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Das schiefe Ampelmännlein

Gerichtsnotorische Zecher, die frühmorgens zum Verhandlungstermin in die Gartenstraße torkeln, haben jetzt ein Symbol ihrer Befindlichkeit. Seit am Reutlinger Amtsgericht eine längere Sommerbaustelle ausgebrochen war, ist nichts mehr, wie es war. Auch die Fußgängerampel in der Aulberstraße geht verkehrt. Fürsorglich wachen darauf gleich zwei rote Männchen, dass niemand bei kreuzendem Verkehr über die Straße rennt.

29.08.2012

Doch wehe: Das untere der beiden Männchen hat sich leicht gedreht, hängt schief und droht beim längeren Betrachten, aus dem Ampelkasten herauszufallen.

Ein Hingucker für Nüchterne, ein Mahnmal für Betrunkene. Wenn sich die Welt ohnehin im Tunnelblick verengt, gemahnt das schiefe Männchen von Reutlingen an die Brüchigkeit der modernen Existenz, an die Neigung jähzorniger Vorgesetzter, sich auf den Kopf zu stellen und an die Gefahr, der Himmel möge dem ungeschützten Betrachter sogleich auf den Kopf fallen.

Ein neues Verkehrszeichen hat das erfinderische städtische Ordnungsamt da kreiert. Es warnt vor torkelnden Passanten, die an Fußgängerampeln eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Blechlawine darstellen. Es hält zum aufrechten Gang an, gibt ein abschreckendes Beispiel für übermäßigen Alkoholgenuss im Straßenverkehr und stimmt die gerichtsnotorischen Zecher zugleich auf den unerbittlichen Gang der irdischen Gerechtigkeit ein.

Das Beispiel aus der Aulberstraße mag Schule machen. Halteverbotsschilder in schicker Ovalform, Andreaskreuze, die sich konisch verjüngen, Krötenwanderungen mit Schleimspur auf dem Warnschild – der Phantasie der Ordnungsämter ist keine Grenze gesetzt. Und alles, werden dereinst milde gestimmte Schilderplaner ihren Enkeln am knisternden Kaminfeuer erzählen, nahm seinen Ausgang mit einer Baustelle am Reutlinger Amtsgericht.

Schilda ist überall – aber in der Aulberstraße ist die eigentliche Keimzelle des höheren Blödsinns, die Wurzel bürokratischen Querulantentums, ein Dorado für Nonkonformisten, die sich an keine Verkehrsregel halten wollen.

Da macht der Weg zum Gerichtstermin doch gleich doppelt Spaß. Humorvolle Anwälte legen sich schief, um Aug’ in Aug’ mit dem krummen Männlein auf Grün zu warten. Staatsanwälte sinnieren, gegen welchen Paragrafen da eigentlich verstoßen wird. Und nachdenkliche Richter erkennen den menschlichen Faktor, der das Ideal der Gerechtigkeit allzuoft in eine sehr irdische Schieflage bringt. Ob Bettler, Banker oder Bäckersfrau: So gerne wie in der Aulberstraße sieht man doch nirgendwo rot.Matthias Reichert

Das schiefe Ampelmännlein
Beim Stehen nicht umfallen: Ampel am Amtsgericht.Bild: ST

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29.08.2012, 12:00 Uhr

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