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Sommernachtskino letztmals im Pfleghof

Daumenschrauben angezogen: Erschwert das Land Kultur-Events?

Dem Land Baden-Württemberg gehören auch in Tübingen attraktive Liegenschaften. Klar, dass hier auch die Kultur gelegentlich ihren Platz finden möchte. Das wird ihr offenbar zunehmend erschwert. Der aktuelle Fall: das Sommernachtskino im Pfleghof.

25.06.2015
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Im Schloss die Fluchtwege und Fledermäuse, im Alten Bota das strapazierte Baumwurzelwerk: Es gibt immer wieder triftige Gründe, warum Events auf Landesliegenschaften nicht mehr zustande kommen oder umziehen müssen. Mitunter nimmt, ob Rosenfest oder Gastro-Sommerinsel, die Stadt sie anderswo auf. Aber nicht immer.

Daumenschrauben angezogen: Erschwert das Land Kultur-Events?
Auch andere Kulturveranstalter wie etwa das Bücherfest nutzen den lauschigen Pfleghof-Innenhof gelegentlich, aber verbunden wird er seit 2012 (als dieses Foto entstand) mit dem alljährlichen Sommernachtskino. Damit soll hier nach der diesjährigen Saison Schluss sein.Archivbild: Sommer

Vor drei Jahren zog das sommerliche Open-Air-Kino vom Schlachthausareal nahe dem Österberg in den Pfleghof um. Dabei nahmen der Bewegte-Bilder-Macher Carsten Schuffert und sein Team in Kauf, die Filme unterm Himmelszelt vor weniger Zuschauern zu zeigen. Zum Ausgleich erwies sich der malerische Innenhof als „Fläche mit Flair“, wie Schuffert sagt.

Solch eine Fläche mit Flair und Atmosphäre muss sich das Sommernachtskino künftig anderswo suchen. Denn das Landesamt Bau und Vermögen, das auch den Pfleghof unter seinen Fittichen hat, verband die Genehmigung für die Ende Juli startende Filmreihe diesmal nicht nur mit strengeren Auflagen, sondern auch einem Platzverbot für die Zukunft: Danach ist Schluss mit den cineastischen Freilichtspielen im Pfleghof.

„Das Vertrauen zu Herrn Schuffert ist ein gebrochenes“, sagt Bernd Selbmann, der über die Landesliegenschaften in Tübingen wacht. In seinen Augen hat sich das Sommernachtskino zu wenig an Regeln und Vorgaben gehalten. Deshalb schloss das Land fürs aktuelle Sommernachtskino im Pfleghof den „Nutzungsüberlassungsvertrag“ nicht mit Schuffert, sondern der Stadt, die somit hier erstmals veranstaltend in Vorleistung tritt.

Das Vertragswerk hat es in sich: Auf immerhin 40 Seiten schreibt es haarklein vor, was Veranstalter zu tun und vor allem zu lassen haben. Ein Musterkatalog, der nicht zuletzt nach dem Duisburger Loveparade-Desaster zu mehr Sicherheit mit noch mehr Regeln führen soll. Für das Land Baden-Württemberg wurde er im Finanzministerium, dem das Vermögenamt angegliedert ist, ausgebrütet. Und Selbmann betont, dass er für alle fraglichen Liegenschaften gelte, für den Pfleghof ebenso wie etwa fürs Neue Schloss in Stuttgart.

Carsten Schuffert sieht als Leidtragender allerdings mit ausufernder Regulierungswut eher behördliche Kulturverhinderer am Werk: „Seit Jahren immer mehr Hürden, das ist völliger Wahnsinn!“ Besonders bringt ihn eine verordnete externe Aufsichtskraft in Rage, die nun als „Veranstaltungsleiter“ während allen Vorführungen vom Einlass bis zum Ende kontrollieren soll, ob die vom Land verfügten Auflagen auch akribisch einhalten werden. Kostenpunkt: rund 4100 Euro. Keine Kleinigkeit bei einem Kulturereignis, das sich betriebswirtschaftlich sowieso nie rechnet. „Das Ding ist jetzt schon defizitär“, schwant Schuffert.

Auch die Stadt, die nun die Hälfte der Aufpasser-Gebühren übernimmt, sieht laut Kulturbürgermeisterin Christine Arbogast einen „Trend, sich auf Vorschriften zurückzuziehen, und zwar nicht nur beim Land, sondern insgesamt.“ Formal sei zwar alles korrekt, so Arbogast: „Ich wünsche mir aber mehr Kulanz zugunsten einer kulturell lebendigen Stadt.“ Tübingens Stadtverwaltung bevorzuge es, „wenn‘s nach uns geht, unkomplizierter. Wir brauchen keine 40 Seiten.“ Wichtiger sei ein Vertrauensverhältnis mit den Veranstaltern.

Und da möchte man Schufferts Sommernachtskino unbedingt halten. Arbogast: „Er ist unglaublich engagiert und macht das mit Leib und Seele.“ Die Bürgermeisterin hält ansonsten wenig vom „Anziehen der Daumenschrauben“, wie das mit den Pfleghof-Maßstäben droht. „Da kriegen Sie jede Veranstaltung tot. Man soll doch nicht nur Paragraphen durchlesen.“

Schuffert glaubt, an ihm solle ein Exempel statiert werden. Und fragt: „Kann es sein, dass so durch das Land Kulturveranstaltungen verhindert werden?“ Das Land, meint Selbmann, stelle zwar mögliche Standorte Kulturveranstaltern „für einen relativ günstigen Mietpreis zur Verfügung, wir können aber nicht die Haftung übernehmen.“ Und das Amt könne nicht, „bei allem guten Willen“, größere Events „nebenberuflich betreuen, statt zu schauen, wo Asylbewerber unterkommen. Das ist schlicht nicht unsere Aufgabe, dafür haben wir keine Personalkapazität.“

Das Sommernachtskino ist über die Jahre von 17 auf zuletzt elf Vorführungen geschrumpft. In diesem Jahr werden es nur noch zehn Termine sein. Trotzdem hat das Land die Miete verdoppelt. Eine „notwendige Anpassung“ nennt das Selbmann. Natürlich enthalte der Vertrag jetzt „viele Einzelheiten“ – „das geht ans Eingemachte“.

Aber muss man wirklich, fragt sich wiederum Schuffert, dem Veranstalter beispielsweise ein zusätzliches Sturzgitter am Geländer einer Pfleghof-Treppe aufnötigen, die tagsüber von Kindern der Landesjustiz-Kita auf dem Weg zum Spielplatz benutzt wird, aber kaum abends von der Kino-Klientel im gesetzten Alter? Und wäre solch ein Schutz, wenn schon, nicht sowieso Landessache? „Wo ist da das Gefahrenpotenzial?“, fragt Schuffert verärgert. Doch Selbmann erklärt: „Zwölf Kinder mit Aufsichtspersonal, das ist halt auch eine andere Rechtssituation.“

Noch ungewiss bleibt, wo das Sommernachtskino künftig eine Bleibe findet. In der Kernstadt kommen nur wenig Plätze infrage, und dann gibt es ja noch die Schwierigkeiten mit Anwohnern, sagt Arbogast: „Ein generelles Problem in der ganzen Innenstadt.“ Aber der fußläufig stadtnahe Standort, so die Bürgermeisterin, bleibe „Wunsch und Ziel.“

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25.06.2015, 12:00 Uhr

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