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175 Jahre als Bischofssitz haben Rottenburg durch und durch geprägt

Das einstige Provisorium ist eingewurzelt

ROTTENBURG. Morgen und übermorgen erwarten Rottenburg Festtage, die es über kleinstädtisches Normalmaß hinausheben. Denn wenn die Diözese ihr 175-Jahr-Jubiläum feiert und dazu Tausende von Besuchern anreisen, wird die Stadt wieder daran erinnert, wie sehr der Bischofssitz ihr Image „draußen“ noch immer bestimmt. Dabei avancierte der Name Rottenburg, ähnlich wie im Falle Bonns, irgendwann zur Marke, obwohl er eigentlich lange einem Provisorium anhaftete. Glücklicherweise aber blieb Rottenburg das Schicksal der Ex-Bundeshauptstadt erspart. Und spätestens das Scheitern der bislang letzten Verlegungs-Pläne zeigte: Das Bischöfliche Ordinariat hat Wurzeln geschlagen am Neckar.

22.04.2011

"Das Tabakrauchen auf den Straßen und aus den Fenstern der Wohnungen, während des feierlichen Zuges, ist verboten“, proklamierte das Oberamt, als Johann Baptist Keller am 20. Mai 1828 in sein Amt als erster Bischof der neu geschaffenen Landes-Diözese eingeführt wurde.

Doch „Bescheidenheit und Anstand“ der Einwohner, so berichtete Württembergs Innenminister hernach im „Schwäbischen Merkur“, „machten die Anwendung der mit Umsicht getroffenen Maßregeln entbehrlich.“ Und mindestens das offizielle Rottenburg wusste, was die Stunde geschlagen hatte. „Mit größter Freude sehen wir ein Ereigniß herbeygeführt“, jubelte Stadtschultheiß Erath, „das eines der wichtigsten für uns und unsere Nachkommen seyn wird.“

Genau besehen begann die Geschichte der Bischofsstadt Rottenburg, wo sie in unseren Tagen beinahe wieder geendet hätte – in Stuttgart nämlich. Dort residierte der dicke König Friedrich I., dessen Machtfülle nach der napoleonischen Flurbereinigung im deutschen Südwesten fast seiner Leibesfülle entsprach. In den Jahren von 1803 bis 1810 vergrößerte er Württemberg nicht nur aufs Doppelte, sondern fügte ihm auch über 400.000 Untertanen katholischen Glaubens hinzu. Da war es geradezu eine Prestigefrage, sie in einer einzigen Kirchenorganisation zusammen zu fassen.

Ein „verwirrendes und wirrniserfülltes Spiel“ hat der Kirchenhistoriker Max Miller den Weg zum katholischen Landesbistum einmal genannt. Weil er immer und wieder ausführlichst nachgezeichnet worden ist, hier nur so viel in Kürze: Den Ausschlag dafür, Rottenburg statt des ursprünglich vorgesehenen Ellwangen die Ehre einer Diözesanhauptstadt zukommen zu lassen, gab nicht die zentrale Lage und auch nicht so sehr die Nähe zu Stuttgart. Man wollte, zwecks besserer Aufsicht, die neu gegründete katholisch-theologische Fakultät an die Landesuniversität Tübingen anbinden und suchte deshalb fürs Priesterseminar in passender Nähe nach einer katholischen Stadt mit „schicklichem Locale".

Mit letzterem war es aus Sicht des 1817 an den Neckar zwangsumgesiedelten Generalvikariats nicht weit her, auch wenn die ehemals österreichische Oberamtsstadt seinerzeit immerhin noch zehntgrößte Gemeinde im Königreich war. Den 1821 in der kirchenamtlichen Umschreibung der künftigen Diözese erwähnten „sehr ansehnlichen Tempel“ mochte Generalvikar Keller in der unspektakulären bis verbauten Stadtpfarrkirche St. Martin, dem designierten Dom also, ebenfalls nicht erkennen. „Verdüstert sich nicht schon das Gemüth beim Eintritte?“, fragte er in einer Flugschrift.

