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Russlands Weltraumbahnhof Wostotschny: Einweihung mit "Sojus"-Start

Das Tor zum Himmel klemmt

Der neue russische Weltraumbahnhof Wostotschny wird nächsten Mittwoch eingeweiht. Dazu soll eine "Sojus"-Rakete starten. Bis 2018 wird der Start der einzige sein. Falls er stattfindet.

25.04.2016
  • EGBERT MANNS

Wostotschny. Das "Kosmodrom Wostotschny" (östlicher Weltraumbahnhof) ist Chefsache. Russlands Präsident Wladimir Putin hat am 17. Dezember 2015 angeordnet, der Weltraumbahnhof müsse im ersten Quartal 2016 so weit fertig sein, dass eine "Sojus"-Rakete starten kann. Die Weltraumbehörde Roskosmos entschied kürzlich: Start ist am 27. April. Die "Sojus" soll drei russische Satelliten ins All bringen. Deren Gesamtgewicht: gut eine Tonne.

Wostotschny liegt 8000 Kilometer östlich von Moskau auf 700 Quadratkilometern in Sibirien. Die Lage ist suboptimal - so weit nördlich, dass die Raketen nicht so große Lasten in Umlaufbahnen bringen können wie in Äquatornähe. Aber ihn weiter südlich zu bauen war zu riskant, dann könnten Trümmer eines Fehlstarts auf Japan regnen.

Mit dem Start wird Wostotschny eingeweiht, aber nicht in Betrieb genommen. Das hat Andrej Mazurin, der Direktor der Bodeninfrastruktur-Firma Tsenki, Ende März noch klargemacht. "Ich hoffe, wir werden das Kosmodrom mit seinem Jungfernflug im April eröffnen", sagte er. Für 2017 seien aber keine Starts geplant, für 2018 "nicht viele".

Planung und Bau des Weltraumbahnhofs klappen nicht. Noch im Oktober 2015 hatte Putin während eines Baustellenbesuchs laut Radio Free Europe resigniert gesagt: "Dann vereinbaren wir doch Folgendes: Ihr macht Wasserversorgung, Elektrizität und Abwasser fertig und bereitet einen ersten Start für 2016 vor, irgendwann im Frühjahr."

Auch in Russland bewirken Chefbesuche Wunder. Als Putin sich die Baustelle am 17. Dezember wieder anschaute, zeigte er sich zufrieden. Die Verzögerung sei seit seinem Oktoberbesuch gesunken, sagte er, von eineinhalb Jahren auf vier bis sechs Monate.

Die Gründe für die Verzögerung? Zum einen hat die Regierung die Mittel für Wostotschny immer wieder gekürzt, zuletzt um umgerechnet 9,7 Milliarden Euro für die Jahre 2016 bis 2025 - eine Folge der Wirtschaftskrise. Gleichzeitig verlor der Rubel an Wert, Komponenten aus dem Ausland wurden teurer.

Das hat unter anderem dazu geführt, dass die alte "Sojus" für Wostotschny hergerichtet wurde. Eigentlich sollen dort leichte und schwere Versionen der neu entwickelten "Angara"-Rakete starten - aber für die gibt es noch nicht einmal Startplätze und die Raketen sind sowieso noch nicht serienreif.

Zum anderen Korruption und Verschwendung, wie russische Medien immer wieder berichten. Löhne wurden nicht, zu wenig oder verspätet gezahlt. Geld für das Kosmodrom wurde für andere Zwecke ausgegeben, nicht abgerufen oder verschwand im Nirwana.

Sogar die offizielle Nachrichtenagentur Tass durfte über den Generalunternehmer, die staatliche russische Spezialbau-Firma Dalspetsstroy, herziehen, nachdem bekanntgeworden war, dass die Firma Geschäftshäuser in der Stadt Khabarovsk errichtet hatte - von Geld, das für Wostotschny bereitgestellt worden war. Russlands stellvertretender Premierminister Dmitri Rogosin habe verlangt, die Gebäude zu verkaufen, schreibt der Nachrichtendienst russianspaceweb.com, um somit wenigstens einen Teil des Geldes wieder in den Wostotschny-Haushalt zurückzuführen.

