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Ein Hörgerät als Störgerät

David Orlowsky Trio verbeugt sich vor Klezmer-Größen Brandwein und Tarras

Das David Orlowsky Trio zum Jahreswechsel in der Tübinger Jakobuskirche – das hat mittlerweile Tradition: 250 Gäste hörten am Silvesterabend zu. Gestern trat das Trio dort noch einmal auf.

02.01.2015
  • Michael Sturm

Tübingen. Die aktuelle Besetzung entstand vor neun Jahren: Damals stieß Gitarrist Jens-Uwe Popp zu Klezmer-Klarinettist David Orlowsky und dessen langjährigem Begleiter am Kontrabass, Florian Dohrmann. Das David Orlowsky Trio hat seitdem fünf Alben veröffentlicht. An Silvester und Neujahr trat das Trio zum bereits im Vorfeld ausverkauften Heimspiel in der Tübinger Jakobuskirche an. Mit der jüngsten Produktion „Klezmer Kings“ im Gepäck – einer musikalischen Verbeugung hauptsächlich vor dem Vermächtnis von Naftule Brandwein und Dave Tarras, beide ausgewiesene Virtuosen und Legenden des Genres. Brandwein, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Galizien nach New York ausgewandert, war ein Exzentriker. Er bezeichnete sich selbst als König der Klezmer-Musik und trat entsprechend auf: Einmal trug er einen mit elektrischen Kerzen behängten Smoking. Brandwein schwitzte stark – ein Kurzschluss verkürzte beinahe sein Leben. Als dessen charakterlicher Gegenentwurf galt Dave Tarras, der 1921 von Bessarabien nach New York übersiedelte und Brandwein in so manchem Orchester ersetzte.

Eine tänzelnde Kontrabasslinie Florian Dohrmanns eröffnete das erste Bündel an Stücken, die ineinander übergingen: „Yossl Yossl“, „Nigunim“ und „Lebedig un Freylach / Odessa Bulgar“– alle von der aktuellen CD. Nach David Orlowsky stieg Jens-Uwe Popp mit gezupften Saiten auf den hohen Bünden ein, ehe er die anderen mit durchgeschlagenen Akkorden ins forte führte.

Wunderbare, gefühlvolle Musik, allerdings mit einem Makel: Ein seltsamer Pfeifton begleitete den Sound des Trios von Beginn an. Er änderte sich gar bei Akkordwechseln. Lag es am Gitarren-Verstärker? Wohl kaum: Jens-Uwe Popp hätte das Problem doch sicher spätestens während einer Unterbrechung vor dem folgenden Stück regeln können. Doch der unangenehme Pfeifton blieb im Raum hängen – bis zur Pause. Dann stellte sich heraus, dass er von einem Hörgerät verursacht worden war.

Für die drei Musiker und ihre Zuhörer war es gleichermaßen ärgerlich. Gerade zu Beginn, während der feinen Passagen in kontrolliertem piano, nahm der Dauerton eine ähnliche Lautstärke wie die Musik selbst ein. Auch das behutsam gespielte, nachdenklich-traurige „Papirosn“, über einen Jungen, der vergeblich versucht, auf der Straße Zigaretten zu verkaufen, litt unter dem nach wie vor penetrant hörbaren Dauerton.

Nach der Pause, als die unangenehme Störquelle gefunden und ausgeschaltet war, begann der echte Hörgenuss. Orlowsky, Dohrmann und Popp zeigten – für sich und und zusammen – ein höchstes Maß an Virtuosität. Ihr Spiel mit Klangformen und -farben war stets höchst abwechslungsreich. Durch die Modulation einzelner Töne schufen die drei Musiker verschiedenste emotionale Ebenen. Und sie trieben ihren Schabernack mit dem Publikum, etwa dem von Orlowsky angetäuschten Schluss in „Naphtaly’s Freilach“, während Dohrmann noch weiter zupfte. „Ganz schön gemein“, gab Orlowsky augenzwinkernd zu.

Die Größe des David Orlowsky Trios besteht darin, über den Klezmer hinausgewachsen zu sein, ohne diese Musikrichtung verlassen zu haben. So begannen Dohrmann und Popp das Bündel aus „Der Heyser“, „Nifty‘s Freilach“ und „Bulgar No. 1“ mit eher perkussivem als melodischem Saiten-Anschlag. Orlowsky feuerte wiederum Arpeggio ähnliche Notenkaskaden ab, als wären sie Silvesterraketen. Hierbei hätte er schon – als Hommage an Naftule Brandwein – seinem Publikum den Rücken zudrehen können. Das tat dieser seinerzeit immer bei schwierigen Passagen – um den Musikern im Publikum keinen seiner Tricks zu verraten. Diesen Gag brachten erst Orlowsky, dann Dohrmann dann halt bei relativ einfachen Passagen.

Am Ende erklatschte sich das Publikum zwei Zugaben: „Ultimate Bulgar“, das irgendwie nach spanischen Flamenco-Gitarren klang, und zum Abschluss „Juli“. Ein großartiges, mit viel Applaus bedachtes Konzert verklang und am Ende erinnerte sich kaum jemand noch an die Störgeräusche vor der Pause.

David Orlowsky Trio verbeugt sich vor Klezmer-Größen Brandwein und Tarras
Drei, die sich nicht beirren ließen: Florian Dohrmann, David Orlowsky und Jens-Uwe Popp (von links) trotzten in der Jakobuskirche dem Störton.

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02.01.2015, 12:00 Uhr

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