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Lesestoff an der „Rennstrecke“

Das TAGBLATT-Eck knüpft an eine Tübinger Kiosk-Tradition an

Jahrzehnte prägten Kioske den Charakter der „Rennstrecke“ vom Lustnauer Tor zum Europaplatz. In letzter Zeit konnte der Eilende erst am Bahnhof Magazine und Zeitungen kaufen. Nun bietet das TAGBLATT-Eck wieder jede Menge Lesefutter.

14.07.2012
  • Fabian Ziehe

Tübingen. Klatsch gefällig? Da gibt es die neue „Gala“ oder „Bunte“. Fernweh? Eine „Geo“ hilft weiter. Das Neueste über Justin Bieber serviert die „Bravo“, den neuen Scoop „Der Spiegel“ und Knobelei die „Rätselmühle“. Das TAGBLATT-Eck bietet an der Laufstrecke vom Univiertel zum Bahnhof wieder eine Tankstelle für Lesestoff – und knüpft so an Tübinger Kiosktraditionen an.

In guter Lage, sagt Jutta Schneider. Sie muss es wissen. Viele Jahre war der Kiosk von ihr und ihrem Mann eine Institution rund um die Neckarbrücke. Von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends gab es dort Zeitungen, Lottoscheine, Bus-Tickets und Lebenshilfe für Kunden, die jemanden zum Zuhören brauchten. „Ich habe dort mein halbes Leben verbracht – ich habe das sehr gerne gemacht“, sagt Schneider.

Die Rentnerin steht heute noch einmal jede Woche an der Neckarbrücke, raucht und beobachtet das Treiben auf der Brücke. Das war 37 Jahre ihre Welt. „Ich brauche das Publikum“, sagt die 76-Jährige. Ihr 1994 verstorbener Mann Walter Schneider hatte schon in den Nachkriegsjahren einen Kiosk am heutigen Europaplatz, bis dieser dem Omnibusbahnhof weichen musste.

Der Kiosk läuft am besten auf der Laufseite

Jutta Schneider, 1935 im Vogtland geboren, hatte nach dem Krieg erst in der DDR gelebt. Über Umwege kam sie 1955 nach Tübingen und lernet ihren Mann kennen. Mit ihm heiratete sie einen Kiosk. Und dieser zog oft um: Erst an die Neckarbrücke, wo aber seit 1965 der Bürger- und Verkehrsverein residiert.

Weiter vor das Uhlandbad. „Das war der beste Platz. Der Kiosk lag an der Laufseite der Straße zum Bahnhof“, sagt Schneider. Den Stadtwerken passte das Kiosk vor ihrem Bad aber nicht. So ging’s 1962 bis zum dreispurigen Ausbau der Mühlstraße ins Provisorium an der Pfleghof-Mauer. Und 1972 zog der Kiosk an die Ecke Gartenstraße-Mühlstraße. Ein Holzbau, der die Szenerie prägte. Schüler schauten oft vorbei, bis der Bus sie aufpickte. Es kamen viele Stammkunden. Dem Bettler wechselte Schneider Münzen, dem Einsamen schenkte sie ihr Ohr. Kurzum: Sie war stadtbekannt.

Schneider betrieb nicht den einzigen Kiosk rundum. „Gut bekannt“ war sie mit Gertrud Schnitzler. Noch als Rentnerin half sie ihr im kleinen Laden am Lustnauer Tor aus, bis dieser vor ein paar Jahren einer Bäckerei wich. Seit 1978 war Schnitzler an den Standort gezogen. Zuvor war sie Damenschneiderin bei Egeria.

Günther Gritzmann mit seinem Kiosk in der Uhlandstraße war auch eine Institution. 1957 aus Oberschlesien gekommen, blieb er wegen der Liebe in Tübingen. 1960 heiratete er und war Mitbegründer der Ruftaxi-Zentrale. Doch im Taxi-Geschäft mischte er nicht lange mit.

Er bekam mit, dass das Reisebüro Reeder einen Laden in der Uhlandstraße 5 schließen wollte: „Da habe ich mich drum bemüht.“ Später zog er nebenan in die Uhlandstraße 7, wo zuvor der Nähmaschinenhersteller Singer eine Dependance hatte. Schneider verkaufte Zeitschriften, Zeitungen, Lotto-Scheine, Zigaretten, Zigarren und Schreibbedarf.

Die Uhlandstraße sei nie eine gute Geschäftsstraße gewesen. „Der Laden trug sich einigermaßen“, sagt Gritzmann. Eines Tages kamen Schüler und wollten etwas für 1,20 Mark kaufen. Auf die Frage „Was kostet das“, antwortete Gritzmann: „120“. „Erst haben die nur verdutzt geguckt, dann gelacht“, erinnert er sich. Über die Zeit wurden die Hunderte-Preise sein Markenzeichen.

Viele ehemaligen Schüler erkennen ihn bis heute. Er war über 70, als er 2004 den Kiosk aufgab. Das Haus wurde abgerissen, um ein Wohnhaus zu errichten. Für Gritzmann war das okay: „Ich bin einfach in Rente gegangen.“ Bis heute ist der 85-Jährige viel unterwegs mit seinem Naldo-Netzticket. „Ich habe keine Langeweile.“

Das verbindet ihn mit Kiosk-Kollegin Jutta Schneider. 1993 hatte die Stadt ihren geliebten Holzkiosk wegen der Sanierung der Brücke abgerissen. Die neue beengte Hütte an gleicher Stelle gefiel ihr nicht. 1995 ging sie in Rente. „Die Zeit der Kioske war vorbei“, sagt Schneider. Zwei andere Pächter versuchten nach ihr erfolglos ihr Glück. 2000 wurde der Kiosk abgebaut und dem TSV Lustnau als Materiallager vermacht.

Jutta Schneider arbeitet heute jedes zweite Wochenende in der Kunsthalle. Sie freut sich, wenn jemand mit fragendem Blick kommt und meint: „Ich kenne sie doch irgendwoher…“ Sie sei viel unterwegs und „weiterhin gesund und zufrieden“. Trifft sie alte Kundschaft, merkt sie aber, dass sie ein Lücke hinterlassen hat.

Vielleicht kann das TAGBLATT-Eck diese etwas füllen. Über 150 Titel sind dort zu haben. „Frauenzeitschriften laufen schon ganz gut“, sagt Mitarbeiterin Claudia Stickel, die den Verkauf betreut. Das Sortiment ist auf Tübinger Bedarf ausgerichtet, Wirtschafts- und Wissenszeitschriften, Magazine und Musikzeitschriften sind stark vertreten. Auch Sammelbilder gibt es. Neben dem aktuellen TAGBLATT werden weitere Zeitungen verkauft, auch zwei türkische. Französische Blätter wurden bereits nachgefragt. „Wir nehmen solche Kundenwünsche gerne auf“, sagt Claudia Stickel.

Info: Zeitungen und Zeitschriften gibt es im TAGBLATT-Eck zu den üblichen Öffnungszeiten, Montag bis Freitag von 9 bis 18.30 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr.

Das TAGBLATT-Eck knüpft an eine Tübinger Kiosk-Tradition an
Das war der Blick hinein ins Reich der Tübinger Kioskbetreiberin Jutta Schneider vor der Neckarmüllerei. Archivbild: Metz

Das TAGBLATT-Eck knüpft an eine Tübinger Kiosk-Tradition an
Das TAGBLATT-Eck bietet neuerdings gut 150 Magazine und Zeitungen.Bild: Ziehe

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14.07.2012, 12:00 Uhr

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