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1949 begann das Hayinger Naturtheater

Das kleine Wunder vom Lautertal

HAYINGEN (wal). „Eine Ausnahme mag das Naturtheater Hayingen auf der Schwäbischen Alb bilden.“ In „Deutschland deine Schwaben“ nimmt Thaddäus Troll die Freilichtbühne im Tiefental vom Verriß heimischer Amateurtheater aus; er saß als Kritiker in Aufführungen der Hayinger. 1986 schwärmte „Der Spiegel“ vom „epochenüberspannenden Welttheater“, das Martin Schleker junior mit „Rulaman“ gelungen sei. Kurz zuvor war Martin Schleker senior gestorben, der das Naturtheater 1949 gegründet hatte.

22.06.1999

Schleker senior war ein kleiner Hans Sachs, Schuhmacher und Poet dazu. Sein sehnlichster Wunsch war ein eigenes Theater, und die 700-Jahr-Feier Hayingens gab 1947 den Anstoß. Das Ratsprotokoll vermerkt, es sei „angezeigt“, von nun an alljährlich „durch spielfreudige Bürger der Stadt zur Vertiefung der Heimatliebe und Verbundenheit mit ihrem Albstädtchen ein Festspiel durchzuführen“. Der „Heimatschriftsteller“ Martin Schleker saß im dafür verantwortlichen Albvereins-Aussschuß, später ging das Theater in kommunale Regie über.

Innerhalb eines Jahre wurden im Tiefental Bühne und Tribüne gebaut. Auch ein Stück hatte Schleker bald parat, „Benedikta Eisele“, das im 30jährigen Krieg spielte. Der französische Militärzensur war das nicht friedlich genug, sie verbot die Aufführung. Tiberius („Beere“) Fundel, Abgeordneter aus Indelhausen und Mitbegründer der Südwest-CDU, bat Reutlingens OB Oskar Kalbfell, der gute Kontakte zur Besatzungsmacht hatte, um Vermittlung. Kalbfell antwortete: „Bei der augenblicklichen Einstellung zur militärischen und Sicherheitsfragen ist die Ablehnung zu verstehen.“

Gäul, Goisa, gstandene Leit

Schleker senior schrieb daraufhin „Die Orgelmacher“, am 19. Juni 1949 wurde die erste Spielzeit eröffnet. Von nun an brachte er jährlich ein neues Stück heraus. Kontinuität gab es bald auch bei der Spielerschar und anderen Mitwirkenden: „Gäul, Goisa, Mädle, Bueba und gstandene Manns- und Weibsleit“, sieht sich Sohn Martin Schleker junior in der Tradition. Über Generationen hinweg kamen die Mimen aus den Familien der Herters, Pfisters, Herbs. Und natürlich waren die Schleker-Söhne Heinz, Martin und Peter ebenso dabei wie heute ihre Kinder.

Der Vater, erinnern sich Heinz und Martin, habe historische Stoffe aus der Region volkstümlich bearbeitet. „Sprachlich eher im klassischen Ton, in einer August-Lämmle-Diktion“, so Martin Schleker junior. Auch er habe „so ein Schriftsteller wie der Vater“ werden wollen, der unter anderem den Roman „Der Schäfer von Hayingen“ geschrieben hatte. Aber bald hatte er andere Vorbilder: Hemingway, Sartre, Brecht.

Zum Bauernkrieg links ab

Dann ging der Sohn auf die Schauspielschule, inszenierte, schrieb die Texte des Vaters um, fügte eigene Passagen hinzu. Das ging nicht ohne Konflikte ab: Wenn er eine Hitler-Rede im „Schultheiß von Justingen“ einbaute oder in den „Sieben Schwaben“ die Euthanasie in Grafeneck thematisierte, wurde der Alte „narret“. Beide stritten sich schon mal während der Vorstellung, die Hitler-Rede versuchte der Vater durch Drehorgelspiel zu übertönen. Am Ende, berichtet Heinz Schleker, habe der Senior geschimpft: „No schreibsch dein Scheißdreck alloi“.

Das tat der Junior, er schrieb nicht hochdeutsch, sondern in Mundart, fand zu einem eigenen Stil des Volkstheaters, kritisch und aufmüpfig, beeinflußt von der Studenten-, Anti-Atomkraft und Friedensbewegung. „Zum Bauernkrieg links ab“, titelte die „Frankfurter Rundschau“, das TAGBLATT feierte ihn als „Brecht vom Lautertal“. Das war ihm „a bißle peinlich“, und bald waren ihm die Besucher aus Tübingen „zu zahlreich“ — „von Studenten allein können wir nicht leben“. Er brachte beides unter einen Hut: Das Stammpublikum zu halten und junge Leute anzulocken. „Das Wunder vom Lautertal“, so ein Stücktitel, gilt ebenso für das Hayinger Theater.

Zum Erfolg verdammt

„Zum Erfolg verdammt“ sah ihn bald „Südwestpresse“-Kritiker Heinrich Domes. Erfolg hatte Schleker, pro Saison kamen 20 000 Besucher. Als Schauspieler war er in Tübingen oder Esslingen engagiert, wie der Vater und der Hayingen-Abkömmling Franz Xaver Ott bekam er den Volkstheaterpreis. Sein „Rulaman“ feiert derzeit Triumphe am Stuttgarter Staatsschauspiel, auch wenn Schleker sagt: „Bei uns war's besser.“

Aber Krisen blieben nicht aus, persönliche, schreiberische. Jedes Jahr ein Stück, immer auf der Höhe der Zeit, vom „Laufenmüller“ bis zur „Schönen Lau“, vom „Postmichel“ bis zum „Schwäbischen Sommernachtstraum“, ein ziemlicher Raubbau. Die Schauspielerkarriere beschränkte sich auf wenige Engagements, Auftritte in Funk („Hutzelmann“) und Fernsehen („Hoffmanns Geschichten“).

Nachdem er länger nicht mehr am Regiepult saß, inszeniert Martin Schleker junior heuer „Hanna und Heiner“ nach Hebels „Zundelheimer“-Geschichten. Die Hayinger Zukunft sehen die Schleker-Brüder optimistisch. Den aktuellen Boom der Freiluft- und Vereinstheater hält Martin indes für einen „Schritt rückwärts — da war Millowitsch progressiv dagegen“. Das eigene Haus will er „offensiver“ ausrichten, sich nicht darauf verlassen, daß es noch jedes Jahr geklappt hat. Neue Leute, mehr streitbare Darsteller wünscht er sich. Aber wie Bruder Heinz weiß er: „Irgendwann stellt sich auch für uns die Generationenfrage.“

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22.06.1999, 12:00 Uhr

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