Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
1809 wurde der Sozialreformer Gustav Werner geboren

Dem Werk Leben eingehaucht

Mit der Stiftung zum Bruderhaus begründete Gustav Werner ein gewaltiges Werk. Die Bruderhaus-Diakonie ist heute einer der größten sozialen Dienstleister Süddeutschlands.

12.03.2009

Gustav Werner kam am 12. März 1809 in der ehemaligen Benediktinerabtei Zwiefalten als erstes von insgesamt sieben Kindern von Johannes Werner und Friedericke Christiane Fischer zur Welt. Nach einer wechselhaften Jugend – er wuchs zeitweise bei den Großeltern und später bei einem Onkel auf – studierte er in Tübingen Theologie.

1832 bekommt Werner eine Vikarstelle angeboten, die er jedoch ablehnt. Stattdessen geht er nach Straßburg, wo er unter anderem als Deutschlehrer arbeitete und das Lebenswerk des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin kennenlernt von dem er zeitlebens fasziniert sein wird. Oberlin, der lange vor Raiffeisen eine Darlehenskasse für die notleidende Landbevölkerung einrichtete und auch als Gründer des ersten Kindergartens gilt, praktizierte die Art von Christentum wie sie auch dem sozial interessierten Werner vorschwebte.

Dies beschreibt Hartmut Zweigle eindrücklich in seinem zum Jubiläum erschienenen Buch über das Leben und Werk Gustav Werners: „Herrschen mög‘ in unserem Kreise Liebe und Gerechtigkeit!“ (Calwer Verlag Stuttgart, 2009). In Oberlin fand Gustav Werner sein „Ideal“, dem er fortan nacheifern sollte.

1834 kehrt Werner in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach Deutschland zurück und tritt in Walddorf eine Pfarrstelle an. Der Jungvikar hält viel beachtete Predigten und gründet schon bald – ganz nach dem Beispiel Oberlins – eine Kleinkinderschule, um der „mannigfachen Verwahrlosung“ vieler Kinder, deren Eltern als Tagelöhner arbeiten mussten, entgegen zu treten. Als Mitstreiterinnen findet er die Walddorferin Maria Agnes Jakob, genannt „Bäsle“ und ihre Nichte Rosine Barbara Jakob, auch „Rosebäbele“ genannt.

Mit "Gotteshülfe" fing es an

Bei der Kinderschule allein bleibt es nicht, in einer sogenannten „Industrieschule“ werden Mädchen in Stricken und Nähen unterrichtet. Bald nimmt Werner die ersten Waisenkinder auf. Er hält nun auch außerhalb Walddorfs, vor allem in Reutlingen, Predigen und verwendet die Spenden um den Unterhalt seiner Schulen zu finanzieren, worauf er prompt in die Kritik der Kirchenleitung gerät. Als der „Reiseprediger“ sich weigert, seine Privatsammlungen aufzugeben, muss er seine Vikariatsstelle aufgeben.

Mit nur wenigen Gulden in der Tasche pilgern Werner, „Bäsle“ und „Rosabäbele“ am 14. Februar 1840 mit ihrer auf zehn Waisen angewachsenen Kinderschar gen Reutlingen. Zunächst kommt die Großfamilie in einer 5-Zimmer-Wohnung gegenüber dem „Wirtshof am See“ unter, doch die wird schon bald zu klein, weil er immer mehr Waisen aufnimmt. 1842 kauft Werner am Stadtgraben ein Wohnhaus, das er „Gotteshülfe“ nennt und zieht dort mit 30 Kindern und fünf Mitarbeiterinnen ein. Der Grundstock für sein bedeutendes diakonisches Werk ist gelegt. Zuvor hat Werner die Kaufmannstochter Albertine Zwißler geheiratet.

