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Weiße Türen sind schwierig

Das TAGBLATT begleitete Kiebinger Sternsinger von Haus zu Haus

Ob Alteingesessene oder Asylbewerber – in Kiebingen besuchen die Sternsinger des Paulus-Chors jedes Haus. Sie schreiben den Neujahrssegen an die Haustüre und sammeln dieses Jahr Spenden für Kinder auf den Philippinen.

06.01.2015
  • Martin Zimmermann

Kiebingen. „Wenn ihr uns was geben wollt, gebt es uns bald. Wir müssen noch durch den tiefen Wald. Wir müssen noch durch den tiefen Schnee. Oh, wie tut das den Königen weh.“ Markus Raidt sagt ihn noch manchmal, den alten Bettelspruch. „Die alten Kiebinger warten da drauf“, sagt er. Seit 23 Jahren sind Sternträger Raidt, Klaus Maier, „Die, die nicht so gut singen können, müssen halt ein bissle besser aussehen“ und Bernhard Herrmann eine Sternsinger-Gruppe. Eine von elf Gruppen, die sich das Dorf in Abschnitte eingeteilt haben.

Maier, der die Erste Stimme singt, hat sich als Schwarzer angemalt. „Bei uns im Pauluschor ist immer die erste Stimme der Schwarze“, sagt er. „Einmal schwarz, immer schwarz.“ Auch die hellhäutigen Könige sind mit rotem Lippenstift geschminkt. „Die, die nicht so gut singen können, müssen halt ein bissle besser aussehen“, sagt Eberhardt.

Die Kiebinger Sternsinger klingeln nicht nur bei Katholiken, die eine Spende angekündigt und deshalb um Besuch gebeten haben, sondern an jeder Haustüre. Mit den älteren Kiebingern wie dem ehemaligen Mesner Wilhelm Langheinz machen sie ein Erinnerungsfoto. Den afrikanischen Flüchtlingen, die ob des Kulturschocks etwas schüchtern auf den bunt gekleideten Besuch schauen, erklärt Bernhard Herrmann auf Englisch, dass sie den Neujahrssegen bringen.

Einer türkischen Familie sagt er in ihrer Muttersprache „Guten Morgen“ und „Vielen Dank“. Auch eine ältere Kroatin freut sich über den Segen. „In meiner Heimat ist das etwas anders. Da kommt der Pfarrer persönlich, um das Haus zu segnen“, erzählt sie. Ihre weiß gestrichene Haustüre bereitet Probleme, weil man die weiße Kreide darauf nicht sieht. Andreas Eberhardt behilft sich mit hellblauer Kreide.

Kurz vor zwölf Uhr mittags klingelt die Gruppe an einem Mehrfamilienhaus, in dem junge Leute wohnen. Keiner öffnet. Eberhardt nimmt sein Handy. „Das ist einer von meinen Tischtennis-Mitspielern. So leicht kommt der mir nicht davon“, sagt er. „Spinnst du, ich bin gerade erst aufgestanden“, tönt es aus dem Mobiltelefon. „Da müssen wir wohl später nochmal wiederkommen“, sagt Herrmann.

Einige ältere Leute öffnen die Haustüre nicht und reichen Geldscheine aus dem Fenster. Oft fahren die Kiebinger Sternsinger auch nach Tübingen, um in den Kliniken zu singen: „Normalerweise besuchen wir kranke Kiebinger die dort liegen, aber dieses Jahr sind anscheinend alle Kiebinger gesund“, sagt Herrmann.

Früher zogen Kiebingens Sternsinger erst nachmittags los. Weil sich das Dorf vergrößert hat, werden sie seit etwa zehn Jahren schon in der Frühmesse ausgesendet. „Wir haben ja auch Kinderteams. Die können wir nicht noch um sieben Uhr abends im Dorf herumschicken“, sagt Martina Iffert. Deshalb herrscht beim Ankleiden und Schminken morgens ein ziemliches Gewimmel. Die Königskostüme sind aus Frotteestoff genäht, den Anfang der 1960er Jahre die Lustnauer Frottierweberei Egeria gespendet hat.

Unter den Königen gibt es drei Arten von Kopfbedeckung: die Renaissance-Haubenmütze, das Araber-Kopftuch und die Krone. Bevor sie losziehen, proben die Sänger/innen nochmal ihre drei Lieder. Neben aktiven Chorsängern sind beim Sternsingen auch Ehemalige und Gastsänger dabei. Mittags treffen sich die Gruppen zum Essen im Kolpingsaal.

Der neunjährige Benedikt Günther, der das zweite Mal dabei ist, erzählt begeistert: „In einem Haus haben sie uns zu Spezi und Chips eingeladen.“ Rasch zählt er das gesammelte Spendengeld und zieht eine Zwischenbilanz. „Wow, schon über hundert Euro. Wir sind echt gut.“ Über 2000 Euro sammelten die Kiebinger Sternsinger voriges Jahr. Fast noch wichtiger als die Spenden sind den Kindern die gesammelten Süßigkeiten. Von der Ausbeute werden sie wohl noch Wochen zehren.

Das TAGBLATT begleitete Kiebinger Sternsinger von Haus zu Haus
Von wegen drei Könige: Der Paulus-Chor in Kiebingen hat ganz viele davon. Hier sind einige im Probenraum vor dem Abmarsch zur Sammeltour. Bild: Zimmermann

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06.01.2015, 12:00 Uhr

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