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Kommentar

Das bisschen Schnee deckt einiges auf

So also sieht hier zu Lande eine Katastrophe aus: minus sechs Grad, 5 Zentimeter Pulverschnee in Tübingen. Ein Mensch, der früher als ich zur Arbeit muss, rief mich gestern früh an: „Da oben fahren keine Busse.“ Rasch ins Internet geguckt bei Naldo.

12.02.2010

Danach fährt alles wie gewohnt, auch mein 4er-Bus. Danke sehr für dieses topaktuelle Medium! Anruf bei Omnibus Kocher: „Der 3er und der 4er fahren nicht.“ Der 6er? „Der fährt noch. Die Haußerstraße wurde noch geräumt. Aber wenn es so weiter schneit . . .“

Ich stehe an der Haußerstraße, Station Winkelrain und warte. Und warte. Autos fahren rauf, Autos fahren runter. Kein Bus kommt. Kommt er später oder gar nicht? Elektronische Infos gibt‘s dort nicht. Räumfahrzeuge brummen an mir vorbei, bergauf, bergab. Vorn wollen sie Schnee schieben, hinten salzen. Aber vorne liegt kaum Schnee, zudem ist die Straße bucklig und löchrig, so dass der Schild des Schneepflugs kaum Angriffsfläche hat. Und hinten kommt nix raus. Weshalb sind die unterwegs? Inzwischen bin ich zu Fuß in den Niederungen Tübingens angelangt. Dort fahren die Busse.

Warum, bitte, gibt‘s kein Streusalz? Jahrzehntelang hat sich der Westen über die Versorgungsengpässe im Ostblock lustig gemacht. Und jetzt? Gewiss, die Salzbergwerke geben her, was sie schaffen. Aber Lagerhaltung ist außer Mode, bei den Herstellern genauso wie bei den Kommunen. Kostet ja alles unnötig Geld. Bloß kein Kilo zu viel einlagern. Zurzeit kostet Salz bis zum Vierfachen des Normalpreises.

Süddeutschland wird streusalzmäßig von Haigerloch-Stetten versorgt. Salz kommt aber auch aus Lettland oder aus Chile. Sieben Tage braucht ein Frachtschiff, um Salz von Marokko zu bringen. Am 5. Januar stand es fast in jeder deutschen Zeitung: „Streusalz wird knapp“. Das ist fünf Wochen her. Klasse reagiert: Streusalz ist jetzt noch knapper.

Mir ist egal, ob die Straßen mit Salz oder Splitt hergerichtet werden oder die Busse so ausgestattet, dass sie den Hang hochkommen. Ich möcht‘ einfach nur zur Arbeit, wie andere auch. Wer berechnet den volkswirtschaftlichen Schaden, der dadurch entsteht, dass die Leute nicht ins Geschäft kommen? Wie Hohn wirkt es da, wenn ich abends mit dem Zug am Landratsamt vorbeifahre und sehe, dass dort, wo um diese Zeit höchstens noch jemand seinen Hund ausführt, die Bäume von unten beleuchtet sind. Armes Land?

An der Ostsee türmt sich das Eis. Die Katastrophe hier im Süden ist einfach ein beharrlicherer Winter. Er wird begleitet von einem Krisen-Management, für das bei wirklichen Katastrophen einige den Hut nehmen müssten. Gert Fleischer

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12.02.2010, 12:00 Uhr

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