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„Das kann man nicht durchgehen lassen“
„Ich stand eigentlich nie in der ersten Reihe“, sagt Max Steinacher – und dann macht er einfach.Bild: Metz
Gast der Woche: Max Steinacher

„Das kann man nicht durchgehen lassen“

Der Tübinger Max Steinacher organisiert demnächst die 100. Mahnwache für die Freilassung des saudischen Bloggers Raif Badawi, der für seine Meinung im Gefängnis sitzt und ausgepeitscht werden soll.

29.10.2016
  • Volker Rekittke

Humanität – das ist ein wichtiges Wort für Max Steinacher. Gefragt nach seinem Antrieb, den Motiven für seine nun schon jahrzehntelange Einmischung in die Tübinger, ja was denn? – Politik, öffentliche Debatte, Stammtischkultur – kommt ihm gleich dieser Begriff in den Sinn. „1000 Peitschenhiebe für jemand, der im Internet sagt, Christen, Juden und Atheisten sind gleichwertig – das ist ein Todesurteil. Das kann man nicht durchgehen lassen.“ Punkt. Weil ihm das Schicksal des saudischen Bloggers Raif Badawi nicht egal war, rief der eifrige Leserbriefschreiber am 22. Januar 2015 im TAGBLATT zur „stillen Mahnwache, freitags zur Auspeitschzeit, 11 Uhr auf der Stiftskirchentreppe in Tübingen“. 40 Tübinger kamen, darunter der FDP-Bundestagskandidat und Mitarbeiter des Tübinger Weltethos-Instituts Christopher Gohl. Am Samstag, 12. November, soll nun die 100. Mahnwache auf dem Tübinger Holzmarkt stattfinden. Und am 5. Dezember eine Abendveranstaltung im „Hirsch“.

Es geht Steinacher nie ums Draufhauen, Auskotzen. Aber warum nicht mal die Wut über solch ein „besonderes Maß an Grausamkeit“ in die Welt hinausschreien? „Meine Wut juckt den saudischen König überhaupt nicht“, sagt der 69-Jährige ganz nüchtern. „Ich schade eigentlich nur meiner Gesundheit, wenn ich mich aufrege.“ Also schreibt er regelmäßig Rundmails zum Fall Raif Badawi, organisiert Mahnwachen, überlegt aktuell, Firmenvertreter und die Reutlinger IHK anzusprechen – wegen deren Wirtschaftskontakten nach Saudi-Arabien. Beim Redaktionsgespräch drückt er den Anwesenden eine Postkarte in die Hand, voradressiert an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel: „Stoppen Sie alle deutschen Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien!“

Und dann die Leserbriefe ans TAGBLATT. Hunderte dürften es über die Jahre geworden sein, zu den unterschiedlichsten Themen. 1969 kam Steinacher als Student nach Tübingen. Bald darauf ging es los mit den Leserbriefen.

Mitte der 1980er Jahre organisierte der Lehrer den „Stammtisch steuerfrei“ – nachdem er vom damaligen SPD-Finanzexperten Diether Spöri „Steuerfreiheit für Boris Becker!“ gefordert hatte. Ironie geht nie? Doch. Davon ist Steinacher überzeugt. Nur klug sollte sie sein. „Wenn man den Witz so richtig umzingeln muss, dann kann er nicht gut werden“, sagt er und möchte lieber nicht mit dem selbsternannten Spaß-Rat Markus Vogt verglichen werden.

Dabei wäre er selbst fast schon einmal im Tübinger Rathaus gelandet. Als Kandidat der Freien Liste für den Tübinger Gemeinderat bewarb er sich mit „Oberstudienrat, verh., 2 Töchter, seit 1969 in der lokalen Denksportbewegung aktiv“. Und Mitglied im STS, dem Stadtverband Tübinger Stammtische. „Zum Glück wurde ich nie gewählt“, sagt er rückblickend. Vor dem gewaltigen Arbeitspensum in dem Gremium hatte er schon immer gehörigen Respekt.

