine auf der Freiluftbühne. Es folgt um 20 Uhr die Brüsseler Balkan-Blaskapelle Bernard Orchestar. Parallel bespielen Miguel’s Paperbox (mit Katja Castberg) sowie der aufstrebende Zauberkünstler Domenikus die Zeltbühne. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. An den Essens- und Getränke-Pavillons gibt es zu überschaubaren Preisen afrikanisches Essen aus Eritrea oder würzige Pfannkuchen mit Basilikum-Tofu-Creme, Mango-Melonen-Chutney oder Karamell-Creme.

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20.08.2012, 12:00 Uhr

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