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„Anmuthige Plätzchen“ am Waldrand

Das „Waldhörnle“ zählte zu den beliebtesten Ausflugslokalen

Eine Ära geht zu Ende. Fast genau 200 Jahre nach seiner Erbauung wird das „Waldhörnle“ demnächst abgebrochen. Damit verschwindet das älteste Gebäude am Platz, mit dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Ansiedlung an der Hechinger Chaussee ihren Anfang nahm.

26.08.2006
  • Udo Rauch, Leiter des Stadtarchivs Tübingen

Direkt unter den Weinbergen

Auf älteren Karten ist in diesem Bereich der Derendinger Markung bis ins ausgehende 18. Jahrhundert nur ein längliches Gebäude, eine Kelter, eingezeichnet. Diese lag direkt unter den Derendinger Weinbergen in der Vorderen und Hinteren Halde. Dicht am Hang entlang führte eine der verkehrsreichsten und zugleich besten Straßen Alt-Württembergs: die Schweizer Straße. Um 1760 war sie zur Chaussee ausgebaut worden. Eine große Zahl von „Straßen-Entrepreneurs“ hielt sie seither laufend in Stand.

Derendingen jedoch lag abseits der belebten Chaussee, was vor allem die örtliche Gastronomie ins Hintertreffen brachte. Immerhin stellte ein alter Weg zur Kelter und in die Weinberge einen Anschluss an das überörtliche Verkehrsnetz her. An dieser Straßenkreuzung bei der alten Kelter erwarb im Jahre 1800 der Derendinger „Ochsen“-Wirt Johann Jakob Röhm einen kleinen Allmendeplatz und erwirkte die Erlaubnis, darauf ein Haus errichten zu dürfen. Seine Absicht, dort für seinen Sohn eine neue Wirtschaft einzurichten, konnte er allerdings zunächst wegen der unruhigen und kriegerischen Zeiten nicht verwirklichen.

Erst fünf Jahre später wurde das geplante Vorhaben in Angriff genommen. Am 5. November 1805 stellte der Sohn des Derendinger „Ochsen“-Wirts beim Landesherrn den Antrag, ihm eine Konzession für das „Waldhörnle“ zu erteilen: „S[erenissi]me! Nachdem ich 13 Jahre als Mezgerknecht und leztmals 4 Jahre als Keller in Wien, in auswärtiger Fremde zugebracht habe, hat mir mit Eurer gnädigsten Genehmigung mein Vater gleichen Nahmens allhier ein neues Haus auf einen vom gemeinen Fleken erkauften Allmand Plaz zwischen dem Bläsibad und der Stadt Tübingen (. . .) erbauen und zu einer Wirthschaft einrichten lassen, das ich nun ehestens zu beziehen gedenke (. . .).“ Geht man davon aus, dass der Betrieb nicht mehr im Winter, sondern im darauf folgenden Frühjahr aufgenommen wurde, so hätte das „Waldhörnle“ dieses Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiern können.

Eigene Bierbrauerei

Das Gasthaus an der Chaussee scheint in den ersten Jahren einen guten Aufschwung genommen zu haben. Nach und nach gelang es dem „Waldhorn“-Wirt Röhm, seinen Grundbesitz an der Hechinger Straße zu vergrößern und baulich zu erweitern. Spätestens seit 1815 betrieb er auch eine eigene Bierbrauerei. Das „Waldhörnle“ wurde zur Raststation für Reisende und Fuhrleute, aber auch zum beliebten Ausflugsziel der Tübinger Studenten. Zu den Gästen jener Jahre zählte gelegentlich auch der Freundeskreis um Justinus Kerner, der sich sonst in Kerners Studentenstube in der Münzgasse traf.

Trotz hoher Schulden

Als der erste „Waldhorn“-Wirt im Jahre 1819 starb, hinterließ er trotz hoher Schulden ein beträchtliches Vermögen. Da seine Kinder aus zwei Ehen noch unmündig waren, wurde sein gesamter Besitz verkauft und ging in den folgenden Jahren durch verschiedene Hände. Als das ganze Anwesen 1825 schuldenhalber schon wieder den Besitzer wechselte, ließ das Tübinger Oberamtsgericht als Konkursverwalter eine ausführliche Verkaufsanzeige im „Intelligenz-Blatt“ einrücken.

Dort heißt es unter anderem: „Die Wirtschaft liegt nur eine kleine halbe Stunde von der Stadt Tübingen an der sehr frequenten Schweizerstraße. Sie ist der Pfarrei und Gemeinde Derendingen eingetheilt, von welchem Ort sie nur eine viertel Stunde entfernt liegt, und war bisher einer von den am häufigsten besuchten Vergnügens-Orten der Inwohner von Tübingen“.

Das sollte auch in den kommenden Jahren so bleiben. Max Eifert beschreibt in seiner Tübinger Stadtgeschichte von 1849 das „Waldhörnle“ als einen „Schauplatz mancher Heldenthaten der akademischen Jugend mit Waffen sowohl als mit dem Humpen.“ Darüber hinaus schätzten aber auch bürgerliche Kreise das Ausflugslokal, das am Waldrand „für zahlreiche kleinere und größere Gesellschaften anmuthige Plätzchen“ bot.

Die Aufnahme des Stadtarchivs stammt aus der Zeit um 1900. Damals gehörte das „Waldhörnle“ samt den Erweiterungsbauten für die Bierbrauerei der Familie Bachner. Das Bachner'sche Bier gehörte zu den besten der Stadt und zog die Studenten in Scharen die Hechinger Straße hinaus.

Blutige Schmisse

Im ersten Stock befand sich damals das Fechtlokal der Corpsstudenten, gleich nebenan gab es einen „Flickraum“, in dem die blutenden Schmisse von einem „Paukarzt“ genäht werden konnten. Das Mensurfechten war allerdings verboten, weshalb bei solchen Anlässen stets Wachposten vor dem Haus aufgestellt werden mussten. Wenn gelegentlich die Polizei aus Tübingen anrückte, war man so stets gewarnt und täuschte einen harmlosen Ausflug ins Grüne vor.

Das „Waldhörnle“ zählte zu den beliebtesten Ausflugslokalen
Geschätzt wurde das an der alten Schweizerstraße errichtete „Waldhörnle“ nicht zuletzt auch wegen des Bieres, das hier gebraut wurde.

Das „Waldhörnle“ zählte zu den beliebtesten Ausflugslokalen
Ehe man sich vollends an das Gerüst gewöhnt hat, wird das Derendinger „Waldhörnle“ abgerissen. Im Hintergrund das Kulturzentrum „Sudhaus“.

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26.08.2006, 12:00 Uhr

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