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„Das Überleben hängt von der Familie ab“
Afghanistanexpertin Nicole Birtsch. Foto: © Stiftung Wissenschaft und Politik Foto: Stiftung Wissenschaft und Politik
Interview

„Das Überleben hängt von der Familie ab“

16.12.2016
  • ELISABETH ZOLL

Frau Birtsch, wie hat sich 2016 die Sicherheitslage in Afghanistan entwickelt?

Nicole Birtsch: Sie hat sich weiterhin verschlechtert. Die Taliban haben ihren Einflussbereich ausgeweitet. Sie konzentrieren sich auf wichtige Versorgungsstraßen und haben in diesem Jahr mehrfach versucht, die Zentren der Provinzen Uruzgan, Helmand und Kunduz zumindest zeitweise einzunehmen. Auch wenn die Regierung dies mit Hilfe internationaler Unterstützung verhindern konnte, lässt sich beobachten, dass die Taliban an urbane Zentren heranrücken. Mit den Kämpfen zwischen Regierung und Taliban steigt die Zahl der zivilen Opfer, vor allem unter den Kindern. Im Vergleich zum Vorjahr sind in dieser Altersgruppe 15 Prozent mehr Tote und Verletzte zu beklagen. Die verschlechterte Sicherheitslage destabilisiert das Land und die Hoffnung der Menschen.

Wo agieren die Taliban?

Sie sind stark im Süden vertreten, in ihrem Kerngebiet Helmand sowie in Uruzgan. Auch im Norden um Kunduz herum. Im Osten des Landes, in der Provinz Nangarhar, kämpfen die Taliban gegen Daesh, den afghanischen Ableger des IS, der 2016 bereits mehrere Anschläge auf schiitische Moscheen in Kabul und Mazar-e-Sharif verübt hat.

Was sagt das über die Stärke?

Die offiziellen Zahlen decken sich nicht mit inoffiziellen Berichten und Einschätzungen. Die Taliban haben die Kontrolle oder zumindest Einfluss in weiten Teilen des Landes. Relativ sicher ist die Region Bamiyan, wo vor allem die schiitische Minderheit der Hasara lebt. Die Schiiten sind ein ausgemachtes Ziel des IS. Für Angehörige dieser Minderheit, viele von ihnen leben auch als Flüchtlinge im Iran, ist die Rückkehr nach Afghanistan ein Weg ins Ungewisse. Es gibt Berichte, wonach der Iran junge Schiiten rekrutiert, um sie in Syrien als Kanonenfutter einzusetzen. Versprochen werden ihnen unter anderem die Aufenthaltserlaubnis für sie und ihre Familien im Iran.

Was heißt die jetzt forcierte Abschiebung aus Europa für Afghanistan?

Es geht ja nicht nur um sie. Afghanistan verzeichnet allein in diesem Jahr fast 500 000 neue Binnenflüchtlinge, die vor den Kämpfen im eigenen Land geflohen sind. Sie drängen in die Zentren, um dort relativen Schutz vor direkten Kampfhandlungen zu haben. Hinzu kommen noch hunderttausende Rückkehrer aus Pakistan und dem Iran. Das Land ist überfordert, zumal da der Winter vor der Tür steht.

Wie sind die Perspektiven für die Rückkehrer?

Sie haben kaum Chancen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 40 Prozent. Ihr Überleben hängt deshalb stark von der Familie ab. Ein großes Problem haben da Menschen, die nicht in ihre Dörfer zurück können, etwa weil sie dort von Taliban und Milizen verfolgt werden, oder weil sie sozial nicht mehr anerkannt werden. Oft haben Familien ihr Hab und Gut verkauft und Geld gesammelt, damit es einer nach Europa schafft, der von dort aus die Familie unterstützen sollte. Wenn es der nun nicht geschafft hat, trotz der hohen Investitionen, kann es zu Ausgrenzungen kommen.

Wie beurteilen Sie die zivilgesellschaftliche Entwicklung?

Seit 2001 hat sich viel getan bei der Schulbildung, im Gesundheitsbereich, bei der Förderung von Frauen und Mädchen. Aber das Erreichte kann durch den gewaltsamen Konflikt auch wieder verloren gehen. Schulen und Krankenhäuser sind sogar zum Ziel von Angriffen geworden. Viele junge Leute, die auf die neue Regierung gesetzt haben, sind frustriert. Sie haben einen Schul- oder Universitätsabschluss, möchten ihr Leben gestalten. Aber es gibt wenige Arbeitsplätze und die, die es gibt, werden über persönliche Beziehungen vergeben.

Was müsste in dieser Situation Europa tun?

Neben den finanziellen Hilfen, die auf der internationalen Geberkonferenz zugesichert wurden, wäre es sinnvoll, gezielt berufliche Initiativen und Wirtschaftsprogramme zu fördern. Wichtig wäre auch, dass die jungen Leute in Deutschland nicht ihre Zeit verlieren, sondern Zugang zur schulischen und beruflichen Bildung haben, damit sie bei ihrer Rückkehr etwas in den Händen haben, das das Land weiterbringt. Viele Afghanen sind mit der Hoffnung gekommen, zu lernen und ihr Leben gestalten zu können. Wichtig ist deshalb, sie nicht in der Verzweiflung des Nichtstun und der Einsamkeit zu überlassen. Elisabeth Zoll

Nicole Birtsch ist Afghanistan-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sie hat als Fachfrau den afghanischen Hohen Friedensrat beraten.

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16.12.2016, 06:00 Uhr

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