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„Das ist alles unehrlich und hat eine Doppelmoral“
Klagt Menschenrechtsverletzungen bei der Produktion von Obst wie Ananas oder Bananen an: TV-Koch Ole Plogstedt. Foto: RTLII
TV-Koch kritisiert Discounter

„Das ist alles unehrlich und hat eine Doppelmoral“

TV-Koch Ole Plogstedt prangert an, dass sich Discounter nicht um Menschenrechte kümmern und Essen kaum etwas wert ist.

10.10.2016
  • CAROLINE STRANG

Ulm. Er meldet sich am Telefon einfach nur mit „Ole“. Der TV-Koch und Inhaber eines Tournee-Cateringservices Ole Plogstedt spricht darüber, was er als Botschaft der Menschenrechtsorganisation Oxfam erreichen will. Über Ernährung und Konsum zu reden, reicht ihm aber nicht. Plogstedt ist ein politisch denkender Mensch. Er prangert immer wieder Reichtum und Ungerechtigkeit an. Er ist ein Aktivist, der genug hat vom Kapitalismus.

Herr Plogstedt, Sie sind nicht nur Koch, sondern auch Aktivist. Warum?

Ole Plogstedt: Es ist pervers, welches Leid hinter der Produktion vieler Lebensmittel steckt. Man muss nur die Bananenproduktion in Ecuador anschauen. Oder die Massentierhaltung hier. Handel und Industrie tun nur so, als würden sie etwas ändern wollen. Und wenn sie etwas ändern, geschieht das nur mit Kalkül. Das ist alles unehrlich und hat eine Doppelmoral.

Deshalb sind Sie Botschafter der Hilfsorganisation Oxfam?

Meine Funktion als Kampagnenbotschafter von Oxfam ist, auf diese Missstände aufmerksam zu machen. In Handel und Industrie entbrennt ein Preiskampf, bei dem es nur darum geht, dass irgendwelche Leute viel Kohle verdienen. Viele reden von einer Obergrenze für Flüchtlinge. Wie wäre es mit einer Obergrenze für Reichtum? Die Ausgebeuteten hauen auf die Leute ein, denen es noch schlechter geht. Man ist sauer und ohnmächtig. Viele der Probleme gründen auch darauf, dass wir Lebensmittel nicht wertschätzen. Das hat direkt mit dem Fehlen einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen zu tun…

Wie das?

Dass es nicht möglich ist, eine Geschwindigkeitsbegrenzung einzuführen, liegt an der Macht der Industrie und der Liebe des Deutschen zu seinem Auto. In seinen Wagen schüttet er das teuerste Öl, während er zuhause mit dem billigsten Blödsinn kocht. Lebensmittel sind zu billig und werden nicht geschätzt. Das merken viele Gastronomen, die ihr Essen fast verschenken müssen und kaum auf einen grünen Zweig kommen. In Frankreich ist das andersrum. Da fährt man mit der klapprigen Ente ins Sternerestaurant.

Lebensmittel sind in Deutschland also zu günstig?

Auf jeden Fall. Der Verbraucher kann dafür nicht allein verantwortlich gemacht werden. Man kommt aus diesem System nicht raus. Ich habe eine Tournee-Cateringfirma, ich weiß, wovon ich rede. Vom Budget und der Quantität kann ich manchmal nicht die erforderlichen Massen von Biofleisch an den Start bringen, die ich für 100 Leute brauchen würde. Wenn ich höre, dass wir so viel Bio- und Fairtrade-Produkte in Deutschland haben, muss ich lachen. Das ist eine Nische – vor allem in den Supermärkten. Ich finde es beschämend, dass es sowas wie Fairtrade überhaupt geben muss. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, auf Menschenrechte und Umwelt zu achten.

Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Ecuador-Reise gemacht?

Ich war mit Oxfam erst bei einem Kleinbauernverband, der Fairtrade- und Bio-Bananen verkauft. Da hat man gesehen, wie es funktionieren kann. Auf den großen, teilweise von Rainforest Alliance zertifizierten Plantagen, die unter anderem Lidl beliefern, bin ich schwer vom Glauben abgefallen. Wir haben dort quasi Sklaverei erlebt und schreckliche Folgen der Pestizide für die Arbeiter und ihre Kinder. Die Rainforest Alliance meldet ihre Kontrollen an. Dann kriegt die Plantage ihr Siegel, die Organisation ihr Geld und wir kaufen das hier im Glauben, etwas Gutes zu tun.

Was können Verbraucher tun, um die Situation zu verbessern?

Der Einkaufszettel des Konsumenten ist wie die Stimme bei der Wahl. Weil er damit zeigt, was er gerne hätte. Es ist ein Signal an die Wirtschaft. Auf der anderen Seite finde ich es ungerecht, dem Verbraucher die Verantwortung aufzulasten. Es ist einfach das System. Wenn ich bei Lidl eine Rainforest-zertifizierte Banane kaufe, dann muss doch Lidl dafür sorgen, dass bei ihrer Herstellung keine Menschenrechte verletzt wurden. Wenn ich ein Auto kaufe, muss ich mich auch darauf verlassen können, dass die Bremsen funktionieren. Verbraucher können zum Beispiel Oxfam unterstützen. Das kann hilfreich sein, um die Situation langfristig zu verbessern.

Also nehmen Sie vor allem die Supermarktketten in die Verantwortung?

Wir werfen den Supermarktketten unter anderem vor, dass sie die Bedingungen nicht kontrollieren. Die weigern sich vehement, ihre Vertragspartner auf die Wichtigkeit von Menschen- und Arbeitsrechten hinzuweisen. Lidl lässt sich feiern für irgendwelche Bio-Awards. Aber unter dem Strich machen die Fairtrade-Bananen nur acht Prozent ihres Bananensortiments aus. Das ist einfach nur ein Werbe- und Marketingtool für die.

Der Begriff Nachhaltigkeit wird ja fast schon inflationär benutzt. Was bedeutet er für Sie?

Nachhaltig ist, wenn man nicht einfach nur die Sahne abschöpft und den Rest dann wegschmeißt, sondern sich Dinge ganzheitlich anschaut und an keiner Ecke verbrannte Erde hinterlässt. Das ist sehr wichtig.

Sind wir mit schuld am Hunger von Menschen am anderen Ende der Welt?

Jeder ist schuld, der nicht versucht, es zu ändern. Jeder der sagt, er sei gegen Tierquälerei, sich aber bei KFC die Riesenpackung Chickenwings reinzieht. Das ist eine Doppelmoral. Das Problem ist aber komplex. Ich will niemandem eine Generalschuld zuweisen. Wir müssen uns alle bewusst sein, wie Lebensmittel produziert werden. Und einfach mal aufstehen.

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10.10.2016, 06:00 Uhr

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