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Das Wunder der 24 Türchen

Sechs Uhr morgens ist bei mir zu Hause eine kritische Zeit. Ohne hier im Detail darauf einzugehen, in welcher Stimmung ich selbst zu dieser Uhrzeit bin, kann man schlicht zusammenfassen: Die anderen Familienmitglieder sind um sechs Uhr morgens auch nicht besser drauf. Außer im Dezember. Allein schon deshalb müsste ich dem Erfinder des Adventskalenders täglich danken.

01.12.2014
  • Angelika Bachmann

Die Neunjährige, die ansonsten weltentrückt am Frühstückstisch über ihrem Butterbrot hängt und auf meine bemühten Gesprächsversuche allenfalls mit geknurrten, hinter Haarsträhnen hängen bleibenden, unverständlichen Lauten antwortet, macht alljährlich zum 1. Dezember eine Persönlichkeitswandlung durch. Mein Wecker hat noch nicht mal geklingelt, da hüpft schon ein munteres Wesen singend durch die Wohnung – in Richtung Adventskalender.

Ich gestehe: Für dieses immerhin 24 Tage andauernde Wunder bin ich sogar bereit, die pädagogische Schlappe hinzunehmen, die für mich jährlich mit diesem Thema verbunden ist. Niemals würde ich das Nicht-Eltern gegenüber eingestehen. Ich würde damit ja zugeben, dass ich mich dem Konsum-Terror der Vorweihnachtszeit tatenlos ergeben habe und dass ich mein Kind in Verschwendungssucht erziehe. Andere Eltern nicken dagegen meist verständnisvoll mit dem Kopf und sagen „Ja, bei uns ist das mittlerweile auch so“: In fast allen Haushalten geht der Trend mittlerweile zum Dritt- oder Viertkalender.

Die Hauptversion besteht meist aus dem traditionellen Säckchen-Adventskalender. Er ist sozusagen das letzte Bollwerk der perfekten Eltern gegen Schokolade, Playmobil & Co. Was hat man sich nicht für Mühe gegeben, wochenlang überlegt, wie man die Säckchen diesmal bestücken könnte. Mit Puzzleteilen, Malstiften, Teelichtern, Teilen einer Murmelbahn. Eltern können sich dabei selbst verwirklichen. Zum Leidwesen der Kinder. Die Eltern-Kind-Beziehung dagegen steuert auf eine ernsthafte Krise zu, wenn das Kind rebelliert und darauf besteht, dieses Mal doch endlich mal den Lego-Adventskalender zu bekommen.

Meist springt dann die Oma in die Bresche. Und so fängt das an mit dem Zweitkalender. Der Onkel bringt noch den Schoko-Kalender, den er als Werbegeschenk erhalten hat, die Tante das als Adventskalender gestaltete Kinder-Buch: Lesen schadet ja nie. Extrem gefährdet sind übrigens Patchwork-Familien. Schließlich wollen die neu angeheirateten Großeltern nicht hinter dem geschiedenen Großelternteil anstehen.

Kindern ist das schnurzegal. In den leeren Magen passt viel Schokolade! Mir ist das um sechs Uhr morgens mittlerweile auch ziemlich egal. Ich freue mich über ein waches, fröhliches Kind. Der Januar kommt früh genug.

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01.12.2014, 12:00 Uhr

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