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Die Wahrheit ist nicht frei von Zweifeln

Dea Lohers „Diebe“ und Dennis Kellys „Taking Care of Baby“ am Deutschen Theater Berlin

Der Start des neuen Intendanten Ulrich Khuon am Deutschen Theater Berlin war eher schwach. Allmählich aber fasst das Ensemble Fuß.

20.01.2010
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Die Berliner Theatersaison, Abteilung Schauspiel, ist bis jetzt sehr arm an Höhepunkten. Schaubühne, Volksbühne, Gorki-Theater und Berliner Ensemble - alles überraschungslos wie gehabt. Hecht im Karpfenteich aber sollte und wollte sowieso das neuformierte Deutsche Theater werden. Doch das immense Erfolgserbe, das Bernd Wilms seinem gleichfalls im Schwäbischen verwurzelten Nachfolger Ulrich Khuon hinterlassen hat, wirkte sich auf Anhieb nicht unbedingt verpflichtend aus. Von zwölf Premieren waren grade mal zwei überzeugend: Michael Thalheimers aus Hamburg übernommener „Puntila“ und Nicolas Stemanns witzig gegen den Strich gebürstete „Heilige Johanna der Schlachthöfe“.

Khuon bleibt Autoren und Regisseuren, die einmal bei ihm vielversprechende Zeichen gesetzt haben, treu. So also durfte der mit nicht weniger als fünf Produktionen den Spielplan dominierende Hausregisseur Andreas Kriegenburg auch das jüngste Stück Dea Lohers vier Stunden lang uraufführen: „Diebe“.

Das Stück verlabert und verläppert sich, kunstgewerbe-feingeistig ausgepinselt, in zwei Dutzend gegeneinander und ineinander verwobene Episoden zwischen aufgekratzt slapstick-munter und trief-tragisch lebensüberdrüssig. Letztlich sind Lohers haltlos am Abgrund entlangschlitternde „Diebe“ nicht viel mehr als ein dünner Aufguss von Botho-Strauß-Stücken, also nur allzu bekannte Gesichter und gemischte Gefühle von Paaren und Passanten.

Schauspielerisch jedoch ist das Deutsche Theater zweifelsfrei gut gerüstet, obwohl die vielgeliebten Altstars des Traditionshauses bislang nur spärlich in Erscheinung treten dürfen. Wie sehr sich ein an sich harmloser Regisseur wie Sascha Hawemann auf dieses dochdifferenzierte Ensemble verlassen kann und damit dann fast Gosch-Höhen erreicht, beweist die deutsche Erstaufführung von Dennis Kellys „Taking Care of Baby“. Das urbritische Stück ist nach seiner deutschsprachigen Erstaufführung in Basel von „Theater heute“ zum besten ausländischen Stück des Jahres 2009 gewählt worden. Zu Recht. Es handelt rätselaufgebend von der diffusen Wahrnehmung dessen, was beweisbar wahr und was nur manipulierte (Schein-)Wirklichkeit ist.

Mike Kelly kann, was Dea Loher nicht kann, weil es sie bei ihrem ambitionierten Streben nach metaphysischem Überbau nur behindern würde: griffig realistische Dialoge schreiben. Es geht um eine Mutter, die angeklagt und freigesprochen worden ist als mutmaßliche Kindsmörderin. Das Stück nun tut so, als rolle es recherchierend mit Befragungen von Arzt, Gatten und Mutter der Mordverdächtigten den Fall dokumentarisch auf. In Wirklichkeit aber ist alles total fiktional. Ein raffiniert jonglierendes und experimentierendes Puzzle-Kunststück: das Publikum glauben zu machen, alles sei wirklichkeitsecht und dann mit widersprüchlichen Aussagen der Betroffenen Zweifel säen in seine Wahrnehmungsfähigkeit.

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20.01.2010, 12:00 Uhr

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