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„Das passt nicht mehr in die Zeit“
Stefan Wolf: „Die Jungen habe eine völlig andere Einstellung zum Thema Arbeitszeit.“ Foto: Foto
Arbeitszeit

„Das passt nicht mehr in die Zeit“

Gesetz und Tarifvertrag lassen maximal zehn Stunden Arbeit pro Tag zu. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf will das ändern. Das komme den Unternehmen ebenso zugute wie den Mitarbeitern.

19.04.2017
  • HELMUT SCHNEIDER

Der gewerkschaftliche Werbespruch „Samstags gehört Papi mir“ aus dem Jahr 1956 ist Stefan Wolf natürlich bekannt, auch wenn er da noch gar nicht auf der Welt war. Seit mehr als 30 Jahren gilt in der Metall- und Elektroindustrie die 35-Stunden Woche. Ihrer Einführung im Jahr 1984 ging eine der größten Tarifauseinandersetzungen der Nachkriegsgeschichte voraus – sieben Wochen Streik und Aussperrung. Für die IG Metall ist der erfolgreiche Kampf für die 35-Stunden-Woche ein ganz großer Erfolg. Wer daran rüttelt, muss gute Argumente haben.

Herr Wolf, wollen Sie die 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie kippen?

Stefan Wolf: Uns stört nicht so sehr die Dauer der wöchentlichen Arbeitszeit als vielmehr die Tatsache, dass wir sie nicht so flexibel einsetzen können wie das notwendig und zeitgemäß wäre. Wenn wir also genügend Arbeitszeitvolumen bedarfsgerecht, flexibel und ohne Mehrkosten bekommen, müssen wir die 35-Stunden-Woche auch gar nicht in Frage stellen.

Was wäre denn zeitgemäß?

Dass unsere Mitarbeiter mal länger arbeiten, wenn es notwendig ist. Um dann beispielsweise innerhalb einer Woche oder später – vielleicht auch über Jahre hinweg – einen entsprechenden Zeitausgleich zu bekommen. In der Summe wird nicht mehr gearbeitet, aber mehr nach tatsächlichem Bedarf.

Warum kommen Sie mit diesem Vorschlag jetzt?

Zwei Dinge haben sich geändert: Die internationale Vernetzung hat sich verstärkt und die junge Generation hat eine völlig andere Einstellung zum Thema Arbeitszeit. Sie erkennt, dass eine Flexibilisierung ihr auch Freiräume für eigene Zeitgestaltung schafft. Die bisherige gesetzliche Regelung, also das deutsche Arbeitszeitgesetz, ist aber schon Jahrzehnte alt und sollte ebenso aktualisiert werden wie die tariflichen Bestimmungen zur Arbeitszeit.

Warum benötigen die Betriebe heute mehr Flexibilität?

Es ist doch ganz simpel: Gearbeitet werden muss, wenn Geschäft da ist. Schaffen wir das nicht, leidet die Produktivität. Schaffen wir das, bleiben wir wettbewerbsfähig. Ein Beispiel: Mein Unternehmen Elring-Klinger ist an 47 Standorten auf der Welt vertreten, die bei der Entwicklung zusammenarbeiten. Wenn Kunden oder Kollegen in Indien oder in den USA an einem Projekt arbeiten und wir in Deutschland angesichts der Zeitverschiebung daran gehindert werden, mitzuarbeiten, haben wir ein Problem. Wir müssen in Deutschland schon mit hohen Kosten zurechtkommen. Dann sollten wir uns nicht auch noch mit starren Arbeitszeiten einengen.

Und aus Beschäftigtensicht? Sie meinen, dass es vielen heute wichtig ist, manchmal einen freien Tag, ein verlängertes Wochenende zu haben oder nur einen halben Tag arbeiten zu müssen. Und dass sie dafür auch mal am Samstag oder mehr als zehn Stunden am Stück arbeiten?

Ja. Dass diese individuellen Gestaltungsmöglichkeiten heute weit wichtiger sind als früher, bestätigt auch unsere Umfrage.

Für wie viele Mitarbeiter kommen solch flexible Arbeitszeiten in Betracht?

Was die Anforderung der Betriebe nach bedarfsgerechtem Volumen und ungleichmäßiger Verteilung angeht, nahezu alle. Was den Wunsch der Beschäftigten nach mehr eigenem Einfluss oder gar Souveränität angeht, etwa die Hälfte. Natürlich wird es immer Schichtarbeit und Arbeitsabläufe vor allem in der Produktion geben, bei denen jedenfalls eine kurzfristige Flexibilität engere Grenzen hat.

Wie lange sollte denn konkret gearbeitet werden können?

Wir sagen nur, dass die derzeitige gesetzliche Regelung, mit einer maximalen Arbeitszeit von zehn Stunden und einer Ruhezeit von elf Stunden, nicht mehr in die Zeit passt. Tariflich sollten wir Regelungen finden, die uns insgesamt genügend Arbeitszeitvolumen ermöglichen und die Arbeit nicht automatisch verteuern, wenn die zeitliche Lage vom Normalfall abweicht.

Längere Arbeitszeit und Wochenendarbeit sind schon heute möglich, wird Ihr Tarifpartner, die IG Metall, darauf erwidern.

Aber die gibt es nur unter zwei Voraussetzungen: Es müssen Zuschläge bezahlt und die Ausnahmen müssen vom Betriebsrat genehmigt werden. Aber dauerhaft längere Arbeitszeit, zum Beispiel in Mangelberufen, ist heute nicht möglich, selbst wenn der Arbeitnehmer es will.

Wer Zuschläge abschaffen will, wird von den Mitarbeitern keine Zustimmung erwarten können.

Da wäre ich nicht so sicher. Unsere Umfrage zeigt: Wenn die Mitarbeiter dafür Möglichkeiten bekommen, über ihre Arbeitszeit und damit auch über ihre privaten Bedürfnisse und Belange mehr mitbestimmen zu können als bisher, sind sie auch bereit, mal samstags und abends ohne Zuschläge zu arbeiten. Geld ist den Mitarbeitern natürlich immer noch besonders wichtig, aber der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten wird immer wichtiger.

Glauben Sie ernsthaft, dass die IG Metall das mitmachen wird?

Auch die IG Metall wird den veränderten Rahmenbedingungen auf Dauer nicht entkommen. Wollen Arbeitgeber und Gewerkschaften attraktiv bleiben, müssen sie auf aktuelle Herausforderungen zeitgemäße Antworten finden. Flexiblere Arbeitszeiten für Betriebe, die auch den Beschäftigten mehr Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen, zählen dazu.

Bei den kommenden Tarifverhandlungen Ende des Jahres wird es aber auch um Geld gehen. Was stellen Sie sich vor?

Ich würde mir wünschen, dass die IG Metall anerkennen würde, dass wir in den vergangenen Jahren die Löhne weit überdurchschnittlich erhöht haben. Eine Nullrunde, um die Substanz der Unternehmen zu stärken – das wäre ein starkes Signal einer starken Gewerkschaft! Die Beschäftigten würden trotzdem noch weit überdurchschnittlich verdienen.

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19.04.2017, 06:00 Uhr

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