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Dem Himmel so fern

Totalschaden an der heilen Welt: Großes Retro-Kino mit Mitfühl-Effekt.

Totalschaden an der heilen Welt: Großes Retro-Kino mit Mitfühl-Effekt.

FAR FROM HEAVEN
USA

Regie: Todd Haynes
Mit: Julianne Moore,Dennis Quaid,Dennis Haysbert

- ab 6 Jahren

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24.11.2015
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So war das damals, in den fünfziger Jahren, im Kino. Wer es als weißer Amerikaner ein bisschen zu was gebracht hat, der lebt in einer lieblichen Kleinstadt, in einem pittoresken Eigenheim mit vom Gärtner akkurat geflegtem Grün drumherum. Man hat eine stattliche Limousine von makellosem Glanz, adrett herausgeputzte Kinder und die ehrenwerte Haltung, dass Neger im Grunde auch Menschen sind. Während Männe im Büro wie ein Berserker schuftet, hält Mutter mit Hilfe ihrer schwarzen Perle das Nest sauber und warm. Mit den lieben Kleinen spricht sie von sich stets in der dritten Person: „Pass auf, Mutter fährt jetzt den Wagen in die Garage.“

Hunderte von Hollywood-Filmen haben, oft mit Doris Day in der Hauptrolle, dieses Milieu verherrlicht. Es gab aber auch ein paar, die sich für die hinter der Fassade schlummernden Leidenschaften und Sehnsüchte interessierten. Für all die normalerweise unterdrückten Gefühle, die - einmal entfesselt - das gesamte (Lügen-)Gebäude zum Einsturz bringen. Auch für den Anpassungs-Terror der Umwelt, die jede Abweichung von der Norm erbarmungslos bestraft.

Unbestrittener Meister dieser Melodramen aus dem Kleinbürger-Alltag war der gebürtige Deutsche Douglas Sirk. Mit Filmen wie „Solange es Menschen gibt“ und „Was der Himmel erlaubt“ setzte er insbesondere den Frauen, den ersten Opfern dieser glamourös verpackten Doppelmoral, ein Denkmal. Zu ihrer Entstehungszeit wurden diese Filme als kitschige Rührstücke verunglimpft. Erst die energische Fürsprache Rainer Werner Fassbinders („mein Vorbild“) ebnete Sirk den Weg in den Klassiker-Kanon.

Von dieser fernen Kino-Vergangenheit ist deswegen so ausführlich die Rede, weil „Dem Himmel so fern“ von Todd Haynes (der zuletzt mit „Velvet Goldmine“ den schrillen Siebzigern huldigte) in punkto Ästhetik, Milieu und Dramaturgie die getreue Kopie eines typischen Sirk-Films ist. Inhaltlich geht er aber noch einen Schritt weiter, spricht aus, was im Kino der Eisenhower-Ära allenfalls verschämt angedeutet werden konnte. Was, mag sich Haynes gedacht haben, ist das Schlimmste, was der eingangs skizzierten Familie gesellschaftlich zustoßen könnte? Richtig: Vater entpuppt sich als schwul und Mutter verliebt sich in den schwarzen Gärtner. Käme es heraus (und es kommt!), wäre das ein Totalschaden der heilen, Wohlstand und Renommee gewährenden Welt. Deswegen ist erst mal Heimlichkeit angesagt: Vater muss in die Therapie und Mutter zwingt sich standhaft, ihr Gefühl zu verleugnen.

Haynes' Film ist, zunächst einmal, schauwertiges Retro-Kino der obersten Güteklasse. Jedes Bild bietet einen prachtvollen Blick in die Puppenstube der Kino-Fünfziger mit leuchtenden Technicolor-Farben und Unheil-schwangerer Rieselmusik. Doch erstaunlicherweise geht er weit übers Schwelgen hinaus. Wie durch ein Wunder wird man von Minute zu Minute stärker gefesselt von dieser so antiquiert anmutenden Kleinstadt-Tragödie um Frauenleid, Rassismus und Homophobie, die von Haynes ernsthaft-elegisch, ohne jedes ironische Augenzwinkern erzählt wird.

Das liegt zum einen an Julianne Moore (Bild), die diese zwischen Aufopferung und Lebensgier eingekeilte Hausfrau mit ergreifender Zärtlichkeit verkörpert. Ihre Wandlung vom sorglosen Doris-Day-Heimchen zu einem vom Schmerz gestählten Charaktermenschen voller Mitgefühl ist trotz der Künstlichkeit des Settings vollkommen glaubwürdig.

Es kommt aber hinzu, dass der Grundkonflikt, von den Einzelheiten mal abgesehen, gar nicht so gestrig ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn immer noch stirbt, wer seine Sehnsucht einfriert, lebenslang lebendig. Und wer sie auslebt, kann alles verlieren, was ihm lieb und teuer war.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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