Es war eine Vernunftehe, die unter anderem dazu dienen sollte, Gerüchte um den allein stehenden Werner von dem man heute annimmt, dass er homosexuell war, verstummen zu lassen. Noch vor der Heirat, schreibt Zweigle, habe Werner Albertine klar gemacht, dass sie von ihm persönlich nichts erwarten dürfe und sich ganz in den Dienst der Anstalt stellen müsse. Und Albertine muss auf eigenen Kinder verzichten.

Umso fruchtbarer war das Wirken des Paares, das sich fortan „Mutter“ und „Vater“ Werner nennen lässt: 1848 werden in der „Werner“-Anstalt bereits 80 Kinder und Hilfsbedürftige versorgt und erzogen. Um seine Anstalt finanziell abzusichern und seinen Zöglingen eine berufliche Perspektive zu bieten, kauft Werner 1850 die ehemalige Braunsche Papiermühle an der Echaz. Bei der Einweihung der Papierfabrik im Jahr 1851 taucht dann zum ersten Mal der Name „Bruderhaus“ auf. Gustav Werner trägt ein selbst verfasstes Gedicht vor, dessen bekannteste Strophe wie folgt lautet:

Hauch‘ dem Werke Leben ein,,

Daß sich rege die Maschine

Und die Räder groß und klein!

Schaff dem Armen seine Speise

Und dem Nackedem sein Kleid!

Herrschen mög‘ in unserm Kreise

Liebe und Gerechtigkeit!“

In den folgenden Jahren gründet Werner weitere „christliche Fabriken“. Sie sollen Arbeit schaffen, auch für die Schwächeren. Zudem entstehen in ganz Württemberg Zweiganstalten. In Reutlingen zieht 1856 der zehnjährige Waisenjunge Wilhelm Maybach ein, wo er zum technischen Zeichner ausgebildet wird und so das Rüstzeug für seine Karriere als Autokonstrukteur erhält. 1863 wird der Ingenieur Gottlieb Daimler als technischer Leiter im Bruderhaus Reutlingen angestellt. Fünf Jahre leitet er die Maschinenfabrik. Er lernt den begabten Lehrling Maybach kennen mit dem er erfolgreich Autogeschichte schreiben wird.

Etwa zur selben Zeit erleidet Werner einen herben Rückschlag. Die Gläubiger lassen ihn im Stich, das Bruderhaus ist zahlungsunfähig. Erst als der württembergische Staat 1865 mit 50000 Gulden zur Verfügung stellt, gelingt es, den Konkurs des Unternehmens zu verhindern. Ein Aktienverein wird gegründet, die Zahl der Hausgenossen schrumpft von über 200 auf 170 im Jahr 1868. Doch während des Krieges 1870/71 wächst die Familie wieder: Allein 80 Kinder aus Frankreich finden in den Bruderhaus Anstalten eine neue Heimat.

1881 wird die „Gustav Werner Stiftung zum Bruderhaus“ gegründet und der Grundstein zum Kinderhaus gelegt. 1882 stirbt Albertine Werner, doch Gustav Werners Schaffenskraft ist ungebrochen. Er baut ein Kartonagengeschäft für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung auf.

1886 beginnt sich sein Gesundheitszustand zu verschlechtern. Am 27. Juli 1887 versammeln sich einige Verwandte und Hausgenossen um sein Bett. Gustav Werner stirbt, angeblich mit den Worten:„Nur treu, nur treu..."

Dem Werk Leben eingehaucht
So sah das Bruderhaus Reutlingen im Jahr 1886 aus. Im Zentrum ist das Kinderhaus erkennbar, das 1991 dem Straßenbau zum Opfer fiel.

Dem Werk Leben eingehaucht
Der Maler Robert Heck schenkte dieses Bild „Vater Werner mit seinen Pflegebefohlenen“ Gustav Werner 1887 zum 78. Geburtstag. Es hing bis zu dessen Abriss im alten Kinderhauses und ziert jetzt den Festsaal des Gustav-Werner-Heims.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.03.2009, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball