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Überreizt

Das Volk der Genervten

Es geht uns gut. Und doch tragen wir uns mit diffusen Sorgen. Die Reaktion: Wir pöbeln, jaulen – und prozessieren gegen krähende Hähne und laute Glocken. Was ist eigentlich los mit uns?

29.10.2016
  • TOBIAS KNAACK

Langquaid. In Langquaid ist die Welt noch in Ordnung. Die Bahnhofstraße führt zum Bahnhof, die Schulstraße zur Schule und die CSU stellt den Bürgermeister. Die katholische Kirche St. Jakob befindet sich am Ende der Marktstraße im Ortszentrum und die der evangelischen Gemeinde wird schon per Straßenname gekennzeichnet: Sie steht im Evangelischen Kirchweg. So weit, so heil die Welt also nahe Regensburg – sollte man meinen. Doch die evangelische Kirche macht Probleme. Also genauer gesagt sind es die zwei Glocken des acht Meter hohen Kirchturms. Denn gegen deren Geläut klagt ein Mann, der gegenüber der Martin-Luther-Kirche wohnt.

Vor dem Verwaltungsgerichtshof in München geht es um Dezibel und eine von der Familie des Klägers empfundene Dauerbeschallung durch die Glocken. Sie läuten drei Mal am Tag: morgens, mittags, abends. 60 Sekunden morgens, 90 Sekunden mittags und abends. Vor zwei Jahren gab es in Gilching bei München einen ähnlichen Fall. Ein bayrisches Problem? Mitnichten. Im brandenburgischen Zitz prozessiert ein Mann gegen seinen Hobby-Hahnzüchter-Nachbarn, weil dessen Tiere zu laut seien. Und in Baden-Württemberg beklagen Bürger in Ertingen-Binzwangen (Kreis Biberach) die Fließgeräusche der Donau nach deren Renaturierung.

Die Beleidigten in der Opferfalle

Es geht uns gut. Trotz aller größerer und kleinerer Probleme. Und doch sind wir genervt! Vom Kirchläuten, von Kindergeschrei, von Kuhglockengebimmel. Denn ja, auch darüber gibt es Beschwerden und Verhandlungen. Prozesse wegen Geräuschen, die uns über hunderte, ja, tausende von Jahren vertraut sind.

Das Aufregen über vermeintliche Nichtigkeiten spricht im Tieferen vielleicht für das, was Jens Jessen Anfang Oktober in der „Zeit“ als eine Grundstimmung des Beleidigtseins beschrieben hat. Zudem dokumentiert es einen zunehmenden Gefallen an der Einnahme einer Opferrolle, wie der italienische Autor Daniele Giglioli in seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch „Die Opferfalle“ ausführt: „Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit. Es immunisiert gegen jegliche Kritik.“

Das Internet als „Echoraum“

Die Konsequenz daraus lautet: Die Schuld liegt bei den anderen, nicht bei einem selbst. Der Staat ist Schuld. Oder der Nachbar, die Bahn oder der Postbote. Es ist eine bequeme Position, denn es sind die anderen, die zur Erklärung und Rechtfertigung der eigenen Unzufriedenheit herhalten müssen. Die eigene Rolle in einem Konflikt wird dabei nicht reflektiert. Man stilisiert sich zum Opfer der Umstände.

Eine solche Tendenz könne ein Medium wie das Internet noch verstärken, sagt Ulrich Wagner. Denn aus Sicht des Sozialpsychologen und Konfliktforschers der Universität Marburg bietet das Netz für genau diese Art der Kommunikation einen hervorragenden „Echoraum“. Es gehe weniger um einen Austausch, als um die Bestätigung der eigenen Meinung. „Es geht nicht darum, ob man im Recht ist, sondern darum, dass man Recht hat.“

Das Internet „verändert die Kommunikation tiefgreifend“, sagt Wagner. Er nennt ein Beispiel: „Wenn man im Kreis der Familie wiederholt ein Problem vorträgt, wird vielleicht auch mal jemand sagen, dass man das jetzt bereits zum dritten Mal höre.“ Diese Korrektive, „diese Rückmeldekanäle“, zumal von Angesicht zu Angesicht, fehlten heute zunehmend, sagt der Sozialpsychologe.

Eine weitere Erklärung der Gereiztheit mag auch in der zunehmend ökonomischen Bewertung unseres Tuns liegen: Es geht um Effizienz, ums Funktionieren und ums Optimieren.

Beides zusammen, die ökonomischen Rahmenbedingungen, aber auch die sich verändernde Kommunikation, fördern eine Entwicklung hin zu mehr Individualismus. Der ist, wie der niederländische Universitätsprofessor und Experte für Kulturwissenschaften, Geert Hofstede, bereits in den 1980er Jahren in seiner Weltkarte „Individualism and Collectivism“ aufgezeigt und seitdem immer wieder aktualisiert hat, besonders in den USA, Kanada und Australien ausgeprägt. Aber auch hierzulande, in Frankreich oder Skandinavien seien die Menschen Hofstedes Analysen zufolge stark auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Das sieht man auch am Verwaltungsgerichtshof in München. Es ist ein verdammt zähes Ringen, doch am Ende steht ein Vergleich: Der Kirchturm in Langquaid wird schallgedämmt, im Gegenzug dürfen die Glocken nun wieder zwei Minuten läuten. Am Ende passiert das, was Sozialpsychologe Wagner fordert: „Wir müssen reden – und nicht nur in Räumen, wo es keinen Austausch von Argumenten gibt.“ In München gab es ihn. Und so besteht in Langquaid zumindest die Hoffnung, dass es doch wieder ein Stück weit das gibt, was der Markt sich auf seiner Homepage als Motto gibt: „Ein schönes Stück Zukunft.“ Vor allem weniger genervt.

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29.10.2016, 06:00 Uhr

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