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Literatur

„Das ist nicht auszuhalten!“

Der Jurist und Schriftsteller Georg M. Oswald spricht über sprödes und gutes Anwaltsdeutsch und über seinen neuen Roman „Alle, die du liebst“.

28.04.2017
  • GÜNTER KEIL

München. Anwalt, Schriftsteller, Verleger: Georg M. Oswald hat drei Berufe erfolgreich unter einen Hut gebracht. Er weiß also, wovon er schreibt, wenn er jetzt den Absturz eines erfolgreichen Anwalts schildert: „Alle, die du liebst“ ist der sechste Roman des 53-jährigen Autors. Fünf Jahre hat er sich dafür Zeit gelassen.

Was wollten Sie als Jugendlicher lieber werden: Anwalt, Autor oder Verleger?

Georg M. Oswald: Ganz klar: Autor. Ich habe mich auch später immer primär als Autor betrachtet, obwohl ich überwiegend in den beiden anderen Bereichen tätig war. Meine ersten beruflichen Schritte gingen auch eher in Richtung Autor – ich schrieb journalistische Texte für Stadtmagazine und Zeitungen. Und im Stillen, ganz für mich, experimentierte ich mit literarischen Stoffen.

Warum haben Sie dann überhaupt Jura studiert?

Ich war unglaublich fasziniert von der Sprache der Juristen, wie sie sich ausdrückten, wie sie den Konjunktiv einsetzten. Es reizte mich, diese Form als literarisches Mittel zu verwenden, so wie ich es später tatsächlich in meinem Roman „Lichtenbergs Fall“ getan habe. Er ist im Stil eines juristischen Protokolls geschrieben. Es gibt ohnehin eine Art natürlicher Nähe zwischen den beiden Feldern Jura und Literatur.

Wie meinen Sie das?

Zunächst einmal ist da die Sprache: Das Fach Jura hat eine starke Nähe zu ihr – die Sprache bedeutet alles im Studium und der Arbeit. Hinzu kommt: Jemand, der sich für Menschen und die Interaktion zwischen Menschen interessiert, landet schnell bei Jura oder Literatur, und letztlich finden sich unglaublich viele juristische Fragen und Konflikte in der Literatur.

Die Anwaltssprache gilt jedoch keineswegs als literarisch oder kreativ.

Aber das stimmt in dieser Pauschalität gar nicht! Ich habe schon viel Spott für meine Behauptung geerntet, dass gut geschriebene Gerichtsurteile sprachlich hochinteressant sind, weil sie ein großes Maß an sprachlicher Präzision zeigen. Stattdessen hält sich unter Nicht-Juristen hartnäckig das Klischee, Anwälte würden die Sprache verhunzen.

Passiert dies denn nicht?

Doch, selbstverständlich. Ich gebe auch gerne zu: Gut geschriebene juristische Texte sind eher die Ausnahme, nicht die Regel. Es gibt zahlreiche Anwaltsschriftsätze, die man liest und denkt: Du meine Güte, das ist ja nicht auszuhalten! Die sind trocken, spröde und weltfremd. Das gilt allerdings auch für literarische Texte, wenn man ehrlich ist. Dagegen anzuschreiben und es besser zu machen, das ist das Wagnis, auf das man sich immer einlassen muss, ob als Autor oder Anwalt.

Kafka und Goethe waren Juristen, Ferdinand von Schirach und Sie sind es ebenfalls. Ist es ein Zufall, dass so viele Anwälte erfolgreiche Schriftsteller werden?

Die schon erwähnte Begeisterung für die Sprache und die tägliche Auseinandersetzung mit ihr begünstigen sicher die Arbeit als Schriftsteller. Wobei ich umgekehrt auch keine Regel aufstellen würde, nach der Juristen die besseren oder erfolgreicheren Schriftsteller sind. Was Goethe und Kafka betrifft: In früheren Zeiten haben sehr viele Menschen, die ein akademisches Studium anstrebten, zuerst mal Medizin, Jura oder Theologie gewählt. Letztlich haben sich aus Jura auch die ganzen Gesellschaftswissenschaften entwickelt, bis hin zur Soziologie.

Schreiben Sie anders seit Ihrer Zeit als Verleger?

Ja. Ich habe mehr Zutrauen in meine eigenen Projekte bekommen. Mein Blick ist nicht mehr ganz so selbstzweiflerisch wie früher.

Wie kam es dazu?

Weil ich als Verleger erlebt habe, wie unglaublich viele verschiedene Ansätze ein Text haben kann, wie vielfältig die Erzählperspektiven sind, und vor allem: wie wenig all dies über richtig oder falsch aussagt. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede, aber jenseits davon kann man fast sagen: Anything goes. Das gefällt mir, es beruhigt mich. Denn die ästhetischen Debatten und Regularien sind immer weniger fruchtbar.

Die Hauptfigur Ihres neuen Romans „Alle, die du liebst“, Hartmut Wilke, ist ein erfolgreicher Anwalt, dessen bisheriges Lebensmodell jedoch scheitert. Was hat Sie an seinem Absturz gereizt?

Ich wollte wissen, was passiert, wenn er von der Sicherheit in die Unsicherheit rutscht. Hartmut Wilke ist ein Mann, der es gewohnt ist, seine eigenen Lebensumstände zu bestimmen. Doch wie reagiert er, wenn ihm die Konventionen, die sein Leben absichern, abhanden kommen? Seine Frau droht ihm einen Scheidungskrieg an, er muss seine Kanzlei verlassen, und auf der Reise zu seinem Sohn nach Afrika wird er in eine völlig andere Welt gestoßen. Mit seinem Verständnis von Recht und Gerechtigkeit kommt Wilke dort nicht mehr weiter.

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28.04.2017, 06:00 Uhr

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