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Den Einstieg gefunden

Das Tübinger Karate-Dojo hilft dem Flüchtling Teka, in der Fremde Fuß zu fassen

Sport verbindet. Der oft zitierte Leitsatz ist im Tübinger Karate-Dojo derzeit gelebte Wirklichkeit: Der 23-jährige Eritreer Teka nimmt seit einiger Zeit regelmäßig am Vereinsleben teil – und hat sowohl im Karate als auch bei der Berufssuche in Deutschland ehrgeizige Ziele.

07.11.2015
  • david scheu

Tübingen. Er ist zwar erst seit einigen Wochen dabei, aber Teka fühlt sich pudelwohl im Tübinger Karate-Verein. Wer die wöchentlichen Einheiten des Einsteigerkurses am Tübinger Sportinstitut verfolgt, kann sich davon selbst ein Bild machen: Er ist in die Trainingsabläufe integriert, begrüßt und verabschiedet seine Kollegen per Handschlag, plaudert mit ihnen nach dem Training im Vorraum. Sein Fazit überrascht kaum: „Es gefällt mir sehr gut hier.“

Dass er beim Karate landet, war nicht geplant. Sondern eher das Ergebnis eines zwanglosen Gesprächs im Stadtteiltreff Waldhäuser Ost mit einem Mitglied des Tübinger Dojos, das Lust auf mehr machte. So kam Teka mit fünf weiteren Freunden einfach mal vorbei. Die Freunde sind inzwischen allesamt abgesprungen – teils wegen eines Wohnortwechsels, teils war Karate einfach nicht ihr Ding.

Teka aber ist weiter mit voller Begeisterung dabei, kommt zu jedem Training vom Wennfelder Garten mit dem Fahrrad. „Er ist enorm eigenständig“, lobt Ingrid May-Staudinger, die 1978 das Tübinger Karate-Dojo (japanisch für „Verein“) ins Leben rief und dieses aktuell leitet. Momentan nimmt Teka an dem Anfängerkurs teil, der jeweils zu Semesterbeginn startet und sich unter anderem an die neuen Studenten in Tübingen richtet.

Und glaubt man den Stimmen im Verein, kann er es trotz fehlender Erfahrung und Vorkenntnisse auch als Neueinsteiger weit bringen. „Total begabt“ nennt ihn May-Staudinger und lobt vor allem seine koordinativen Fähigkeiten sowie seinen Fleiß: „Er will lernen und übt wirklich viel.“ Bei Interesse könne er Anfang Februar die Prüfung zum Gelben Gürtel ablegen, was ihm im Verein wirklich jeder zutraut.

Dass es inzwischen so gut läuft, war zunächst nicht abzusehen. „Zu Beginn war’s nicht einfach“, sagt auch May-Staudinger. Vor allem wegen der sprachlichen Barrieren. Teka konnte weder Deutsch noch Englisch, das Tübinger Karate-Team hingegen keine der verschiedenen Amtssprachen Eritreas. „Da lief dann viel über Gestik und Mimik“, so die Dojo-Leiterin. Inzwischen belegt Teka einen Deutschkurs, was natürlich auch die Kommunikation erheblich erleichtert.

„Wir waren wirklich baff, als er nach einigen Wochen Pause im September wieder zu uns kam.“ Die Verständigung in Sport und Alltag funktioniert inzwischen reibungslos, nur im Gespräch über seine Flucht und die Lage in seiner Heimat ist ein Dolmetscher dabei. Und in dieser Hinsicht gibt es tatsächlich eine Menge zu berichten. Viel zu viel eigentlich, um es in ein paar Zeilen zu pressen.

Über ein Jahr ist es nun schon her, dass Teka aus seinem Heimatland Eritrea floh – jenem ostafrikanischen Einparteienstaat, der sich 1993 von Äthiopien lossagte und seither mit Menschenrechtsverletzungen Schlagzeilen macht. Der Freedom House Index, der jährlich den Demokratisierungsgrad von Staaten zwischen „eins“ (hoch) und „sieben“ (niedrig) einstuft, führt für das Land aktuell den schlechtest möglichen Wert auf. Teka jedenfalls bewog die Lage dazu, für seine Flucht eine wahre Odyssee auf sich zu nehmen: Zu Fuß oder per Anhalter tausende Kilometer bis an die nordafrikanische Mittelmeerküste, von dort mehrere Tage mit dem Boot über Lampedusa nach Italien, schließlich mit dem Zug von Mailand nach München, ehe er von Karlsruhe aus nach Tübingen verwiesen wurde. „Man hört das ja oft in den Medien. Wenn dann aber auf einmal jemand vor einem steht und seine Geschichte erzählt, hält man schon kurz inne“, berichtet May-Staudinger über die Reaktionen innerhalb ihrer Gruppe.

Inzwischen hat Teka sowohl eine Aufenthalts- als auch eine Arbeitsgenehmigung. Entsprechend befindet er sich auf der Suche nach einem Job, der ihm selbstredend eine Zukunft in Deutschland erheblich erleichtern würde. Auch konkrete Vorstellungen hat er bereits – sein Ziel heißt Automechaniker. May-Staudinger will Teka den Berufseinstieg unbedingt erleichtern und ihm eventuell zu einem Praktikumsplatz in einer Werkstatt verhelfen. „Ich bin mir absolut sicher, dass er das packt. Er ist so ehrgeizig und voll positiver Energie.“ Das Tübinger Dojo hätte damit zweifelsohne einen kleinen integrativen Beitrag geleistet – und das diesbezügliche Potenzial des Sports einmal mehr unter Beweis gestellt.

Das Tübinger Karate-Dojo hilft dem Flüchtling Teka, in der Fremde Fuß zu fassen
Teka (Mitte), umringt von Mitgliedern des Tübinger Karate-Dojo, links die Leiterin der Kampfschule im Sportinstitut. Seinen Nachnamen will der Flüchtling aus Eritrea nicht öffentlich machen. Bild: Scheu

Das Tübinger Karate-Dojo hilft dem Flüchtling Teka, in der Fremde Fuß zu fassen

Ein wenig Unterstützung erhalten die Tübinger für ihr Projekt auch vom Land: Der Württembergischen Landessportbund (WLSB) hat dem Verein aus einem Finanztopf des Sozialministeriums bereits einen Zuschuss über 250 Euro zugesichert, der Ende des Jahres ausgezahlt werden soll. Das sei zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein und alleine für die bürokratischen Formalitäten draufgegangen, so Ingrid May-Staudinger, die sich aber über die Geste freut. Außerdem seien finanzielle Fragen ohnehin zweitrangig: „Fast die Hälfte unserer Teilnehmer sind internationale Studenten aus aller Welt. Wir sind den Umgang mit anderen Kulturen also gewohnt und haben da auch eine gewisse Neugierde.“ Und wenn die Geldmittel mal ausgehen, ist eben die Eigeninitiative des Vereins gefragt. So etwa kürzlich, als nach einem vereinsinternen Aufruf ein Mitglied des Tübinger Dojos seinen alten Anzug für Teka zur Verfügung stellte.

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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