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Das christlich-jüdische Verhältnis in Wankheim

Das Zusammenleben nach Prozessakten

Die Rahmendaten der früheren jüdischen Gemeinde in Wankheim sind bekannt. Wie aber lebten Christen und Juden in dem Härtendorf zusammen? Eine Tübinger Historikerin durchforschte die Archive. Hinweise fand sie unter anderem in Prozessakten.

10.06.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen/Wankheim. Es überrascht, dass abgesehen von kleineren Studien und Aufsätzen (wie zuletzt im Wankheimer Heimatbuch von 2010) die Geschichte der Wankheimer Juden noch nicht umfassend aufgearbeitet wurde. Schließlich besitzt Wankheim mit dem Jüdischen Friedhof ein viel beachtetes Zeugnis.

Das Thema genießt durchaus Interesse: Als die Tübinger Geschichtsstudentin Annegret Zeller am Dienstagabend über ihre Forschungen zu einer Magisterarbeit über die Juden von Wankheim referierte, kamen auch einige Wankheimer und Kusterdinger in den Haspelturm auf dem Tübinger Schloss.

Das Zusammenleben nach Prozessakten
Die Historikerin Annegret Zeller, 27, schreibt mit ihrer Magisterarbeit die erste wissenschaftliche Monographie über die Wankheimer Juden.

Zeller schreibt ihre Arbeit bei dem Landeshistoriker und früheren Tübinger Kulturamtsleiter Prof. Wilfried Setzler. Die Reutlingerin, die sich schon vorher für dörfliche, jüdische Gemeinden interessierte, tauchte ein in Archive und Kirchenbücher. Im Wankheimer Gemeindearchiv las sie sich durch die Akten von 553 Gerichtsprozessen, die zwischen 1791 und 1869 am Ort geführt wurden.

Ihre Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass Christen und Juden in Wankheim in aller Regel gut zusammenlebten. Neben den notwendigen Kontakten über die bürgerliche Gemeinde gab es auch viele Berührungen zwischen den religiösen Gemeinden. So sei wiederholt in Pfarrberichten zu lesen, dass sich die beiden Religionen gut vertrügen – wobei freilich der Umstand, dass die Juden in Wankheim gleich zwei Wirtschaften betrieben, einem Pfarrer moralisch weniger behagte.

Ein jüdischer Lehrer ging im Pfarrhaus ein und aus und suchte dort Rat, Juden nahmen an Gottesdiensten in der Kirche teil. Und als die jüdische Gemeinde 1835 eine Kollekte für den Bau ihrer Synagoge veranstaltete, trugen auch christliche Wohltäter zur Sammlung bei.

Auch in den Gerichtsverfahren wurden nach Zellers Erkenntnissen zwischen Christen und Juden „keine Stereotypen ausgepackt“. Juden prozessierten gegen Juden, Christen gegen Christen, ebenso beide untereinander.

Aus einer statistischen Einordnung der Prozess-Anlässe zog Zeller ein paar Schlüsse: So zeigten Juden einander auffallend oft wegen Ehrverletzung an, was Zeller auf ihren allgemein niedrigeren gesellschaftlichen Status zurückführte. „Sie wollten ihren Status wenigstens innerhalb der jüdischen Gemeinde wahren.“ Zudem gab es keine religiöse Figur, die einen Streit hätte schlichten können. Das nächste Rabbinat war in Mühringen.

Auch gegen Ehrverletzungen durch Christen zogen Juden vor Gericht. Für Zeller zeigt dies: „Sie wussten sich zu wehren.“

Das Zusammenleben nach Prozessakten
In diesem zum Abriss vorgesehenen Anwesen, Heerstraße 7, befand sich nach 1826 eine der beiden Wankheimer Wirtschaften, die von Juden betrieben wurden, das „Waldhorn“. Die 1835 errichtete Synagoge stand 50 Jahre lang fast direkt daneben. Bilder: Pfeil

Die häufigsten gerichtlichen Auseinandersetzungen in Wankheim bezogen sich auf nicht bezahlte Schulden. Dies kam bei Juden und Christen etwa gleich häufig vor. Die zunächst armen Wankheimer Juden brachten es zwar zu gewissem Wohlstand, „sie waren aber keine reichen Juden“, betont Zeller.

