Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Rat der Buchhändler ist umso mehr gefragt

Das liest man nach dem Fest

Tendenz uneinheitlich: So könnte man den Tübinger Buchmarkt vor Weihnachten beschreiben. Zwar werden wieder viele Bücher verschenkt. Aber dieses Jahr sind sie besonders verschieden.

21.12.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Ein Autor geht in allen Buchhandlungen gut: Als Tübinger Poetik-Dozent machte Christoph Ransmayr gerade rechtzeitig auf sein neues Buch „Atlas eines ängstlichen Mannes“ aufmerksam. Ulrike Sander, Belletristik-Einkäuferin von Osiander, empfiehlt seine Reiseeindrücke gerne, weil er „Orte beschreibt, wo ein gewöhnlicher Mensch nie hinkommt“. Und weil man „einzelne Kapitel auch noch in erschöpftem Zustand lesen kann“.

Bestsellerlisten spielen in diesem Jahr eine untergeordnete Rolle. „Es gibt nicht den einen großen Autor“, sagt Angelika Gocht von der Buchhandlung Gastl. Dort ist „Wovon wir träumten“ ein Renner: Julie Otsuka erzählt darin die Geschichte von japanischen „Fotobräuten“, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Kalifornien vermittelt wurden, in eine ihnen völlig fremde Kultur. „Jeder Satz ist ein Schicksal“, sagt Gocht. Gut nachgefragt werde „Landgericht“ von Ursula Krechel, der diesjährigen deutschen Buchpreisträgerin, und seit kurzem „Der Schneesturm“ von Vladimir Sorokin.

Bei Wolfgang Zwierzynski (Quichotte, Neckarhalde) greifen die Kunden häufig zu kulturgeschichtlichen Schmökern: Etwa zu „Platon in Bagdad“ von John Freely, der beschreibt, wie der Einfluss der Antike über die arabische Welt nach Europa zurückfand. Oder zu StephenGreenblatts Pulitzerpreis-gekrönter Studie über den Beginn der Renaissance, „Die Wende“.

Ein Überraschungserfolg bei Ulrike Dahmen (Rosalux, Lange Gasse) ist der opulente Bildband „Storyteller“ des Modefotografen Tim Walker. Das Buch mit den exzentrisch-magischen Bildern, mit 58 Euro nicht gerade billig, gehe „wie geschnitten Brot“ über ihren Tresen. Einige Kunden konnte Dahmen für die Montaigne-Biographie „Wie soll ich leben?“ von Sarah Bakewell erwärmen. Denen, die etwas Spannendes suchen, legt sie „Eine verlässliche Frau“ von Robert Goolrick nahe, einen Skandalroman aus dem Amerika der frühen 1900er Jahre.

Ethisches Wirtschaften und Tübingen-Film

Das breite Roman-Angebot kommt den Buchhändlern zugute: „Wir haben noch nie so viel beraten wie dieses Jahr“, sagt Sander erfreut und spricht damit für alle. Rezensionen in den Medien machen sich aber bemerkbar. „Hundertjährige sind anscheinend en vogue“, meint Sander und denkt an den flotten Absatz von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ des Schweden Jonas Jonasson, oder an „Wir sind doch Schwestern“ von Anne Gesthuysen, den Lebensrückblick dreier Damen beim 100. der ältesten. Überrascht hat sie dagegen der Erfolg der Hitler-Persiflage „Er ist wieder da“ von Timur Vermes – mit dem Bestseller rechnete sie nicht.

Neben Krechel und Richard Fords Roman „Kanada“ wird bei Osiander John Greens „Das Leben ist ein mieser Verräter“ viel gekauft. Der Roman über krebskranke Jugendliche spricht mit seinem so ehrlichen wie warmen Ton auch Erwachsene an und erleichtert die emotionale Annäherung an ein tabuisiertes Thema. „Ein Mehrgenerationenbuch“, sagt Christine Schwandt von der Buchhandlung Vividus im Nonnenhaus, wo es ebenfalls gestapelt liegt. Viele Kunden dort greifen zu einer kommentierten Ausgabe der „Engel von Paul Klee“ oder zu den von Daniela Drescher anthroposophisch illustrierten „100 schönsten Märchen der Gebrüder Grimm“. Comic-Liebhabern legt Buchhändler Bernd Zacharias „Das reine Leben“ in die Hand, eine Biografie des amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau.

Interesse an sehr unterschiedlichen Titeln beobachtet auch Georg Hartmann von der Buchhandlung H. P. Willi (Wilhelmstraße). Unentschlossenen rät er zu „Das Bärenfest“ des Katalanen Jordi Soler, einem Roman um ein Geheimnis aus dem spanischen Bürgerkrieg.

Bei den Sachbüchern behauptet sich jahreszeitgemäß der Ethnologe Thomas Hauschild mit seiner Studie über die Herkunft des Weihnachtsmanns überall gut, ebenso Florian Illies’ Jahrhundertschau „1913“.

Auffällig ist ein Trend zu wirtschaftsethischen und Wirtschaft erklärenden Büchern: Jan Grossarths „Vom Aussteigen und Ankommen“ über das einfache Leben; Michael Sandels „Was man für Geld nicht kaufen kann“; David Graebers „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ über die Entwicklung der Geld- und Marktwirtschaft; oder das Werk des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Daniel Kahnemann: „Schnelles Denken, langsames Denken“.

Bei den Tubingensia nennt Zwierzynski spontan die „Stiftsköpfe“, neue Porträts schwäbischer Geistesgrößen. Bei Osiander verkauft sich das Buch über den Fotografen Kleinfeldt sehr gut, und geradezu „wahnsinnig“ (Sander) der Tübingen-Film: bisher fast 500 DVDs.

Bleiben die typischen Last-Minute-Bücher: Sander zählt dazu die 17 Schwaben-Porträts von Ulrich Kienzle und die Ausflugstipps „111 Orte auf der Schwäbischen Alb, die man gesehen haben muss“ der Reutlingerin Barbara Goerlich.

Das liest man nach dem Fest
Zu Weihnachten darf es gern auch opulent sein: Die Tübinger Buchhändlerin Ulrike Dahmen mit dem viel verkauften Bildband „Storyteller“. Bild: Metz

Der heimliche Weihnachts-Bestseller ist das E-Book. Bei Osiander geht man davon aus, dass bis Weihnachten tausend Lesegeräte (übers Jahr) verkauft sein werden. Ein Vielfaches gegenüber 2011 machen auch die heruntergeladenen Bücher aus: um die 10 000, acht Mal so viele wie letztes Jahr.
Durch die Medien und durch lokale Info-Veranstaltungen seien „die Leute jetzt anders vorbereitet“, sagt Ulrike Sander, Mitglied der Osiander-Geschäftsführung. Besonders gern wird das E-Book (nicht zu verwechseln mit dem Lesegerät Kindle, das ausschließlich an den Versandhändler Amazon gebunden ist) nach ihrer Beobachtung von Menschen der Generation 50 plus gekauft. „Die wollen auf Reisen nicht mehr so viele Bücher mitschleppen und schätzen, dass man die Schrift vergrößern kann.“
Außerdem biete die Buchhandlung eine Möglichkeit zum Ausprobieren, und Hilfe, wenn man nicht damit klar kommt. Bei Osiander sind inzwischen zwei Angestellte nur mit dem E-Book-Service beschäftigt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.12.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball