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Zell/Aichelberg

Das "böse Gewissen" der Kirche

Gläubige Christen haben es derzeit in Zell und Aichelberg im Kreis Göppingen nicht leicht. Sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirchengemeinde rumort es gewaltig - auch wenn beide Geschichten nichts miteinander zu tun haben. Der katholische Pfarrer wurde jetzt vom Rottenburger Bischof beurlaubt.

02.11.2015
  • DIRK HÜLSER

Noch heute erzählen sich viele Leute kopfschüttelnd eine Begebenheit, die sich vor drei Jahren auf dem Friedhof in Aichelberg zugetragen hat. Anstatt des katholischen Pfarrers Hermann Ehrensperger tauchte ein ehrenamtlicher Laie bei der Beisetzung auf, um die Zeremonie zu leiten. Der Mann kam in verwaschenen Jeans und Anorak, das Weihwasser transportierte er in einem Gurkenglas, verspritzte es mit einem Malerpinsel. "Ich dachte, ich bin im falschen Film", sagte damals eine Angehörige.

Pfarrer Ehrensperger übernahm die Verantwortung für den Vorfall. Doch offenbar gab es seither immer wieder Dinge, die schief gelaufen sind - so sieht es jedenfalls Dekan Paul Magino, Leiter des zuständigen katholischen Dekanats Esslingen-Nürtingen. Die Kirchengemeinde Sankt Franziskus erstreckt sich vom Kreis Göppingen über Weilheim (dem Sitz des Pfarrers), Holzmaden und Hepsisau bis auf die Alb nach Ochsenwang. "Es gibt Dinge des dienstlichen Verhaltens bei Hermann Ehrensperger, die nicht passen", sagt Magino. Er verkündete dem Kirchengemeinderat, was der Bischof entschieden hatte: Der Pfarrer wird beurlaubt, bis die Vorwürfe gegen ihn von einer Kommission geklärt sind.

Im Kirchengemeinderat hatten sich seit den jüngsten Wahlen im März zwei Lager gebildet: einmal die neuen Mitglieder sowie die wiedergewählten Räte samt Pfarrer. Zudem kam aus Reihen der Gemeinde der Wunsch nach einem aktiveren Gemeindeleben und mehr Seelsorge - und Bedauern über immer schlechter besuchte Gottesdienste.

Der gescholtene Pfarrer ist unterdessen ohnehin auf dem Absprung - nach 24 Jahren. Es sei sein persönlicher Wunsch, die Gemeinde zu verlassen: "Wann ich gehe, hängt davon ab, wann eine Pfarrei frei wird." Aber ganz ohne Protest - wenn auch still und leise - passiert dies nicht. So wurde die Homepage der Gemeinde umgeleitet, anfangs auf einen Wikipedia-Artikel über den ägyptischen Bischof Athanasius der Große (298-373 n. Chr. Er war bis zu sieben Mal aus Alexandria verbannt und wieder eingesetzt worden. Jetzt wurde eine neue Umleitung eingerichtet, sie führt zum Wikipedia-Text über Franz von Assisi - nach ihm heißt die Kirchengemeinde Sankt Franziskus.

Wer die Originalseite abgeschaltet hat, lässt sich nicht feststellen, aber eines ist klar: Als administrativer Ansprechpartner der Homepage ist bei der Registrierungsstelle denic.de Ehrensperger aufgeführt. In Panama registriert wurde hingegen eine weitere Internetseite - von Unterstützern des Pfarrers.

Hier finden sich zwei Videos, unter anderem zeigen sie, wie die Kirchenbesucher dem Dekan ihre Rücken zukehren und wie er mit versteinerter Miene die Kirche verlässt - vorbei an "Die Gedanken sind frei" singenden Menschen. Auch die Ministranten äußern sich auf der Seite, sie haben den Gottesdienst bestreikt. In ihrer Stellungnahme heißt es: "Unsere Stimme erhebt sich wie Donnergrollen nach der Ruhe vor dem Sturm. Vertuschen war gestern! Denn: Wir werden nicht schweigen. Wir sind das böse Gewissen der Kirche!"

Ärger gibt es auch bei den evangelischen Glaubensbrüdern und -schwestern der Kirchengemeinde Zell und Aichelberg, das Pfarrhaus steht in Zell. Und nach dem Willen des Pfarrers und des Kirchengemeinderats sollen nach einem entsprechenden Aufruf von Landesbischof Otfried July dort nun Flüchtlinge einziehen - da das Gebäude ohnehin leersteht. Für Pfarrer Johannes Hoeltz wäre das keine Umstellung. Er wohnt in der Wohnung seiner Frau. Was im Ort bekannt ist, dem Oberkirchenrat auch. Aber von dort kommt jetzt das Veto.

Die Kirchenleitung hat den Antrag abgelehnt, die Residenzpflicht für den Pfarrer aufzuheben. Die Dienstwohnung muss also im Pfarrhaus bleiben und kann nicht Quartier für acht bis zehn Flüchtlinge werden. "Ein bissle schade", findet das der Pfarrer. "Recht fadenscheinig", bewertet Bürgermeister Werner Link die Begründung der Kirchenoberen. Der Sprecher der Landeskirche, Oliver Hoesch, sieht die Schuld beim Pfarrer: Hoeltz versuche seit Jahren, sich der Residenzpflicht zu entziehen, auch mit juristischen Mitteln.

Um die Verwirrung komplett zu machen, kam jetzt noch eine E-Mail von Hoesch. "Meiner Information nach wohnt der Pfarrer im Pfarrhaus", heißt es nun plötzlich. Dass er, wie allgemein bekannt, bei seiner Frau wohne, sei doch gar nicht sicher, deshalb fragt der Kirchensprecher: "Gibt es dafür handfeste Belege?".

Das "böse Gewissen" der Kirche
Katholische Kirche in Zell. In der Kirchengemeinde Sankt Franziskus schlagen die Wellen hoch, weil der Bischof den Pfarrer beurlaubt hat. Foto: Staufenpress

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02.11.2015, 12:00 Uhr

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