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Schlussakkord?

Das Tübinger Kammerorchester auf der Kippe

Wieso soll die Stadt Tübingen eigentlich für ein Orchester blechen, das – wenn überhaupt – mehr unterwegs ist als daheim? Hat sie nicht genug damit zu tun, eine Philharmonie in Reutlingen, die sich selten genug nach Tübingen verirrt, finanziell zu unterstützen?

03.09.2010

Einen Teil der Antwort gab Oberbürgermeister Boris Palmer vor zwei Monaten selber, als er im Grußwort zum Bebenhausener Calgéer-Gedenkkonzert das Tübinger Kammerorchester als wichtigen „Botschafter in Europa und Übersee“ ausmachte, das „Tübinger Kultur in die Welt hinaus geführt“ habe. Eine Art Diplomatisches Corps also. Seit 53 Jahren übrigens, seit der damalige Gymnasiallehrer und Musikschulgründer Helmut Calgéer das Kammerorchester ins Leben rief.

Das Tübinger Kammerorchester auf der Kippe
Der Kultur-Check.

Erklärte Absicht war von Anfang an, freundschaftliche Beziehungen zu Universitäten und Jugendorganisationen im Ausland zu knüpfen und diese im gegenseitigen Austausch zu pflegen und zu vertiefen, wie es heißt. Dazu holte das Tübinger Kammerorchester nicht nur zahlreiche internationale Ensembles an den Neckar, sondern begab sich seinerseits gut 70 Mal auf Tournee, durch rund 90 Länder bisher. Spielte vor Papst Paul VI. während des Eucharistischen Weltkongresses in Bogota, aber auch vor einfachen Zuhörern in Afrika, die sonst vielleicht nicht so schnell mit der abendländischen Hochkultur in Berührung kommen.

Vor elf Jahren hat der Dirigent Gudni Emilsson die Leitung des Kammerorchesters von Calgéer übernommen. Dass die Stadtverwaltung nun vorschlägt, den bisherigen Zuschuss von 3690 Euro komplett zu streichen, verstimmt den Musikus nachhaltig. „Ich mache das, wie das Orchester auch, alles ehrenamtlich“, betont Emilsson, der die Tourneekosten oft genug auch erst einmal vorstrecken muss.

Emilsson organisiert als Uni-Kulturreferent außerdem die Konzertreihen im Festsaal und in Bebenhausen, für die es via Museumsgesellschaft einen kommunalen Zuschuss von 67000 Euro gibt. „Wir spielen 70 Prozent ein“, vermeldet der isländische Impresario stolz. Und dabei seien die Kosten seit 2006 um 40 Prozent gestiegen, hauptsächlich wegen Mietzinses und Gagenforderungen. Konsequenzen lassen sich künftig nicht ausschließen – Emilsson: „Wir sprechen eventuell von weniger Konzerten.“

Beim Kammerorchester könnten die Folgen noch gravierender sein. Emilsson trommelt die Musiker für die Konzerte im In- und Ausland zusammen. Die letztjährige Südostasien-Tour, Kostenpunkt 35 000 Euro, wurde nahezu komplett vom Goethe-Institut finanziert. Der städtische Zuschuss diene allein anstehenden Organisationskosten wie Visagebühren und ähnlichem – „das kann ich nicht übers Goethe-Institut abwickeln“, so Emilsson.

„Die Noten kaufen wir schon aus eigener Tasche“, sagt der Orchesterchef, der wie die anderen ohne Gage oder Honorar auf Reisen geht. Eigentlich war eine herbstliche Osteuropa-Tournee geplant. Emilsson hat sie jetzt abgeblasen und überdies die Webside geschlossen. Droht der Schussakkord fürs Tübinger Kammerorchester? „Ich mach das nicht mehr!“, schmollt der so impulsive wie sensible Künstler. Indes, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, der letzte Ton noch nicht verklungen.Wilhelm Triebold

Info: In dieser kleinen Serie untersuchen wir Kultureinrichtungen, die auf der städtischen Sparliste stehen.

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03.09.2010, 12:00 Uhr

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