Kein Wunder also, dass Keller, kaum im Amt, 1828 gleich die ersten Entwürfe für eine wahrhaft würdige Kathedrale in Auftrag gab. In den kommenden Jahren wurden gigantische Dom-Pläne geschmiedet, die sich mal an frühchristlichen Basiliken, mal an großer Romanik orientierten und in jedem Falle jegliches Rottenburger Maß gesprengt hätten. Der Vorstoß scheiterte aber bald an der Geldfrage, weil die Regierung zweckdienliche Sammlungen in den Kirchengemeinden abwürgte und der staatsfromme Katholische Kirchenrat in Stuttgart auch keine Mittel bewilligte.

Trotzdem sollte, was mit Kellers Tod 1845 beerdigt schien, sich wie ein schwarzer Faden durch die Geschichte der Bischofsstadt Rottenburg ziehen und sie noch lange verunsichern. Mittlerweile nämlich hatte auch unter den Katholiken im Lande die ultramontane Bewegung mächtigen Auftrieb – so genannt, weil sie sich „jenseits der Berge“ an Rom orientierte.

Den Ultramontanen war Rottenburg ein ungeliebtes Symbol für staatliche Bevormundung der Kirche, und in diesem Sinne schlachteten sie sein Dom-Handicap aus. So kam es, dass die innerkirchliche Opposition um 1850 offen über Alternativen wie Ellwangen nachdachte, während der zwischen den Lagern vermittelnde neue Bischof Joseph Lipp im Geheimen über einen Umzug nach Obermarchtal verhandelte. Aus beidem wurde nichts.

Lipp gelang es aber, das staatliche Regiment zu lockern, und fortan verzehrten sich die Kontrahenten, zum Vorteil des Standorts Rottenburg, in innerkirchlichen Scharmützeln.

"Die Diözesangeschichte ist immer wieder auf dieser hohen kirchenpolitischen Ebene abgehandelt worden“, sagt Karlheinz Geppert: „Aber wie hat der Bischofssitz damals die Stadt selbst verändert?“ Eine Frage, die den Stadtarchivar seit Monaten umtreibt. Denn an ihm ist es, diese Wechselwirkungen in einer repräsentativen Ausstellung aufzuzeigen, die Ende Oktober im Rottenburger Rathaus eröffnet wird.

Kein ganz einfaches Unterfangen, zumal die einschlägigen Quellen aus dem 19. Jahrhundert fast durchweg papierener Art und deswegen wenig anschaulich sind. Einen Ausweg bietet die Möglichkeit, einzelne Aspekte der Geschichte um beispielhafte Persönlichkeiten der Diözesankurie herum zu erzählen – vom Bischof bis hinunter zum Bischofschauffeur.

Für die Gründerzeit kann da Domdekan Ignaz Jaumann als feste Größe gelten. Seit 1814 in der Stadt, brachte er bekanntlich fast im Alleingang die archäologische Erforschung von Rottenburgs römischer Vorgängersiedlung Sumelocenna in Gang. Indessen ist Jaumann kein Einzelfall. Die Domkapitulare als zugezogene intellektuelle Elite, sagt Geppert, hätten sich „aktiv in die bürgerliche Oberschicht der Stadt hinein begeben und mit ihrer neuen Umgebung auseinander gesetzt."

Eine neue Bildungsschicht

So schrieben Kirchenmänner Abhandlungen über Kohleförderung in der Region oder die Nützlichkeit von Maulbeerbaum-Pflanzungen, wie es vom Geist der Aufklärung erfüllte Pfarrer und Klosterleute schon vorher getan hatten, und engagierten sich deshalb im landwirtschaftlichen Bezirksverein. Sie mischten auch in der bildungsorientierten Museums-Gesellschaft mit und stellten dem Sülchgauer Altertumsverein, dessen Gründung wiederum von Jaumanns Forschungen inspiriert war, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Vorstand um Vorstand.

Wie aber erlebten einfache Ackerbürger und Handwerker die Omnipräsenz von Klerikern in Rottenburg, von welcher der Schriftsteller Theodor Griesinger 1866 bemerkte, „dass man in der Stadt nicht allzu viele Schritte machen kann, ohne einem Priestergewande zu begegnen“?

Vielleicht steckt ein Körnchen Wahrheit in jenem Wort, mit dem Geistliche hierzulande benannt werden: Das „Haierle“, schriftdeutsch nichts anderes als ein „Herrchen“, drückt eine gewisse Ambivalenz aus. „Haierlen“ waren offenbar Menschen, denen man Respekt erwies, und das nicht nur als Katholik.