„Ich hab nicht bloß Blödsinn gemacht“, sagt der undogmatische Linke und zeigt auf den Plan der „Totenstadt“ auf dem Friedhof von Montjuïc in Barcelona. Ein Denkmal für die Interbrigadisten, die im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpften, gibt es dort. Und das Grab von Buenaventura Durruti. Der katalanische Anarchist starb 1936 an der Front. Steinacher hat ein Faible für Anarchisten, „die Verlierer der Geschichte“. Obschon die anarchosyndikalistische CNT damals in Spanien eine Massenorganisation war, die gleich nach Francos Putsch zu den Waffen griff.

Steinacher schrieb einen Artikel über Montjuïc  in einem Heft über Katalonien, die Partnerregion Baden-Württembergs. 20 Jahre lang organisierte er Schüleraustausche mit der spanischen Provinz, jetzt hat er angefangen, Katalanisch zu lernen.

Spanisch spricht Steinacher schon seit 1972. Als Stipendiat reiste er ins Chile des Sozialisten Salvador Allende und seiner Volksfront-Regierung. „Wir waren natürlich alle auf Seiten der Unidad Popular.“ Im Juli 1973 gründete er mit Reinhard von Brunn und anderen das Chile-Komitee in Tübingen. Da konnte noch keiner von ihnen ahnen, dass nur zwei Monate später die Generäle unter Pinochet putschen würden. Mit Unterstützung der CIA. „Mit dem 11. September verbinde ich seitdem etwas anders als viele Menschen heute.“ Im Chile-Komitee gingen schon bald die Flügelkämpfe zwischen trotzkistischer GIM, dem realsozialistischen Spartakusbund, Maoisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftern los. Er selbst musste sich immer mal wieder den Vorwurf „Reformist!“ anhören. „Ich wollte immer möglichst breite Bündnisse, mir war es wichtig, dass der DGB dabei ist.“ Dann kamen die Flüchtlinge aus Chile. Trotz sprachlicher Probleme: „Es war einfacher als heute“, sagt Steinacher. Nicht nur, weil Chile in vielerlei Hinsicht europäischer ist als Syrien oder gar Afghanistan. Die linken Deutschen und die linken Chilenen „tickten politisch ähnlicher“.

1986, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, sammelte Steinacher zusammen mit dem AK „Stilllegung aller Atomanlagen“ 10000 Mark – und schaltete ganzseitige Anzeigen mit vielen Tübinger Unterzeichnern im TAGBLATT: „Wir schweigen nicht länger: Bau- und Genehmigungsstopp für alle Kernkraftwerke in Europa!“

Bei aller Aktivität: „Ich stand eigentlich nie in der ersten Reihe.“ Und zum Glück war der Arbeitsplatz weit weg, als Französisch-, Spanisch- und Politiklehrer an einem Gymnasium in Böblingen. „Wäre ich Lehrer am Uhlandgymnasium geworden, hätte ich manches in Tübingen wohl nicht gemacht.“

Journalismus, Artikel schreiben – das hat Steinacher schon immer gereizt. Regelmäßig verfasst er Kritiken über spanischsprachige Theaterstücke fürs TAGBLATT. „Wenn man selber schreibt, wächst die Sensibilität für die Schwierigkeit, ein leeres Blatt zu füllen, immens.“ Was er dem Journalismus und den Journalist(inn)en wünscht – er sagt es mit den Worten von Springer-Vorstand Mathias Döpfner: „Eine gute Redaktion braucht immer ein bisschen Luxus.“ Zeit für Recherche, Hintergrund, Meinung. Denn: „Journalismus kann auch kaputt gespart werden.“

Max Steinacher Humanist& Spanischlehrer

1947 geboren in Ellwangen/Jagst

1966 Abitur in Ellwangen

1969-1975 Studium Romanistik und Politikwissenschaft in Tübingen und Aix-en-Provence

1972 Studienaufenthalt in Chile

1975/76 Referendariat in Göppingen

1976-2011Gymnasiallehrer in Böblingen

2015 Aufruf zur Mahnwache für Raif Badawi

Er hat zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder.

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29.10.2016, 01:00 Uhr

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