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Eine Tübingerin bekam 1950 zur Einschulung einen außergewöhnlichen Tretroller

Das grüne Geschoss

Heute gibt es Elektronik, früher gab es Handgemachtes. Die Tübingerin Marianne Reichenbächer-Lux bekam als junges Mädchen ein schnelles Gefährt geschenkt, vor dem sogar ihre Brüder Respekt hatten.

08.09.2012
  • Filipp Münst

Tübingen. Die Schultüte war natürlich ein Muss. Sie versüßte auch Marianne Reichenbächer-Lux den Beginn der Schule im Jahr 1950. Doch dafür hat sich die gebürtige Heidelbergerin, die seit über 40 Jahren in Tübingen wohnt, „nicht wirklich interessiert“, sagt sie. Viel wichtiger war ihr der hölzerne, grün angestrichene Tretroller, den sie zusätzlich von ihrem Vater zur Einschulung bekam. Er war Kaufmann und hatte das handgefertigte Gefährt bei einem Mann aus dem Odenwald eingetauscht.

„Mir hat immer alles gefallen, was funktional war – zum Beispiel unser Märklin-Kasten – während meine Brüder manchmal mit Puppenwagen gespielt haben“, erinnert sich Reichenbächer-Lux. „Der Roller hatte eine unwahrscheinliche Beschleunigung und ist regelrecht nach vorne geschossen, wenn man auf das Pedal getreten hat, das hat mir gefallen“, erklärt sie.

Während ihre Brüder Angst vor dem Gefährt hatten und nicht damit fahren wollten, raste die Erstklässlerin durch Heidelberg. Wirklich schnell abbremsen konnte sie den Roller nicht, wenn er einmal in Fahrt gekommen war. „Ich glaube, ich habe gebremst, indem ich einfach mit dem Fuß das Schutzblech auf das Hinterrad gedrückt habe, oder die Schuhe auf der Straße schleifen ließ“, erinnert sich Marianne Reichenbächer-Lux. So kam es, dass sie einmal eine Frau angerempelt hat, weil sie einen steilen Hang hinunterfuhr und nicht mehr bremsen konnte.

Zur Schule fuhr sie mit dem Tretroller nicht, weil sie direkt neben dem Schulgebäude der Pestalozzischule in der Heidelberger Weststadt wohnte. Allerdings wurde damals noch strikt zwischen Jungen und Mädchen getrennt. Ihre Familie wohnte direkt neben dem Jungen-Trakt, den sie nicht betreten durfte. Sie musste um das ganze Gebäude herum. Manchmal nahm sie auch die ebenfalls verbotene Abkürzung über den Garten der katholischen Kirche.

Marianne Reichenbächer-Lux ging gerne zur Schule. „Als jüngste in der Familie wollte ich nicht die dümmste sein, ich war sehr wissbegierig“, sagt sie. Neben „Schönschrift“ war Musik mit zusätzlichem Flöten-Unterricht ihr Lieblingsfach. Nach Tübingen kam sie eher zufällig, eigentlich wollte sie nach ihrer MTA-Ausbildung am Heidelberger Hygiene-Institut nach Israel.

Kurz vor ihrem Examen besuchte sie eine Freundin, die in Tübingen studierte. Bei der Gelegenheit schaute sie sich das Max-Planck-Institut an und sprach mit den Professoren. „Bevor ich wieder nach Hause kam, hatte ich schon eine Zusage für eine Stelle in Tübingen“, erzählt sie.

Auch ihren Mann lernte sie zufällig kennen: Er war auf der Durchreise von München nach Stuttgart, als sie sich im Café Pfuderer (heute „Ranitzky“) am Marktplatz begegneten. „Er wollte mich nach München holen, aber Tübingen hat gewonnen, wir sind hier geblieben“, sagt sie.

Den Tretroller hat Tübingen nie gesehen – er ging sehr schnell kaputt. Als Ersatz gab es Rollschuhe und später einen Seifenkisten-ähnlichen Ruderroller, in den sie sich hineinsetzte. Der war allerdings nicht mehr so aufregend – und vor allem längst nicht so schnell wie der grüne Tretroller.

Info: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schultag? Haben Sie Bilder von Ihrer Einschulung, die Sie den Zeitzeugnissen überlassen möchten? Dann können Sie entweder Ihre Fotos in unserem Geschichtsportal www.zeit-zeugnisse.de hochladen oder sie uns am kommenden Donnerstag, 13. September, von 14 bis 15 Uhr in der Tübinger Redaktion, Uhlandstraße 2, zum Einscannen vorbeibringen.

Das grüne Geschoss
Marianne Reichenbächer-Lux mit ihrem Tretroller, die Buben staunen. Bild: Privat

Das grüne Geschoss
M. Reichenbächer-Lux Bild: Münst

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08.09.2012, 12:00 Uhr

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