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Autismus geht Gymnasien an

Das Tübinger Lehrerseminar baut als erstes ein spezialisiertes Kompetenzzentrum auf

Im Regierungsbezirk Tübingen haben fast alle Gymnasien mindestens einen Schüler mit Autismus. Um Betroffene gut fördern zu können, richtet das Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Tübingen – landesweit einmalig – ein Kompetenzzentrum ein.

21.05.2015
  • Ute Kaiser

Tübingen. Auf das neue Kompetenzzentrum warten große Herausforderungen. Denn bisher gibt es noch keine Veröffentlichungen darüber, welche besonderen Anforderungen Autisten im Fachunterricht haben und welche Unterstützung sie brauchen. Deshalb hat das Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Projektgruppen für alle Unterrichtsfächer gegründet. Sie sollen „Mittel und Wege zusammenstellen, damit Lehrer den Unterricht so gestalten, dass Autisten folgen können“, sagte Seminarleiter Prof. Lothar Bösing im Regierungspräsidium. Sie bräuchten beispielsweise „klar strukturierten Unterricht“.

Das Thema Autismus soll in der Ausbildung künftiger Lehrer verstärkt eine Rolle spielen. Sie können sich für ein Wahlmodul Integration und Autismus entscheiden. Und im Pflichtbereich gibt es Pädagogikveranstaltungen zum Umgang mit Heterogenität. Ein weiterer Baustein soll die Bibliothek samt Videothek sein, die am Seminar aufgebaut wird. Und Fortbildungskurse, die das Kompetenzzentrum an der Landesakademie in Bad Wildbad für Lehrer aus ganz Baden-Württemberg anbietet.

Das Bedürfnis nach Wissen ist enorm. Schon zu einem Studientag im Frühjahr kamen rund 100 Lehrer aus dem ganzen Land, um vom Knowhow universitärer Psychologen und Erziehungswissenschaftler zu profitieren. Am Donnerstagnachmittag gab es einen interdisziplinären Runden Tisch in Tübingen, an dem neben Lehrern und Sonderpädagogen Medizinern, Psychiatern, Juristen und Vertretern des Kultusministeriums auch Betroffene saßen, wie Susanne Pacher, Präsidentin der Abteilung Schule und Bildung am Regierungspräsidium Tübingen.

Die Schulverwaltung steht nicht ganz am Anfang. An den Staatlichen Schulämtern gibt es sogenannte Arbeitsstellen Kooperation (Asko), die seit 2011 auch Ansprechpartner für die Gymnasien sind. Seit zwei Jahren widmen sie sich intensiv dem Thema Autismus. Patricia Schaefer ist gymnasiale Autismusbeauftragte. „So etwas gibt es bisher nur im Regierungspräsidium Tübingen“, sagte die Mitarbeiterin der Asko am Staatlichen Schulamt Albstadt.

„Kein Autist ist wie der andere“, so Schaefer. Deshalb ist es ihre vorrangige Aufgabe, Lehrer, Mitschüler und Eltern zu informieren und zu unterstützen – auch bei Krisen. Sie ist in Verbindung mit dem Jugendamt und arbeitet unter anderem an den Hilfeplänen für Betroffene mit.

Sonderpädagogen zur Unterstützung gefordert

„Das Gymnasium lebt die Inklusion“, sagt Karin Kriesell, Schulleiterin am Gymnasium in Haigerloch. Ihr Ziel ist es, für jedes Kind offen zu sein und die individuell passende Unterstützung zu finden. Das stellt die Lehrer vor Herausforderungen. Der Lehrerverband VBE hatte jüngst gefordert, dass in inklusiven Klassen dem regulären Lehrer stets ein Sonderpädagoge zur Seite stehen müsse. Das sieht Kriesell ähnlich: „Mit steigenden Anforderungen werden auch mehr Stellen an die Schule kommen müssen.“ Detaillierte Regelungen dazu wird es im neuen Schulgesetz geben.

Das Tübinger Kompetenzzentrum folgt der Linie, „lieber kleine Schritte, aber qualitativ gute“ zu gehen, sagte Bösing. Aus Sicht des Praktikers Thomas Dürr (siehe Kasten) gehört dazu auch, „zu diskutieren, wo die Grenzen sind“ und „den Fokus nicht nur auf behinderte Kinder“ zu konzentrieren.

Thomas Dürr ist einer von zwei Lehrern am Tübinger Uhland-Gymnasium, die sich um „Schüler mit besonderem Förderbedarf“ kümmern. Dazu zählen Kinder, die beispielsweise an einer Herzerkrankung oder Diabetes leiden, ebenso wie Autisten. Das sind aktuell 14 Schüler, auch in der Hochbegabtenklasse, die von fünf Schulbegleitern unterstützt werden. Eine von Dürrs Aufgaben ist, Lernmaterialien und neue Unterrichtsformen zu entwickeln. Aber er informiert auch Lehrer und Schüler über das Krankheitsbild und bringt ihnen nahe, worauf sie im Umgang mit den Betroffenen achten müssen. Der Deutsch- und Geschichtslehrer kennt sich auch mit dem sogenannten Nachteilsausgleich aus. Hier kann es beispielsweise darum gehen, dass Schüler eine Klassenarbeit in einem separaten Raum schreiben, weil sie sich sonst nicht konzentrieren können.

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21.05.2015, 12:00 Uhr

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