So kam es vor, dass Christen Darlehen von Juden nicht bezahlten, während umgekehrt jüdische Viehhändler örtlichen Bauern den Preis für erworbene Tiere schuldig blieben. „Schulden gingen in beide Richtungen“, sagt die Historikerin.

Die vollen Bürgerrechte erhielten Juden in Württemberg erst 1864. In der Wahl ihrer Erwerbstätigkeit waren sie zuvor stark eingeschränkt und auf nicht zunftgebundene Gewerbe angewiesen. Die frühen Wankheimer Juden bestritten ihren Lebensunterhalt als Graveure, koschere Metzger, Trödler, Optiker, Viehhändler.

Der Bau einer Synagoge 1835 an der Ecke von Haupt- und Heerstraße war ein wichtiges Zeichen der Festigung für die Wankheimer jüdische Gemeinde. Seit 1830 sammelte ein Verein für den Bau, ein Acker und das Schullokal wurden verkauft, der württembergische König spendete 400 Gulden.

Die Synagoge fasste 200 Personen. Auch von einer Mikwe, einem Gebäude für das rituelle jüdische Tauchbad, wird berichtet. (Erst jüngst erreichte die Gemeinde Kusterdingen dazu eine Anfrage der Universität Haifa.) Ihr Ort wird an der Römerstraße, nahe der heutigen Feuerwehr vermutet. Es fehlen bisher jedoch Spuren und andere genaue Belege.

Mit unterschiedlichen Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der Wankheimer Juden in verschiedenen Quellen hatte Zeller zu kämpfen. Sie kam zu dem Schluss, das die dreijährliche Bevölkerungszählung des Zollvereins wohl ungenauer ausfiel als die Pfarrdaten, weil Juden als Händler häufig unterwegs, also nicht anwesend waren, wenn der Volkszähler vorbei kam. Übereinstimmend ist belegt, dass nach einem Höhepunkt Mitte des 19. Jahrhunderts, als bis zu 135 Juden in Wankheim lebten, ihre Zahl rückläufig war: Mit zunehmender Emanzipation zogen sie in die Städte oder wanderten aus.

1882 wurde die Wankheimer jüdische Gemeinde nach Tübingen verlegt. Ein Jahr später wurde die Synagoge nach einem feierlichen Abschiedsgottesdienst abgebrochen. Die Steine wurden für den Bau der Tübinger Synagoge verwendet, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört wurde.

1774 zogen die vier ersten Juden nach Wankheim, als Schutzjuden des damaligen Grundherrn Friedrich Daniel von Saint André. Die wachsende jüdische Gemeinde hatte ab 1819 einen Vorsteher. 1827 wurde eine jüdische Schule eingerichtet, jedoch nach wenigen Jahren wieder aufgelöst. Ab 1849 besuchten jüdische Kinder die Dorfschule.
1852 erreichte die jüdische Gemeinde in Wankheim ihre größte Stärke: Von 791 Wankheimern waren 135 Juden, mehr als 20 Prozent der Bevölkerung. Von da an ging die Zahl der Juden zurück. Zumal nach der Abschaffung der Zünfte 1862 und der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Württemberg 1864 zogen viele in umliegende Städte, andere wanderten aus, meist in die USA.
Die 1835 erbaute Wankheimer Synagoge wurde nach Auflösung der Gemeinde 1883 abgebrochen. Nach 1892 lebten keine Juden mehr in Wankheim.
Der Jüdische Friedhof bei der B 28 wurde auf einem zunächst
gepachteten Grundstück 1778 angelegt. 1854 wurde er von der jüdischen Gemeinde erworben, 1862 und um 1900 zwei Mal
erweitert. Er war auch Bestattungsort der
Tübinger und Reutlinger Juden.

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10.06.2012, 12:00 Uhr

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