Andererseits schwingt in der verkleinernden Nachsilbe auch ein Gutteil Skepsis gegenüber einer Existenz mit, die der eigenen, meist von harter Handarbeit bestimmten so fern war. Desto mehr Zuneigung konnte sich ein „Haierle“ erwerben, wenn es einem Bauern etwa den festgefahrenen Wagen aus dem Schlamm „heraus schalten“ half oder auf andere Weise Leutseligkeit statt Dünkel offenbarte – Rottenburger Anekdoten handeln bis heute davon.

Unter den geschichtlichen Gemeinplätzen, die ebenfalls zum hiesigen Standardrepertoire gehören, findet sich seit jeher immer wieder jener der „Urbs pia“, der „frommen Stadt“ also. Gemeint ist die gläubig-katholische Tradition Rottenburgs, wie sie sich einst in so vielen Stiftungen und Laienbruderschaften manifestierte und bis heute im Kranz der vielen Kapellen gegenwärtig ist. Die Versuchung liegt nahe, darin eine Art Rechtfertigungslehre zu sehen, warum die Stadt den Bischofssitz – über die erwähnten politischen Zufälligkeiten hinaus – auf Dauer auch verdient habe.

Zumal sich eine korrespondierende Gegen-Hypothese hartnäckig hält. Ihr zufolge ist die Rücksichtnahme auf Bischof und Domkapitel ein Hauptgrund für die verspätet bis gar nicht in Gang gekommene Industrialisierung Rottenburgs. Ganz abgesehen davon, dass der Hopfenboom des späten 19. Jahrhunderts vorübergehend einträglicher schien, gibt es dafür bislang aber keine harten Belege.

Stadtarchivar Karlheinz Geppert etwa kennt sich mit den Gewerbeansiedlungs-Offensiven von Bürgermeister Alfons Winghofer um die Wende zum 20. Jahrhundert herum aus und kommt zum Schluss: „Die Stadt ist vom Ordinariat keineswegs gebremst worden."

Winghofer, eines der tatkräftigsten Stadtoberhäupter in der jüngeren Rottenburger Geschichte, wollte auch die offene Dom-Wunde für immer schließen. Im Jahr 1900 konnte die Stadt den anfangs skeptischen Bischof Paul Wilhelm Keppler für ein neues Kathedralen-Projekt gewinnen und schenkte der Diözese zu diesem Behufe einen weitläufigen Bauplatz im Schelmen. Wieder wurden gigantische Pläne ausgebrütet; diesmal gelang es auch, einen ansehnlichen Baufonds anzusammeln. Die für Herbst 1914 geplante Grundsteinlegung verhinderte nur der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, aber damit war dieses Dombaukapitel vorzeitig abgeschlossen

Denn schon wenige Tage nach Kriegsende wurden Gerüchte gestreut, dass sich Weingarten mit seinem stattlichen Münster um den Bischofssitz bewerbe. Während die hiesigen Stadtoberen im September 1919 Bischof Keppler die „Treue und Ergebenheit“ der Einwohnerschaft bekundeten, führte die oberländische Presse als Argument pro Weingarten sogar „die schmutzige Stadt Rottenburg“ ins Feld. Auch Ellwangen und Schwäbisch Gmünd, die üblichen Verdächtigen also, machten Ansprüche geltend. Erst ein Jahr später teilte Keppler mit, dass eine Verlegung wegen „der zur Zeit unüberwindlichen Schwierigkeiten vorerst (!) nicht in Frage kommt."

Der Bekenner-Bischof

Wenige Jahre nach Kepplers Tod gaben die Rottenburger aus Dankbarkeit der dritten Neckarbrücke seinen Namen. Doch hat wahrscheinlich kein Bischof so viel fürs Selbstwertgefühl der Stadt getan wie Kepplers Nachfolger Ioannes Baptista Sproll. Wie die meisten katholischen Bischöfe stand er den Nationalsozialisten zunächst noch abwartend gegenüber und dankte am 5. Mai 1933 der Regierung in Stuttgart sogar dafür, „was der neue Staat gegen Bolschewismus, Marxismus, Schund- und Schmutzliteratur, Gottlosigkeit, Freidenkertum, Dirnenwesen, Nacktkultur, öffentliche Unsittlichkeit bereits getan hat.“ Im Unterschied zu anderen allerdings erkannte Sproll nicht nur, dass der Blut- und Rassenwahn der Nazis mit der christlichen Offenbarung unvereinbar war – er predigte dies auch.

