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Premiere für eine fast Vergessene

Das Torbogen-Theater führt am Wochenende ein gegen den Strich gebürstetes „Rösle von Seebronn“ vor

Es passiert vermutlich selten, dass das Stück eines Autors 150 Jahre nach dessen Tod uraufgeführt wird. Entweder ist es zu Recht vergessen – oder blieb zu Unrecht unbekannt. Für die Nachwelt macht das wenig Unterschied. Insofern ist es schon erstaunlich, dass am kommenden Wochenende Ernst Meiers „Rösle von Seebronn“ auf die Bühne kommt.

02.10.2014
  • Ulrich Eisele

Rottenburg / Seebronn. Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat die Story einer ledigen Magd, die von einem Seebronner Hoferben geschwängert wird, zuerst 1979 als Fortsetzungsroman im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT veröffentlicht; dann 1990 in einer kommentierten Ausgabe mit anderen unveröffentlichten Schriften Meiers. Ihn interessierten an dem seinerzeit erfolglosen Professor semitischer Sprachen vor allem dessen volkskundliche Skizzen.

Meier war ein ziemlich genauer Kenner von Land und Leuten. Weil ihm sein (viel berühmterer) Doktorvater Heinrich Ewald bei der wissenschaftlichen Karriere behinderte, wich er aufs weniger beachtete Feld der Ethnografie aus. Sein „Rösle von Heilbronn“ ist eine seltene Mischung einer biedermeierlich-schwülstigen Liebesgeschichte mit realistischem Hintergrund.

Rösle, eine Magd aus dem Steinlachtal, kommt an den Hof des Seebronner Schultheißen, dessen Haushalt wegen übertriebener Kontrollsucht der Schwiegertochter etwas unrund läuft. Arm trifft Reich, protestantisch katholisch – die klassische Konstellation für ein schwäbisches Drama. Es kommt, wie es muss: Der Sohn verliebt sich, bricht mit der Magd die (vom Vater befohlene) Ehe, und das gebrochene Rösle muss die Folgen tragen: Sie wird verstoßen und bringt ihr Kind in einem Tübinger Haus für ledige Mütter zur Welt.

Aus der Schmonzette wird ein Drama

Ungewöhnlich ist nur das Ende, das hier nicht verraten sei. Nur so viel: Realistisch ist das nicht. Fast könnte man danach in Meier einen Fan von Altachtundsechziger-Idealen vermuten.

Dass das Stück auf die Bühne kommt, hängt tatsächlich mit einer Altachtundsechzigerin zusammen. Einer Rottenburgerin: Heidi Heusch, Prinzipalin des Torbogen-Theaters, mit vielerlei Wassern gewaschene Dramaturgin und Theater-Pädagogin, hat es dem unvergessenen TAGBLATT-Redakteur Fritz Holder versprochen.

2013, im 70. Lebensjahr, erinnerte sie sich des Versprechens, schrieb eine Bühnenfassung des „Rösle“ und sammelte eine Laienschar um sich, die sich das Stück in eineinhalbjähriger Feierabendarbeit mühsam beibrachte. „Drei, vier Monate haben wir nur gelesen und recherchiert“, erinnert sich Heidi Heusch: „Über die Zeit des Biedermeier, die Tübinger Praxis des Dr. Latus (die in dem Stück vorkommt), Frauenschicksale . . . Ich glaube dem Ernst Meier nicht, dass die Drei am Ende glücklich zusammengelebt haben“, meldet sie Zweifel am Happy End der historischen Vorlage an. „Deshalb haben wir beschlossen, daraus ein Frauen-Drama zu machen.“

Vorbild war ihr Per Olov Enquists „Buch von Blanche und Marie“ über die Assistentin der Radiologin Marie Curie, die die gesellschaftlichen Hintergründe der damals so „modischen“ Frauenkrankheiten wie Hysterie oder Depression in ihren Tagebüchern beschrieben hat. Was, so fragte sich Heusch, daraus abgeleitet, wenn nicht Rösle, sondern Marie, die betrogene Ehefrau, in dem Stück das Opfer ist?

Um die beiden Frauenfiguren, die über Gefühle nicht sprechen (können), für die Zuschauer transparent zu machen, hat sie ihnen zwei Seelen-Egos zur Seite gestellt: Zwei aus dem schwarz gewandeten Frauen-Chor, der die gesellschaftliche Ordnung verkörpert, lösen (und entblößen) sich, um die Gedanken von Rösle und Marie hörbar machen.

Als Pendant zum Chor der Erinnyen fungiert ein Chor der Mägde, die mit losen Reden über Sex und Äckerlesmacher zeitweilig für Lockerung sorgen. Auch einen Chronisten gibt es, der die Handlung immer wieder auf die dokumentarische Ebene verfrachtet.

24 Darsteller, der Älteste ist 75, die Jüngste 19

24 Darsteller aus ganz unterschiedlichen Berufen spielen im Stück zusammen. Der Älteste ist 75, die Jüngste 19. Lange hat es gedauert, bis sich das Ensemble über die Details einig war – auch, welches Schwäbisch das „Rösle“ sprechen soll. „Am Anfang haben wir eingeteilt“, erzählt Heidi Heusch: „Wer Schwäbisch spricht, spielt eine der Figuren, die anderen im Chor.“ Dennoch hat die „Rösle“-Darstellerin noch „ein halbes Jahr Nachhilfe in Schwäbisch“ nehmen müssen, um den rechten Ton zu treffen.

Schwierig war auch die Suche nach geeigneten Auftrittsorten: In Rottenburg findet die Aufführung selbstverständlich im Theater am Torbogen statt, und in Kusterdingen fand man im Klosterhof eine passende Bühne. In Seebronn, wo – allein schon wegen des Bezugs im Titel – die Uraufführung stattfinden sollte, war es schwierig. „Die modernen Mehrzweckhallen kann man meistens nicht verdunkeln“, sagt Heidi Heusch. Der Seniorchef eines Rottenburger Lackierer-Betriebes half ihr mit seiner Seebronner Halle aus der Klemme. Deshalb findet die Uraufführung des „Rösle von Seebronn“ jetzt zwischen Oldtimern, neben einer Hebebühne, statt.

Das Torbogen-Theater führt am Wochenende ein gegen den Strich gebürstetes „Rösle von

Das „Rösle von Seebronn“ gehört zu den Handschriften des Tübinger Orientalisten und Erzählforschers Ernst Heinrich Meier (1813 bis 1866). Prof. Hermann Bausinger hat sie entdeckt und 1990 zusammen mit anderen Schriften Meiers im Thienemanns Verlag veröffentlicht.

Die Bühnenfassung des „Rösle von Seebronn“ stammt von Heidi Heusch. Am Samstag, 4. Oktober, wird das Stück um 19 Uhr in der Halle der Firma Baur, Roseckstraße 17, in Seebronn uraufgeführt. Weitere Aufführungen sind am Sonntag, 5. Oktober, um 17 Uhr in Seebronn, Am Samstag, 25., und Sonntag, 26. Oktober im Torbogen-Theater sowie am Samstag, 8., und Sonntag, 9. November, im KusterdingerKlosterhof.

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02.10.2014, 12:00 Uhr

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