Fünf Manager und mehrere Kriminalfälle habe es in der vierjährigen Bauzeit gegeben, schrieb der Nachrichtendienst Freenews.xyz am 11. März. Dalspetsstroys Defizit sei seitdem auf rund 100 Millionen Euro gestiegen. Ein Gericht verurteilte die Baufirma im März dazu, 20 Millionen Euro zurückgehaltener Löhne an Subunternehmen zu bezahlen. Mehrere Banken, die der Firma Kredit gegeben haben, klagen, weil zu wenig zurückfließt.

Ein stellvertretender Geschäftsführer und ein Chefbuchhalter werden beschuldigt, knapp 70 Millionen eines 340 Millionen Euro großen Vorschusses für Wostotschny veruntreut zu haben. Die Staatsanwaltschaft vermutet der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge, dass sie damit Kredite der Dalspetsstroy ablösen wollten.

Dalspetsstroy wiederum beschuldigt die Firma Tsenki, sie habe kein geschultes Personal aufgeboten, heißt es in russianspaceweb.com. Deshalb hätten Einrichtungen auf dem Raumhafen nicht in Betrieb genommen werden können.

Allen Widrigkeiten zum Trotz ist die "Sojus" am Freitag zum Startplatz gerollt worden. Alles laufe wie geplant, sagte Roskosmos-Chef Igor Komarov. Ende März war die Rakete getestet worden, ebenso die Kommunikation mit der Bodenkontrollstation. Danach wurden die Ladung, die drei Satelliten, montiert und das Startdatum festgelegt: Mittwoch, 27. April, 4:01 Uhr Mitteleuropäischer Zeit.

Die Rakete

Startbereitschaft Ob die „Sojus“-2.1a-Rakete wirklich startet? Der Raumfahrtexperte Anatoly Zak zitiert in russianspaceweb.com den „inoffiziellen Eintrag eines lokalen Zeugen auf russischen Sozialen Medien“, wonach es keine Chance auf den Start im April gebe, weil alles Geld, das der Kreml extra für die Rakete bereitgestellt habe, „schon ausgegeben oder gestohlen wurde, während die meiste Hardware, die für die Fertigstellung benötigt wird, einschließlich Teilen, die aus China importiert werden, noch geliefert werden müssen“.

Risiken Es gibt auch technische Risiken. Für einen Start von Wostotschny aus ist die „Sojus“-2.1a verändert worden. In manchen Veröffentlichungen heißt die Rakete deshalb auch „Sojus“-2.1v – „v“ steht für Vostochny. Solche Veränderungen haben bisher meistens zu Verzögerungen geführt – oder zu Fehlversuchen.

Veränderungen Die „Sojus“- Rakete musste die 6600 Kilometer lange Reise vom Hersteller nach Sibirien überstehen. Das Wostotschny-Konzept sieht vor, dass sie 100 (bisher nur wenige) Stunden vollgetankt auf dem Startplatz steht. Auf die Hülle sind vier Kameras montiert worden, die spektakuläre Bilder vom Start liefern sollen. Die Computeranlage ist neu, sie soll Kabelmasse in der Rakete verringern. Auch wurden neuartige Batterien eingebaut.

Oberstufe Ein Risikofaktor könnte die vierte Raketenstufe, die „Wolga“ sein. Viel Erfahrung gibt es damit nicht. Eigentlich keine. Sie hatte am 28. Dezember 2013 ihren Jungfernflug auf einer „Sojus“-2.1v. Am 4. Dezember 2015, auf ihrem zweiten Flug, hat sich ein Militärsatellit, den sie absetzen sollte, nicht von ihr getrennt, berichtet spaceflightnow.com. Einer von vier Bolzen, die den Satelliten auf der „Wolga“ hielten, habe sich nicht gelöst. ema

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25.04.2016, 06:00 Uhr

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