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Psychologie

Das Trugbild „weiße Weihnacht“

Auch wenn Film, Fernsehen, Werbung, Postkarten und die Erinnerung uns etwas anderes weismachen wollen: Früher gab es auch nicht öfter Schnee zum Fest. Warum wir trotzdem davon träumen.

02.12.2016
  • GUDRUN SOKOL

Ulm. Alle Jahre wieder träumen wir von weißer Weihnacht – und (fast) immer werden wir enttäuscht. In Deutschland fällt in der zweiten Dezemberhälfte nämlich in aller Regel kein Flöckchen Schnee. Stattdessen ist es meistens nass, grau und viel zu mild zum Schneien. Das belegen die Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach. Laut Statistik gab es von 1951 bis 2008 im Flachland und in den Flussniederungen des Südwestens gerade mal zu zehn Prozent über das gesamte Weihnachtsfest eine geschlossene Schneedecke. Also einmal in zehn Jahren.

Ein verlässlicher „Witterungs-Regelfall“ in Deutschland ist dem DWD-Meteorologen Adrian Leyer zufolge hingegen weihnachtliches Tauwetter. Ersten Kaltluftvorstößen mit Schneefällen zwischen November und Mitte Dezember folge oft ein Wetterwechsel, bei dem Westwinde milde Atlantikluft heranführen. Was an Schnee lag, wird vom Regen aufgezehrt.

Und trotzdem glauben alle, dass es früher zu Weihnachten mehr Schnee gab. Wie kann man sich so täuschen? „Oft wird die Korrektheit unseres Gedächtnisses überschätzt“, sagt Raoul Bell vom Institut für Experimentelle Psychologie der Uni Düsseldorf. Das Gehirn muss Ressourcen sparen, aussortieren, komprimieren. Vor allem Erinnerungen aus dem Vorschulalter seien daher nur rudimentär, da gebe es reichlich Spielraum für Fehler.

„Infantile Amnesie“ nennt das der Psychologe. Sie hilft, Wichtiges, Ungewöhnliches, Beeindruckendes und Beglückendes abzuspeichern, während Unwichtiges oder Langweiliges – im Fall der Weihnachtsfeiertage etwa Regen – eher vergessen wird.

Hinzu komme: Besonders lebhafte und konkrete Ereignisse wie Schlittenfahrten, Schneeballschlachten und idyllisch verschneite Winterlandschaften schaffen stärkere Erinnerungen, weil sie den prototypischen Vorstellungen entsprechen, die durch Medien, Werbung und Weihnachtskarten verstärkt werden. Zu solchen „externen Erinnerungsstützen“ gehören auch Erzählungen, Gespräche und Bilder. Im Familienalbum finden sich eher Fotos vom Kind an Heiligabend im Tiefschnee als im Schmuddelgrau.

Sich an nie Erlebtes erinnern

Selbst Kinder, die noch nie weiße Weihnachten erlebt haben, könnten sich später an solche erinnern. Stereotypische Erwartungen werden einfach ergänzt, weiß der Psychologe: Schnee gehört zu Weihnachten, Luftballons zum Geburtstag, Sonne zu den Sommerferien – auf Urlaubsbildern ist das ja auch so. Und noch haben Fotos ihre Glaubhaftigkeit nicht vollständig verloren.

Bell berichtet von Experimenten, in denen Kindern per Photoshop manipulierte Bilder gezeigt werden, auf denen sie selbst bei einer Ballonfahrt zu sehen sind, die sie aber nie gemacht haben. Wenn sie dann noch von „Mitreisenden“ erzählt bekommen, wie schön und beeindruckend das war, fangen sie an, sich zu erinnern. Überzeugt vom scheinbar Offensichtlichen schmücken sie das Erlebnis aus und füllen es mit „vorhandenen Wissensstrukturen“ auf.

Ein weiterer Grund für die starke Erinnerung an weiße Weihnachtsfeste sind die Rituale und gemeinschaftlichen Erlebnisse, die in Gesprächen und Rückschauen an frühere Feste verfestigt werden. Prototypen abzuspeichern ist nun einmal die effizientere Art, Informationen zu behalten. Außerdem: Das Gehirn erinnere sich einfach gerne an positive Erlebnisse, sagt Bell. Alte Menschen nutzten dies erinnerungsstrategisch häufig, um ihre Stimmung aufzuhellen.

Wer sich als Kind also einmal das Warten aufs Christkind mit einer zünftigen Schneeballschlacht vertrieben hat oder am Abend durch kniehohen Schnee zur Heiligabendmesse gestapft ist, erinnert sich ein Leben lang daran. Und je weiter das Erlebnis zurückliegt, umso mehr Spielraum bleibt für Idealisierung.

Das Trugbild von der weißen Weihnacht ist ein Postkartenidyll, das sich auch auf dem Postweg ausgebreitet hat. Der Trend, winterliche Weihnachtskarten zu verschicken, kam wohl Mitte des 19. Jahrhunderts auf – als deutsche Auswanderer vor allem aus den US-Ostküstenstaaten Neuengland und Neuschottland Weihnachtspost mit friedlich-aufgeräumten Winterlandschaften in die alte Welt schickten.

Die Schweizer Klimaforscherin Martine Rebetez von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft datiert den Wandel auf die Zeit um 1860; davor seien Festtagskarten von herbstlich anmutenden Motiven geprägt, wie sie in einem Gespräch mit „Spiegel online“ ausführte. So wie es um die Weihnachtszeit bei uns eben tatsächlich aussieht.

Rein, unschuldig, unberührt

Schnee steht für Reinheit, Leichtigkeit und Ordnung, die Farbe Weiß für Vollkommenheit, Unschuld und Unberührtheit: Das wünscht man sich zum Fest – selbst in Australien, wo der Weihnachtsmann zwar ebenfalls traditionell auf einem Schlitten daherkommt, kurz vor Jahreswechsel (also im Hochsommer) aber garantiert nie Schnee mitbringt. Doch während die Menschen dort präsent haben, dass sie Bilder einer völlig anderen Welt vor sich haben, neigen Mitteleuropäer dazu, weihnachtliche Schnee-Szenerien schönen Erinnerungen zuzuordnen.

Der mittlerweile verstorbene Münchner Psychologe Paul Kochenstein hat das Phänomen gerne so beschrieben: „Das Warten auf Schnee symbolisiert auch das Warten aufs Christkind.“ Warten wir halt weiter.

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02.12.2016, 06:00 Uhr

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