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Ideenlosigkeit der Stadt oder Ignoranz der Eltern

Debatte im Sozialausschuss: Warum wird die Kreisbonuscard so selten benutzt?

Mehr als 1600 Kreisbonuscards hat das Landratsamt in diesem Jahr für Rottenburger Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausgestellt. Doch viele Vergünstigungen werden gar nicht in Anspruch genommen.

19.11.2014
  • Michael Hahn

Rottenburg. Auf den Plastikkärtchen steht „Kreis“ drauf, aber es steckt „Stadt“ drin. Das Tübinger Landratsamt prüft nur, ob das jeweilige Haushalts-Einkommen niedrig genug ist, um zu einer Bonuscard berechtigt zu sein (siehe Kasten). Welche Vergünstigungen man dann mit der Karte erhält, das ist Sache der jeweiligen Kommunen. Die Städte und Gemeinde bezahlen dann auch dafür.

Vor zwei Jahren beschloss der Rottenburger Gemeinderat mehrere „Freiwilligkeitsleistungen“. Kinder und Jugendliche mit Kreisbonuscard müssen demnach in der Musikschule, in der Volkshochschule und im Stadtbus nur die Hälfte der normalen Kindergebühr bezahlen (erwachsene Bonuscard-Inhaber erhalten zehn Prozent Nachlass). Familienkarten für Freibad oder Hallenbad kosten nur den halben Preis.

Für die Differenz erstattete die Stadtkasse der Musikschule, der Volkshochschule und den Stadtwerken im vergangenen Jahr rund 34 000 Euro. Das berichtete Andrea Ebert, die Leiterin des Bürgerbüros für Soziales, am Dienstagabend im Sozialausschuss. Eingeplant waren 70 000 Euro für 2013, aber offensichtlich war die Nachfrage geringer als erwartet.

53 Anbieter gewähren Vergünstigungen

Außerdem hat die Stadtverwaltung viele Geschäfte, Kultureinrichtungen und Vereine in der Stadt gebeten, sich mit eigenen Vergünstigungen am Bonuscard-Programm zu beteiligen. Insgesamt 53 Anbieter machen mit, angefangen von der Rottenburger Tafel über die Museen bis zur Kletteranlage des Alpenvereins. Auch das SCHWÄBISCHE TAGBLATT ist dabei: Bonuscard-Inhaber können zum halben Preis abonnieren.

Die 53 Anbieter sind in einem kleinen Heftchen aufgelistet, das in den Rottenburger Rathäusern und Verwaltungsstellen ausliegt. „Wenn wir Wohngeld bewilligen, dann legen wir immer eine Broschüre bei“, sagte Andrea Ebert.

Im Jahr 2013 hat das Landratsamt insgesamt 1012 Kreisbonuscards für Einwohner/innen von Rottenburg ausgestellt. Tendenz stark steigend. Im laufenden Jahr waren es bis September schon 1569 Karten; mittlerweile dürften es also deutlich mehr als 1600 sein.

Die 1569 Karten verteilen sich laut Ebert auf 298 Haushalte. Das entspricht im Durchschnitt(!) mehr als fünf Personen pro Haushalt – ein erstaunlich hoher Wert, weil ja auch viele Ein- und Zwei-Personen-Haushalte anspruchsberechtigt sind (Rentner, Alleinerziehende). „Die Zahlen habe ich vom Landratsamt bekommen“, sagte Ebert dazu auf Nachfrage.

Im August startete das Sozial-Bürgerbüro eine Umfrage. Fast alle Anbieter haben geantwortet. Der erste Befund: Die Hälfte der Anbieter hat noch nie eine Vergünstigung gewährt – mangels Nachfrage.

Von den 298 angeschriebenen Haushalten antworteten nur 39 auf die Umfrage. Sie nutzten die Card am ehesten im Freibad und im Hallenbad, bei der Rottenburger Tafel, im Waldhorn-Kino, im Stadtbus und fürs TAGBLATT. Viele wünschten(weitere) Vergünstigungen für Bus- und Bahntickets. Aber, so schränkte Ebert ein, wegen des geringen Rücklaufs an Fragebögen sei das Ergebnis „nicht repräsentativ“.

Ebert empfahl dem Ausschuss mehrere „Handlungsmöglichkeiten“. Darunter: Mehr Werbung für die Kreisbonuscard, eine Neuauflage der Broschüre (die erste Auflage von 2200 Exemplaren dürfte Mitte 2015 ausgehen), stärkere Ermäßigungen bei der Volkshochschule und vor allem im Nahverkehr.

Emanuel Peter: Ideenlos! OB Neher: Beleidigung!

Linken-Stadtrat Emanuel Peter fand das zu wenig. Er beschäftige sich schon lange mit dem Thema Kinderarmut, sagte er. Aber in seinen fünf Jahren im Rottenburger Gemeinderat habe er „noch nie eine so ideenlose und konzeptionslose Vorlage zu diesem Thema gesehen“ wie die vom Dienstag. Peter: „Wir erfahren noch nicht einmal die Zahl der Anspruchsberechtigten.“

Da brauste Oberbürgermeister Stephan Neher auf. „Das ist eine Beleidigung, die ich zurück weise“, rief er. „Wissen Sie überhaupt, was da für Arbeit drin steckt?“ Auch SPD-Stadtrat Hermann Steur nahm die Verwaltung in Schutz: „Ich finde die Vorlage gut. Sie zeigt vieles auf, aber sie löst kein Problem.“ Es sei nun mal schwierig, die Betroffenen zu erreichen. „Das ist oft mit Scham verbunden.“

Mit Hilfe von weiteren Zuschüssen („Teilhabe“-Programm, Aktion „Sahnehäubchen“) könne man beispielsweise die Musikschul-Gebühren auf „Null“ reduzieren, sagte der OB. Sein Fazit: „Es sind die Eltern, die ihre Kinder nicht hin schicken. Es liegt nicht an der Armut.“

Schüler-Vertreter Jasson Schuler erinnerte an die teuren Naldo-Tickets: 3,20 Euro kostet eine Fahrt von Rottenburg nach Tübingen. Wenn es hier einen spürbaren Rabatt gäbe, dann würde „die Kreisbonuscard unter Jugendlichen mehr ins Gespräch kommen“, sagte Schuler. OB Neher erwiderte, der Naldo-Aufsichtsrat habe ein kreisweites Sozialticket schon mehrmals abgelehnt. Bezahlen müsste also der Landkreis. „Aber ich weiß gar nicht, wie das berechnet würde.“

Linken-Stadtrat Peter beantragte stärkere Ermäßigungen für „alle städtischen Aktivitäten“, beispielsweise für die Volkshochschule. Und der Rottenburger Gemeinderat solle den Kreistag dazu auffordern, endlich ein kreisweites Sozialticket für den Nahverkehr einzuführen. Diese Anträge werden nun in den Fraktionen beraten.

Seit Juli 2011 stellt das Tübinger Landratsamt für alle Menschen mit geringem Einkommen so genannte Kreisbonuscards aus. In Tübingen und Rottenburg lösen die Plastikkärtchen die früheren Familienpässe ab. Die Einkommensgrenzen liegen etwas höher als das Arbeitslosengeld II („Hartz Vier“).

Eine Kreisbonuscard kann jede/r beantragen, der/die „Hartz Vier“
,Grundsicherung
Wohngeld
Kinderzuschlag oder
Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht.

Den Antrag kann man auf den jeweiligen Rathäusern stellen. Diese leiten ihn dann ans Landratsamt weiter, das über den Antrag entscheidet.

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19.11.2014, 12:00 Uhr

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