Unzählige Male ist mittlerweile die Geschichte der gewalttätigen SA-Demonstrationen vorm Bischofspalais erzählt worden, denen am 15. August 1938 Sprolls Verbannung und am 24. August sein Abtransport aus der Diözese folgte. Als der Bekenner-Bischof, schwer an Multipler Sklerose erkrankt, aber innerlich ungebeugt, am 12. Juni 1945 aus dem Exil zurückkehrte, feierte Rottenburg mit ihm auch sich. Seither gehört es quasi zum städtischen Selbstbild, der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit Courage begegnet zu sein; ja, das kollektive Gedächtnis setzt sich geradezu in eins mit Sproll und den beiden anderen Jahrhundert-Rottenburgern Eugen Bolz und Josef Eberle.

Darüber nachzudenken, wie sehr der Bischofssitz die Rottenburger Geschicke bis heute bestimmt hat, heißt auch diese Frage zu stellen: Was hätte eine ganz normale katholische Kleinstadt alleine aus sich hervorgebracht? Ein Franziskanerkloster wie im Weggental womöglich; schon nicht mehr allerdings Muster-Kirchengemeinden wie St. Martin und St. Moriz, die merklich von der Anwesenheit einer nicht nur von Berufs wegen katholischen Elite profitieren.

Vielleicht die eine oder andere konfessionelle Schul-Spezialität wie das bereits 1866 gegründete Martinihaus oder St. Klara, mit seiner praxisorientierten Pädagogik ab 1902 lange die einzige Chance für Mädchen aus der Region, überhaupt eine anständige Schulbildung zu erlangen. Ganz sicher aber nicht ein fast alle Sparten abdeckendes Spektrum an katholischen Schulen, wie es sich seit der Gründung des Meinrad-Gymnasiums Kindern der Bischofsstadt als Alternative bietet.

Und schließlich schon gar nicht jenes Kulturangebot, wie es Domsingschule und Kirchenmusikhochschule, Diözesanmuseum und Priesterseminar im Verein auf die Beine stellen. Sogar „Filmstadt“ war Rottenburg schon, jedenfalls residierte von 1953 bis 1972 hier das für die ganze Bundesrepublik zuständige Katholische Filmwerk.

Maß für den Mainstream

Was die politischen Mentalitäten angeht, so hat das Bischöfliche Ordinariat noch immer sortierende Funktion: Entweder gehört man in Rottenburg zum katholischen Mainstream, ist stolz auf seinen Bischof und geht davon aus, dass auch der Stadt frommt, was der Diözese nützt. Oder man vertritt eine Minderheitenposition. Manifest und zählbar wurden diese Verhältnisse letztmals beim Bürgerentscheid um die städtische Beteiligung am katholischen Gymnasium Mitte der neunziger Jahre.

Neue Qualitäten hingegen offenbarte der vorerst letzte Anlauf, die Kurie samt Verwaltung doch noch aus der Stadt zu verlegen. Zunächst ließ Walter Kasper vor fünf Jahren in Stuttgart, das seit 1978 im Bindestrichnamen der Diözese präsent ist, ja bloß ein repräsentatives Bischofshaus herrichten.

Wie spätestens sein Nachfolger Gebhard Fürst öffentlich einräumte, war allerdings an mehr gedacht. Diesmal sprach nicht nur die Stadt besorgt vor: Der Widerstand gegen die Umzugspläne formierte sich auch in den Personalversammlungen des Ordinariats. Blättert man alte Personalverzeichnisse aus Sprolls Zeiten auf, wird der dahinter stehende Wandel evident: Kaum mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter beschäftigte der Bischof damals am Ort, derzeit sind es runde 400. Und in manchen Rottenburger Familien gibt es bereits in der dritten Generation regelmäßig irgend jemand, der sein Einkommen im Umkreis des Doms verdient.


Das einstige Provisorium ist eingewurzelt
„Der Bischof ist wieder da!“: Nach der Rückkehr aus der Verbannung wird Ioannes Baptista Sproll am 12. Juni 1945 durch Rottenburg getragen.

Das einstige Provisorium ist eingewurzelt
San Paolo fuori le mura in Rom stand Pate für den allerersten Entwurf eines Domneubaus, den der Tübinger Architekt Karl Heigelin 1828 vorlegte.

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22.04.2011, 12:00 Uhr

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