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Leitartikel zur Lage des „Westens“

Das bessere Angebot

01.12.2016
  • AXEL HABERMEHL

In Zeiten großer Umbrüche blühen immer auch die Endzeit-Phantasien. Sehr schön sah man das zuletzt bei der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten: Der „Spiegel“ diagnostizierte gleich mal „Das Ende des Westens“. Die „New York Times“ sah noch Hoffnungsreste und kürte Angela Merkel zur „letzten Verteidigerin des liberalen Westens“.

Doch was ist überhaupt „der Westen“. Der strapazierte Begriff umfasst zwei Topoi: das europäisch-atlantische Bündnissystem sowie ein durch transatlantischen Kulturaustausch seit dem 18. Jahrhundert gewachsenes Wertegerüst mit den Eckpfeilern Liberalismus, Demokratie, Rechtsstaat. Oder anders: Im Westen stehen das Individuum, seine Emanzipation und Freiheitsrechte im Mittelpunkt, nicht irgendein Kollektiv – ob Volk, Nation, Klasse oder Religionsgemeinschaft.

Soweit der Anspruch. In der Wirklichkeit sieht man Risse. Die USA, in beiden Weltkriegen zur Führungsnation des Westens geworden, haben gegen westliche Grundsätze verstoßen, zwischenzeitlich agieren sie als Hegemon, dessen geopolitische Machtausübung nicht von Freiheit, Recht oder Humanismus begrenzt wird. Ähnliches gilt in Teilen für Europa. Manch Intervention, manch Bündnis, manche Waffenlieferung verletzen in Konsequenz Grund- und Freiheitsrechte von Bürgern anderer Weltgegenden.

So muss man feststellen, dass „der Westen“ auch ein Kampfbegriff ist. Dies erkennen viele Menschen, was zur Entkernung der Idee beiträgt. Kein Wunder, dass der Westen am Ende scheint, er wird seinen Idealen nicht gerecht und ist daher auch nicht imstande, Gegnern zu parieren. Und die Angriffe der Antiliberalen, Antidemokraten und Kollektivisten nehmen ja zu. Trump, Putin, Erdogan, Orbán oder Höcke unterscheiden sich in vielerlei, doch sie alle eint, dass in ihren Programmen Ansätze eines neuen Totalitarismus sichtbar werden. Den zu bekämpfen wäre Aufgabe des Westens. Doch wie soll das gehen?

Der Historiker Anselm Doering-Manteuffel hat schon 1999 in seinem Büchlein „Wie westlich sind die Deutschen“ erklärt, wie sich die besiegten Deutschen nach 1945 Richtung Westen orientierten: unter anderem durch kollektive Alltagserfahrungen. „Der Osten“ kam nach Deutschland in Gestalt von als primitiv und rückständig erlebten Rotarmisten. Sie kamen halb verhungert an, raubten Uhren und schossen ins ihnen fremde Wasserklosett. „Der Westen“ dagegen betrat die Bühne als netter US-Soldat, der Schokolade vom technisch überlegenen Panzer warf. Während die Russen die ostdeutsche Industrie demontierten und eine Diktatur installierten, legten die USA mit dem Marshallplan die Basis des „Wirtschaftswunders“ und hatten außerdem Demokratie, Bluejeans und Supermärkte im Gepäck.

Soll heißen: Der Westen hatte mal das bessere Angebot für jeden Einzelnen. Und eigentlich hat er es noch. Treten die Menschen, die Vernunft, Freiheit und Recht als politische Handlungsmaximen begreifen, offen dafür ein, ohne dabei all die Unzulänglichkeiten, Zwänge und Widersprüche zu beschönigen, die die Welt nun einmal prägen, ist „der Westen“ noch lange nicht am Ende.

leitartikel@swp.de

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01.12.2016, 06:00 Uhr

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