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„Death, Divorce, Disaster“
Er weiß, wie Sammler ticken: Dirk Boll ist einer von drei Präsidenten des Londoner Auktionshauses Christie's und zuständig für Europa, Russland, Indien und den Mittleren Osten. Foto: Lars Schwerdtfeger
Auktionshaus

„Death, Divorce, Disaster“

Der Christie's-Präsident Dirk Boll erklärt, warum der Geldadel keinen Platz mehr für Bilder hat und woran man Anfänger auf Auktionen erkennt.

18.04.2017
  • IGOR STEINLE

Ulm. Als gebürtiger Kasseler hat Dirk Boll auf der Documenta schon früh Bekanntschaft mit der internationalen Kunstszene gemacht. Heute ist er einer von drei Präsidenten des Londoner Auktionshauses Christie's und als solcher zuständig für Europa, Russland, den Mittleren Osten und Indien. Schon während seines Jurastudiums hat er in Auktionshäusern gejobbt, danach in Ludwigsburg ein Aufbaustudium in Kulturmanagement absolviert. Er kennt sich aus in der Region, war 2000-2004 Büroleiter von Christie's in Stuttgart. Die von ihm momentan geschätztesten Künstler: Yngve Holen und der Fotograf Tobias Zielony.

Herr Boll, wie verhält man sich am besten auf einer Auktion?

Dirk Boll: Wie erfahren jemand bietet, sehen Sie daran, wie offen er bietet. Wenn Sie mit anderen in Wettbewerb stehen, wollen Sie natürlich, dass Ihr Bietkonkurrent nicht durchschaut, wie lange Sie mithalten können oder wollen. Es gibt deswegen Menschen, die ganz lange nicht bieten und warten, bis das allgemeine Interesse nachlässt. Und dann gibt es Menschen, die am Anfang gleich mit einem hohen Gebot einsteigen und deutlich machen: Das wird mein Werk, wagt ja nicht euch dagegenzustellen.

Wie kann man daran teilnehmen?

Auktionen sind öffentlich, da kann man einfach reingehen, das ist ein Spektakel und meistens sehr unterhaltsam. Wenn Sie irgendwo hinkommen, wo es Auktionen gibt, gehen Sie ruhig rein.

Irgendetwas, das man beachten müsste?

Wenn der Hammer fällt und der Auktionator sagt: Das Los mit der Nummer 12 geht für 25 000 Euro an den Bieter mit der Nummer 586, dann schickt es sich nicht, sich umzudrehen, das macht man nicht. Profis, die sehen wollen, wie viele Gebote es gibt, sitzen deswegen hinten. Wohingegen Privatleute häufig nochmal einen Blick auf das Werk werfen wollen, um sich rückzuversichern, dass sie das Richtige tun. Die sitzen eher vorne.

Was für Menschen trifft man dort?

Sammler sind Menschen, die in einem kunstaffinen Umfeld aufwachsen, früh anfangen, als Student das erste Foto oder die erste kleine Zeichnung kaufen. In dem Maße, wie sich Geschmack und Einkommen entwickeln, entwickelt sich ein Sammler. Und es gibt wahnsinnig viele, dieses jahrtausendealte Prinzip funktioniert noch sehr gut.

Sind auf Auktionen alle Sammler?

Es gibt natürlich auch Menschen, die nicht diese privilegierte Aufzucht hatten, die ihre jungen Jahre damit verbracht haben, Unternehmen zu gründen und sehr viel Geld zu verdienen. Die wachen eines Tages auf und merken, dass ihre alte Ikea-Einrichtung sich nicht mehr schickt für einen Multimillionär. Die kaufen dann bei uns Antiquitäten, zeitgenössisches Design oder Schmuck, den sie auch bei Cartier finden, stattdessen kommen sie auf den Kunstmarkt. Das ist Luxuskonsum zur sozialen Distinktion.

Wie funktioniert dieser Markt?

Wenn Kunst geschaffen wird, kommt sie erst auf den Primärmarkt, das sind vor allem Galerien. Die verkaufen die Werke an Sammler oder Museen. Wenn ein Sammler eines Tages verstirbt und die Erben möchten das Werk aber nicht behalten oder es ist so wertvoll geworden, dass sie es verkaufen müssen, dann kommt das Werk auf den Sekundärmarkt. Das können natürlich wieder Galerien sein, Kunsthandlungen oder eben Auktionshäuser.

Es muss also jemand sterben, damit Sie Kunst verkaufen können?

Es sind die drei großen D: Death, Divorce, Disaster. Kunstwerke werden verkauft, weil jemand stirbt, sich scheiden lässt, und man sich nicht einigen kann, oder weil jemand Bankrott macht.

Und was kauft man hierzulande?

In Baden-Württemberg findet eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kunst statt, die nicht so sehr an Repräsentation interessiert ist. Die Sammler hier sind auf einer sehr intellektuellen Ebene mit ihrem Sammeln und ihren Werken verbunden.

Und anderswo?

In mediterranen Ländern hat Kunstbesitz stark repräsentativen Charakter, denken Sie an italienische Altmeister oder Spanien, wo Prunkentfaltung traditionell zur Kunstrezeption dazugehört. Da finden Sie opulente Möbel, kostbares Silber. Das finden Sie hier in der Gegend relativ selten.

Hat sich der Geschmack im Laufe der Zeit gewandelt?

Den Rekordpreis des Jahres 1990 hat mit 80 Millionen Euro ein Ölgemälde aus dem 19. Jahrhundert von van Gogh erzielt. Zu der Zeit war das schon revolutionär, weil bis dahin Weltrekorde traditionell alte Meister waren. Die letzten Rekordbilder sind ein Picasso der klassischen Moderne für 180 Millionen und ein Bacon für 140. Da sind wir in der Jetzt-Zeit. Die Menschen wollen Kunst kaufen, die sie in Relation zu ihrem eigenen Leben setzen können. Und was in der Marktspitze geschieht filtert über die Zeit in alle anderen Marktbereiche durch.

Wie können kleine Museen bei den Preisen heute noch mithalten?

Nur ein ganz kleiner Teil von künstlerischen Œuvres erzielt diese wahnwitzigen Preise. Bei weitem der allergrößte Teil von Kunstwerken liegt entfernt von Millionenzuschlägen. Man verkennt das leicht, weil die Medien gerne über Rekordpreise schreiben. In Wirklichkeit liegen über die Hälfte aller Transaktionen auf internationalen Kunstmärkten im Bereich von unter 3000 Euro. Außerdem muss natürlich nicht jedes Museum versuchen, eine kleine Version der Sammlung des Moma in den eigenen Räumen zu haben.

Was könnten sie stattdessen tun?

Am internationalen Diskurs teilnehmen, sich konzentrieren, auf eine nationale Schule, auf eine bestimmte Epoche, möglicherweise auf regionale Künstler. Vielleicht liegt die Lösung in einer Kombination aus alledem.

Wohin geht der Trend im Moment?

Skulpturen sind ein großer Trend. Die Lücke zwischen Gemälden und Skulpturen schließt sich zunehmend. Auch bedingt durch eine Banalität: Moderne Architektur für reiche Leute hat heutzutage keine Wände mehr. Diese ganzen neuen Luxusappartments haben sehr viel Glas, aber sehr viel weniger Fläche, um Bilder aufzuhängen.

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18.04.2017, 06:00 Uhr

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