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Das große Kliniksterben
Gut versorgt in Heilbronn. Doch während in Städten Kliniken entstehen, fallen sie auf dem Land oft weg. Foto: SLK- Kliniken Foto: SLK-Kliniken
Medizinische Versorgung

Das große Kliniksterben

Krankenhäuser in den Zentren werden immer größer, dem ländlichen Raum bleiben Ambulanzen für den Notfall. Bürger protestieren erfolglos.

13.12.2016
  • VON HANS GEORG FRANK

Berlin. Mit Jazz und Chorgesang wird in Heilbronn ein Krankenhaus mit 550 Betten, 16 OP-Sälen und sechs Kreißsälen eingeweiht. 225 Millionen Euro kostet der Neubau der SLK-Kliniken, einer Kooperation von Stadt und Landkreis Heilbronn. Ein zweiter Abschnitt für 145 Millionen Euro folgt. Auf dem Gewann mit dem passenden Namen „Gesundbrunnen“ sei „ein zukunftsweisender Bau entstanden, der die hohen Ansprüche der modernen Medizin mehr als erfüllt“, sagt SLK-Geschäftsführer Thomas Jendges.

Auch in Bad Friedrichshall, wo die SLK-Kliniken einen weiteren Standort haben, wurde kräftig investiert. 350 Betten, acht Pflegestationen und sieben OP-Säle haben 135 Millionen Euro gekostet. In Möckmühl (8000 Einwohner) und Brackenheim (16 000 Einwohner) werden zwei angeblich nicht mehr rentable SLK-Häuser mit insgesamt 260 Betten geschlossen. Auch seitenfüllende Leserbriefe und über 10 000 Unterschriften konnten die Mehrheitsentscheidung des Kreistags (40 gegen 21 Stimmen) nicht verhindern. Als Ersatz sollen Notfallambulanzen entstehen.

In Künzelsau (Hohenlohekreis) will eine Bürgerinitiative verhindern, dass „ihr“ Krankenhaus mit 140 Betten zum „Medizinzentrum“ abgewertet wird. Jeden Mittwoch versammeln sich seit Ende September Demonstranten vor dem Hospital, zuletzt protestierten fast 1000 empörte Bürger gegen die Degradierung. Der Wortführer der Bürgerinitiative ist Andreas Eckle, bis 2011 Chefarzt und ärztlicher Direktor, „wirtschaftlich gut und schuldenfrei“. Nun vermutet er, dass ein Defizit von vier Millionen Euro geschickt errechnet wurde, „um den Kreistag gefügig zu machen“. Künzelsau werde geschlossen, „um den Bettenüberhang in Heilbronn zu kompensieren“.

„Pro Jahr werden zwei bis drei Krankenhäuser geschlossen“, sagt Matthias Einwag, Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft. Dies bedeute, dass jährlich rund ein Prozent der Krankenhausbetten abgebaut werde. Was im Raum Heilbronn zu beobachten ist, kennt Einwag aus anderen Regionen: „Im Zollernalbkreis diskutiert man darüber, ein Zentralklinikum zu bauen und die beiden Krankenhäuser Balingen und Albstadt zu schließen. Schließung der Krankenhäuser von Böblingen und Sindelfingen und Zusammenfassung der Versorgung in einem Krankenhausneubau. Die drei Kreiskrankenhäuser Lörrach, Schopfheim und Rheinfelden und das Sankt Elisabeth-Krankenhaus schließen sich an einem Standort zusammen.“

Einwag geht von einer weiteren Reduzierung der Betten und Häuser aus, weil die Verweildauer in Kliniken kürzer werde und mehr Leistungen ambulant erbracht werden. Allerdings mag er einen Anstieg der Bettenzahl wegen der demografischen Entwicklung nicht ausschließen: „Ältere gehen überdurchschnittlich häufig ins Krankenhaus.“ Dank des Fortschritts der Medizin etwa in der Anästhesie und durch schonendere Operationen könnten mehr Krankheiten behandelt werden, Beschränkungen wegen des Alters würden hinausgeschoben.

Sind wir für Epidemien gerüstet?

Zwar befürchtet die Krankenhausgesellschaft nicht, dass die Versorgung im Südwesten gefährdet ist. Aber: „Mit 530 Krankenhausbetten je 100–000 Einwohner hat Baden-Württemberg schon heute die niedrigste Bettendichte in Deutschland, der Bundesdurchschnitt liegt bei 618 Betten.“ Dabei müssten die Kliniken auch eine „Vorhaltefunktion“ erfüllen, betonte Einwag. Bei einem „größeren Ereignis“ wie einer Grippewelle müsse die Bevölkerung versorgt werden können. „Wir haben vor ein paar Jahren gesehen, dass eine regional auf Norddeutschland begrenzte Epidemie die Krankenhauskapazitäten zu über 100 Prozent ausgelastet hat und Pflegekräfte von Baden-Württemberg nach Hamburg ausgeliehen wurden.“

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg sieht im Aus für ein Krankenhaus „ein lokales Politikum, in das sich die KV nicht einmischen möchte“, erklärt Sprecher Kai Sonntag. Das Argument der räumlichen Nähe zähle nicht. „Patienten gehen keineswegs ins nächste Krankenhaus, sondern dorthin, wo sie am besten versorgt werden.“

Sozialminister Manne Lucha (Grüne) möchte im ländlichen Raum „eine gute Gesundheitsversorgung auch in Zukunft sichergestellt“ wissen. Damit meint er: Leistungsstarke, fachlich hochwertige Krankenhäuser, medizinische Versorgungszentren, enge Verzahnung von ambulanten und stationären Angeboten durch sektorenübergreifende Konzepte, wie es derzeit in der Region Reutlingen-Biberach-Ravensburg untersucht werde.

Auch wenn Konzentrationen und Schwerpunktbildungen vor Ort zunächst Irritationen und Ängste auslösten, zeige die Erfahrung, „dass diese Prozesse oft zu einer qualitativen Verbesserung führen, da medizinische Kompetenz an einem Standort gebündelt wird“. Dies liege im Interesse der Patienten – „auch wenn Anfahrtswege ins Krankenhaus länger werden“.

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13.12.2016, 06:00 Uhr

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